Im Carré in Bad Cannstatt saß Domenico Tedesco gerade beim Zahnarzt, als seine noch immer junge Trainerkarriere mal wieder eine Wendung nahm. In einem Wartezimmer des Einkaufs- und Gesundheitszentrums las er auf seinem Smartphone die Nachricht, dass Roberto Martinez nicht mehr Nationalcoach der Belgier sei. Und schon flogen die Finger des 37-jährigen Fußballlehrers über die Tastatur. „Dieser Job würde mich reizen. Was muss ich tun, um ihn zu kriegen?“, schrieb er einem Freund mit Branchenkenntnissen.
Schließlich kam ein Berater auf Tedesco zu. Es lief ein Bewerberverfahren am königlich-belgischen Verbandssitz in Tubize, und zunächst war nicht mehr nötig, als einen Lebenslauf zu schicken. Eine Taskforce hatte den Auftrag, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Am Ende des Auswahlverfahrens stand Anfang Februar Tedesco, weltweit nun der jüngste Nationaltrainer. Dennoch stellt er in Belgien eine unbekannte Größe dar, weshalb sich vor dem Länderspiel an diesem Dienstag (20.45 Uhr/RTL) gegen Deutschland in Köln eine Reihe von Sportjournalisten auf Spurensuche begeben hat. Sie wollen wissen, woher Tedesco kommt.
Eine Frage an den Kickers-Trainer
David van den Broeck ist einer der Reporter, die nun den Schurwald kennen und die kleine Gemeinde Aichwald besucht haben. Tedescos Eltern leben noch dort. Der Coach ist zwar in Kalabrien geboren, aber in der Nähe von Esslingen aufgewachsen. Van den Broeck hat sich die Schule im Teilort Schanbach angeschaut und den örtlichen Sportverein ASV besucht, bei dem Tedesco in der Jugend und in der Kreisliga spielte. „Ich wollte aber auch herausfinden, ob Domenico Tedesco tatsächlich ein Schülerpraktikum in der Sportredaktion der ‚Eßlinger Zeitung‘ absolviert hat. Ich hatte davon gehört und fand das interessant“, sagt van den Broeck.
Hat er – und hinterließ einen bleibenden Eindruck. Weil er sich als 15-Jähriger traute, auf einer Pressekonferenz eine Frage zu stellen. Sie war an Michael Feichtenbeiner gerichtet, den damaligen Trainer des Zweitligisten Stuttgarter Kickers. Natürlich war die Frage taktischer Natur, und all das bekommen die belgischen Anhänger nun im „Het Nieuwsblad“ sowie anderen Zeitungen und Onlineportalen zu lesen.
„Ein bisschen besonders ist das Spiel schon“, sagt Tedesco, weil es gegen sein zweites Heimatland geht. Emotional lässt er das aber nicht zu sehr an sich heran: „Ich habe mir in den letzten Wochen gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Da lag der Fokus eindeutig auf dem Spiel in Schweden, die EM-Qualifikation hat oberste Priorität. Wir freuen uns jetzt trotzdem auf ein Testspiel gegen eine absolute Topmannschaft.“
Sportlich geht es für Tedesco nach dem gelungenen Start mit den Belgiern in Solna darum, einen weiteren Akzent zu setzen. Der italienisch-schwäbische Taktiktüftler hatte gegen Schweden (3:0) mit seiner Aufstellung überrascht, da er Dodi Lukebakio von Hertha BSC im Angriff aufbot. Der schnelle Berliner, der zuvor nicht oft in der Anfangself gestanden hatte, bereitete zwei Treffer des dreifachen Torschützen Romelu Lukaku vor.
Ein erster Kniff des früheren Bundesliga-Trainers (Schalke 04, RB Leipzig). Weitere sollen folgen, auch gegen die deutsche Nationalmannschaft. Wichtiger als ein Prestige-Erfolg ist Tedesco jedoch, schnell einen Draht zu den Spielern aufzubauen und die Mannschaft auf das große Ziel einzuschwören: die EM 2024 in Deutschland. Dann geht es für die fußballverrückte Nation nach der enttäuschenden WM 2022 in Katar erst los.
Die Sehnsucht nach einem Titelgewinn ist nach wie vor groß, obwohl die goldene Generation in die Jahre gekommen ist. Eden Hazard (32), Toby Alderweireld (34) und Ersatztorhüter Simon Mignolet (35) sind aus dem Nationalteam zurückgetreten, Axel Witsel (34) und Dries Mertens (35) diesmal nicht nominiert worden. Tedesco erklärte den Stars seine Entscheidung am Telefon. Jan Vertonghen (35) stabilisiert dagegen noch die Abwehr, weil es bei den Belgiern zwar ein Überangebot an starken Offensivkräften gibt, aber kaum Verteidiger mit internationalem Format. Und zu Tedescos Aufgaben gehört es, einen Umbruch einzuleiten.
Eine Herausforderung ist das. Denn noch immer verfügen die Belgier über brillante Spieler. Ohne die maximale Energie und reichlich Tempo gibt es bei einem Turnier jedoch nicht viel zu gewinnen. „Ich bin nicht gekommen, um die Mannschaft zu verjüngen“, sagt Tedesco, „ich bin gekommen, um möglichst großen Erfolg zu haben.“
Schlüsselfigur bleibt dabei Kevin De Bruyne. „Er ist der Spiegel der Mannschaft“, sagt Tedesco. Spielt das Mittelfeld-Ass von Manchester City gut, reißt er das ganze Team mit. Während der WM in Katar sah man den 31-Jährigen jedoch mehr abwinken als lächeln, sagen sie in Belgien. Beim Neustart trägt De Bruyne nun die Kapitänsbinde und mehr Verantwortung für das Ganze – auch das Ergebnis eines intensiven Gesprächs.
Eine klare Kommunikation zählt zu den Stärken des jungen Trainers. Fünf Sprachen beherrscht Tedesco, wobei im belgischen Team Englisch zur Amtssprache erhoben wurde. Eine Entscheidung des Verbandes, damit es keine Konflikte in der Mannschaft gibt, denn ein Teil der Spieler spricht Niederländisch, der andere Französisch. Im Trainerteam spricht man jedoch Deutsch. Die früheren VfB-Profis Andreas Hinkel und Thomas Schneider arbeiten mit Tedesco zusammen. Das Trio kennt sich aus der gemeinsamen Zeit in der Jugendabteilung des Stuttgarter Bundesligisten.
An der Mercedesstraße begann Tedescos Trainerkarriere als Co-Trainer im Kinderbereich. Auch diese Geschichte wird nun im Nachbarland Belgien erzählt. Bei den folgenden Stationen folgte er immer seinem guten Gefühl und weniger einem Karriereplan oder allein dem Geld. Auch diesmal war es so, da der FC Sevilla in La Liga und vor allem die zahlungskräftigen Premier-League-Clubs FC Everton und FC Southampton um ihn buhlten. Doch der Reiz der Roten Teufel war größer.