Beliebte Selbstdiagnose „Wenn alles Trauma ist, dann ist am Ende nichts mehr Trauma“
Der Psychiater Frank Schneider erklärt, was eine posttraumatische Belastungsstörung ausmacht – und wie eine gute Behandlung aussieht.
Der Psychiater Frank Schneider erklärt, was eine posttraumatische Belastungsstörung ausmacht – und wie eine gute Behandlung aussieht.
Die Begriffe „Trauma“ und „Trauma-Reaktion“ sind in sozialen Medien weit verbreitet– und werden oft falsch verwendet. Der Psychiater Frank Schneider warnt vor einer Verwässerung. Im Interview erklärt er, was eine echte posttraumatische Belastungsstörung ausmacht, wie sie behandelt wird – und warum viele populäre Selbstdiagnosen in die Irre führen.
Herr Professor Schneider, der Begriff „Trauma“ wird inzwischen recht inflationär verwendet. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Ein Grund für dieses Buch war, dass ich mit dem weit verbreiteten Missverständnis aufräumen wollte: Nicht jeder, der sich verletzt fühlt oder eine schwierige Kindheit hatte, ist gleich traumatisiert. Neben der Traumatisierung müssen konkrete Krankheitszeichen hinzukommen, also ständiges Wiedererleben, Vermeidung und Bedrohungserleben. Bei den meisten Menschen kommt es glücklicherweise nicht zu diesen Krankheitszeichen, dann ist auch keine Behandlung angezeigt. Zum anderen war es mir wichtig zu zeigen, dass eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, zwar eine ernste Erkrankung ist – aber auch gut behandelbar. Viele Menschen bleiben aber mit dieser Diagnose allein oder geraten an die Falschen.
In sozialen Netzwerken kursiert ständig der Begriff „Trauma-Response“. Dabei werden ganz normale Charaktereigenschaften, wie besonders humorvoll zu sein, als Reaktion auf ein traumatisches Erlebnis bezeichnet. Was halten Sie von diesem Trend?
Da ist viel Unsinn dabei. Früher war es mal ADHS, dann Autismus, dann Borderline – jetzt ist Trauma „in“. Der Begriff wird inflationär verwendet und dabei völlig losgelöst von seiner medizinischen Bedeutung. Viele kreisen zu sehr um sich selbst. Dieses „Ich, Ich, Ich“ ist etwas Mode geworden in unserer Gesellschaft. aber es gehört einfach zum Leben dazu, auch Misserfolge zu haben. Ohne die kann man nicht wachsen.
Was ist denn ein echtes Trauma?
Laut den internationalen Diagnosekriterien des ICD-11 sprechen wir dann von einem Trauma, wenn jemand mit dem Tod, schwerer Verletzung oder sexueller Gewalt konfrontiert ist – sei es direkt oder indirekt. Eine PTBS liegt dann vor, wenn dieses Erlebnis zu Symptomen wie Wiedererleben in Form von Flashbacks oder Albträumen, Vermeidung, Übererregung und einem dauerhaft erhöhten Stressniveau führt. Diese Krankheitszeichen müssen über mindestens mehrere Wochen bestehen bleiben.
Warum glauben dennoch so viele Menschen, dass sie „traumatisiert“ sind oder fühlen sich ständig von etwas „getriggert“ – obwohl sie nie dergleichen erlebt haben?
Ich glaube, auch das hat auch mit unserer aktuellen Gesellschaft zu tun. Die Menschen suchen nach Erklärungsmustern für ihr Unwohlsein – und eine Diagnose ist oft entlastend. Sie erklärt das eigene Verhalten, entbindet von Verantwortung und macht die eigene Geschichte bedeutungsvoll. Der Begriff „Trauma“ ist dabei besonders aufgeladen. Aber das Problem ist: Wenn alles Trauma ist, dann ist am Ende nichts mehr Trauma. Das verkennt das Leid derjenigen völlig, die wirklich unter massiven Folgen einer Erkrankung leiden.
Es gibt inzwischen viele Coaches und Heilpraktiker, die „Traumatherapien“ anbieten, aber keinerlei Ausbildung abgeschlossen haben. Ist das für Betroffene wirklich sinnvoll?
Nein, das sind oft eher Geschäftsmodelle. Viele dieser Anbieter haben keine medizinische oder psychologische Ausbildung, keine Therapieerlaubnis, keine einschlägige Erfahrung. Oft machen sie genau das, was man laut wissenschaftlicher Leitlinie nicht tun sollte: Sie vermeiden die Exposition, also die Konfrontation mit dem Trauma. Und ohne Exposition gibt es keine erfolgreiche Behandlung einer PTBS.
Warum ist die Exposition so wichtig?
Die Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis – in einem geschützten therapeutischen Rahmen – ist der Schlüssel. Nur so kann das Gehirn lernen, dass das Erlebte vorbei ist. Wenn man es ständig vermeidet, bleibt es gegenwärtig. Eine wissenschaftlich fundierte Traumatherapie beginnt mit Psychoedukation, also dem Verstehen der eigenen Symptome, und geht über Emotionsregulation bis hin zur therapeutisch begleitete Exposition. Alles andere ist Augenwischerei.
Was beinhaltet die leitliniengerechte Behandlung?
Medikamente können unterstützend sein, etwa wenn jemand zusätzlich depressiv ist. Aber gegen die PTBS selbst wirken sie nicht. Die Therapie ist deshalb vornehmlich psychotherapeutisch – und zwar evidenzbasiert. Ich beschreibe in meinem Buch nur Verfahren, die wissenschaftlich geprüft wurden, wie zum Beispiel die Kognitive Verhaltenstherapie oder die Narrative Expositionstherapie. Alles andere hilft nicht – oder schadet oft sogar.
Wie erkennt jemand selbst, ob eine echte Erkrankung vorliegt?
Man muss genau hinschauen – und im Zweifel fachlich diagnostizieren. Wir werden ja nicht jemandem seine Gefühle absprechen. Aber nur weil jemand leidet, bedeutet das noch nicht, dass er eine PTBS hat. Es gibt klare Kriterien, nämlich erlebtes Trauma plus spezifische Krankheitszeichen. Wenn diese nicht erfüllt sind, liegt keine Traumafolgestörung vor. Dann kann es sich um eine andere psychische Erkrankung handeln – oder um eine Lebenskrise, die trotzdem Unterstützung braucht, aber eben keine Traumatherapie mit Exposition.
Was bedeutet der Begriff der „komplexen PTBS“ – auch dieser wird häufig in der Selbstbeschreibung verwendet.
Die komplexe PTBS ist eine anerkannte Diagnose, aber sie wird oft missverstanden. Sie betrifft Menschen, die wiederholt und über lange Zeiträume hinweg schwer traumatisiert wurden – etwa durch Folter, Völkermord, häusliche Gewalt, wiederholten sexuellen Missbrauch oder Gewalt in der Kindheit. Diese Menschen leiden zusätzlich an schweren Störungen der Emotionsregulation, an Scham, Schuldgefühlen, negativen Selbstbildern. Und, sie haben Schwierigkeiten, Beziehungen aufrechtzuerhalten und sich anderen Menschen nahe zu fühlen. Die K-PTBS ist keine „Instagram-Erklärung“, sondern eine besonders schwerwiegende Erkrankung, die spezifische Therapieformen erfordert.
Sie beschreiben den Fall eines ukrainischen Soldaten, der bei Ihnen in Behandlung war. Was hat Sie an diesem Fall besonders beschäftigt?
Dieser Mann war schwer traumatisiert, hatte massive Symptome – aber wollte unbedingt zurück in den Krieg. Das zeigt: Man darf und kann Menschen nicht gegen ihren Willen behandeln. Auch nicht, wenn man sieht, wie sehr sie leiden. Unsere Aufgabe ist es, Hilfe anzubieten – nicht, jemanden zu retten, der das nicht will. Aber wenn jemand Hilfe sucht, dann muss sie professionell sein. Das ist mein zentrales Anliegen.
Wie ist Ihre Erfahrung – können Menschen durch die Bewältigung eines Traumas auch wachsen?
Ja, das gibt es. Wir sprechen dann von „posttraumatischer Reifung“. Menschen entwickeln nach dem Trauma neue Stärken, einen klareren Blick auf das Leben, eine veränderte Haltung zu Beziehungen. Das ist aber nicht die Regel – und sicher kein Argument dafür, sich ein Trauma zu wünschen, um daran zu wachsen. Es zeigt nur: Menschen sind resilienter, als viele glauben. Aber sie brauchen den richtigen Rahmen, um ihre Persönlichkeit zu entfalten.
Was wünschen Sie sich im Umgang mit Trauma?
Mehr Aufklärung. Mehr Sachlichkeit. Wichtig ist auch: erst die Diagnose, dann die entsprechende Therapie. Generell wünsche ich mir mehr Respekt vor dem Leid der Trauma-Betroffenen. Es ist gut, dass Menschen heute offener über psychische Belastungen sprechen. Aber wir dürfen den Begriff „Trauma“ nicht entwerten. Nicht jeder, der sich verletzt fühlt, ist traumatisiert. Aber jeder, der eine Traumatisierung erlitten hat und an einer Traumafolgestörung leidet, hat das Recht auf wissenschaftlich fundierte, professionelle Hilfe - um gesund zu werden.
Leben
Frank Schneider ist Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut sowie Neurowissenschaftler. Er war Professor für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der RWTH Aachen, Direktor am Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich und Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Düsseldorf. Derzeit ist er an der Universität Düsseldorf tätig.
Auszeichnungen
Schneider war Präsident und ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande.
Buch
In seinem Buch „Das erschütterte Ich – Trauma verstehen und bewältigen“ gibt Schneider einen Einblick darüber, was Traumata genau sind und wie sie sich bewältigen lassen. Das Buch ist erhältlich bei Droemer Knaur. (nay)