Anzeige

Belgien Spa: Wiege der Wellness

 Foto: OPT-RicardodelaRiva 3 Bilder
Foto: OPT-RicardodelaRiva

Wo liegt der Ursprung unserer Wohlfühlkultur? Ein Rundgang durch den kleinen Ort Spa, das St. Moritz des 19. Jahrhunderts.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Spa - drei Buchstaben, so viel Erholung, Wohlfühlen und Abschalten. In jedem besseren Hotel findet man eine ausufernde Relax-Zone. Aber nur wenige wissen, was hinter dem Begriff steckt. Spa in Belgien, irgendwo im Nirgendwo zwischen Aachen und Lüttich, 10 000 Einwohner, eine Hauptstraße, eine Kirche, viele Quellen, Ursprung der Wellnessbewegung. Jahrhundertelang kamen Könige zum Kuren und Promis zum Protzen. Spa war das St. Moritz des 19. Jahrhunderts. Doch nach Kriegen und Krisen blieben die Reichen und Schönen fast 40 Jahre weg, der Ruhm zerbröselte wie der Putz an den Häusern. Aber nun tut sich etwas: Alte Bauten werden restauriert, mutige Investoren verwandeln die heruntergekommenen Villen in komfortable Bed-and-Breakfast-Hotels.

Ein Besuch in Spa lohnt sich (wieder). Auf der Hauptstraße rollen unermüdlich die Autos durch das belgische Örtchen, manch ein Fahrer scheint die Innenstadt mit der nahen Rennstrecke in Franchorchamps zu verwechseln. Jetzt, wo die Baustelle weg ist, kann man Vollgas geben. Bis vor kurzem werkelten noch die Restauratoren im Zen­trum, um der historischen Trinkhalle „Pouhon Pierre Le Grand“ wieder ein freundliches Gesicht zu geben. Aus dem Verkehrshindernis wurde jetzt das Verkehrsbüro. Vor dem weltweit ersten Kasino spuckt der Springbrunnen Fontänen Richtung Baumkronen. Das benachbarte Kurbad soll in ein Nobelhotel verwandelt werden. Die Räte der Stadt wollten damals keine astronomischen Summen in die Hand nehmen, um das alte Bad in einen Wellness­tempel zu verwandeln. Sie beschlossen einen Neubau am Hang, der jetzt hoch über Spa thront. Ein kluger Schachzug, denn der Ausblick über die Stadt und das Hohe Venn fördert die Entspannung gleich doppelt. Zwar kann die Therme nicht mit den Big Playern im Alpenraum mithalten, aber es wurde an alles gedacht: Außenbecken, ein ganzes Stockwerk für Behandlungen und Anwendungen und zwei Saunabereiche. Das lockt monatlich knapp 15 000 Gäste. Damit sind alle zufrieden. Fast alle.

„Man könnte aus Spa noch viel mehr machen“

„Man könnte aus Spa noch viel mehr machen“, sagt Georges Lacroix. Er gehört zu einer Generation mutiger Hoteliers, die ein neues touristisches Thema für die Region entdeckt haben: Bed-and-Breakfast auf Luxusniveau. Er nimmt seine Gäste gerne mit auf einen Spaziergang oder eine Wanderung rund um Spa, um zu zeigen, dass das Potenzial direkt neben der Straße liegt. Hinter meterdicken Hecken, hochhausgroßen Bäumen und verfallenen Zäunen thronen alte Villen. Manche sehen aus wie Schlösser aus Harry-Potter-Filmen. Erker hier, Türmchen da, Spitze obendrauf. Im 18. und 19. Jahrhundert waren sie die Zweitwohnsitze für Industrielle und Adlige. Heute kann sich kaum jemand die Renovierung und den Unterhalt der ehemaligen Luxusschuppen leisten. Außer man macht es wie Georges. Er kam als Urlauber aus Brüssel und erlag dem Charme der alten Villa mit 20 Zimmern. Wenig später nahm er einen Kredit auf, modernisierte das Haus und füllte es mit Leben.

In fünf stilvoll-schnuckelig eingerichteten Doppelzimmern übernachten jetzt Paare, die die Aura alter Häuser zur Entspannung und zum Entschleunigen nutzen. Dabei hilft natürlich auch ein Thermenbesuch oder eine Wanderung durch das Hohe Venn. Georges grüßt ein junges Paar im Wald, das bei ihm im „weißen Zimmer“ wohnt und sich gerade mit Plastikbechern zuprostet. Darin ist Wasser, frisch gezapft am Brunnen der Sauvenière, die unter anderem die Fruchtbarkeit fördern soll. „Heute morgen haben sie mir beim Frühstück erzählt, dass sie noch keine Kinder haben“, sagt Georges.

Die Natur am Morgen wirkt so inspirierend

Einige wenige Bed-and-Breakfast-Touristen müssen sich erst daran gewöhnen, dass sie mit der Gastgeberfamilie am Tisch sitzen. „Anfangs dachte ich, ich muss meine Tochter zum Frühstück in die Küche schicken“, sagt Ingrid Heck, Betreiberin der Villa Sans Soucis. Jetzt sitzen Briten, Franzosen oder Deutsche morgens im Esszimmer und öffnen der fünfjährigen Jade auch mal das schwere Nutella-Glas oder schmieren ihr ein Butterbrot. Am Wochenende sind auch ihre beiden älteren Schwestern zu Hause. Auf Wunsch kocht Ingrid dann für ihre fünfköpfige Familie und alle Hausgäste. „Das ist viel Arbeit, aber wir wollten es so“, erklärt die Innenarchitektin. Sie und ihr Mann Jean hätten sich vor fünf Jahren in die dreistöckige Villa aus dem 19. Jahrhundert verliebt, „obwohl es eine Ru­ine war“. Jean ist Zimmermann, er entkernte das Haus im Urlaub und am Feierabend und richtete es nach den Anweisungen von Ingrid ein. Von der Zimmervermietung können sie nicht leben. Das Geld dient lediglich dazu, das Haus zu unterhalten. Das Lied kann auch Marc Origer singen, der seine Pension L’Etape Fagnarde als Hobby betrachtet.

Der 60-Jährige arbeitet als Unternehmensberater und prüft auch sein Bed-and-Breakfast regelmäßig auf Herz und Nieren, indem er sich durch alle Zimmer schläft. Für viele Gäste sei es ein „unvergleichliches Erlebnis“, einmal in historisch-luxuriösen Gemäuern zu übernachten. Wie der Selbsttest zeigt, ist man am nächsten Morgen zwar nicht besser erholt als zu Hause, aber die ersten Minuten nach dem Aufwachen könnten schöner nicht sein: Die Morgensonne blinzelt durch die Fenster, das Licht bricht sich dutzendfach an den Holzrahmen, der Blick geht hinaus in den parkähnlichen Garten. Im Wind wippen die Bäume ihre Häupter hin und her. Wer den Tag so beginnt, kann keine schlechte Laune mehr bekommen. Die Natur am Morgen wirkt so inspirierend, dass selbst Bewegungsmuffel gerne in die Wanderschuhe schlüpfen. All jene, die zur anderen Hangseite in die Therme gehen, können von oben herab auf die zahlreichen Villen blicken. So mancher hat sich so schon in eines der mondänen Häuser verliebt - und Spa nicht mehr verlassen.

Unsere Empfehlung für Sie