Bene Müller, Pionier der Energiewende Der Sonnenmann vom Bodensee

„Unser Lebensstandard hat den Zenit erreicht“, sagt Bene Müller. Foto: Solarcomplex/Kuhnle

Benedikt Müller gehört zu den Pionieren der Energiewende am Bodensee. Nur die Gegner der Windkraft machen ihm zu schaffen.

Seinem scharfen Auge entgeht nichts. „Sehen Sie, da draußen fliegt wieder einer“, sagt Bene Müller. Der Besucher hat keine Ahnung, er schaut aus dem Fenster und sieht Häuser, nochmals Häuser und dann den Kirchturm von Peter und Paul in Singen. Im Hintergrund droht an diesem trüben Tag der Hausberg Hohentwiel. Aber ja, da schwingt der Milan durch die Lüfte. Jener Vogel, den Bene Müller fürchten wie lieben gelernt hat. Das herrliche Tier ist einer der inoffiziellen Akteure der Energiewende. Das Haustier der Windkraftgegner, ihr Phoenix aus der Asche.

 

Der Milan hat viel mit dem Leben von Benedikt (Bene) Müller zu tun. Der 58-Jährige gehört im südlichen Baden zu den Pionieren der Energiewende. Diesem Lebensthema hat er sich schon gewidmet, lange bevor das Wort zum Allgemeinplatz wurde. Müller gründete mit Gleichgesinnten die Firma Solarcomplex. Heute ist er Sprecher des dreiköpfigen Vorstands. Sonne und Windkraft sollten auch im grenznahen Teil von Baden-Württemberg die fossilen Energieträger überflüssig machen. Das war im Millenniumsjahr. Mancher Fachmann, manche Betriebswirtin zog damals die Stirn kraus. Zu visionär, zu verdreht erschien das Ziel. Kann sich so ein Unternehmen halten, rentiert sich das? Und wer wird da schon investieren wollen?

Müller und seine mittlerweile 70 Mitstreiter haben gezeigt: Ja, es funktioniert. Auch wenn die Vorzeichen in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft schlecht standen, hat sich die Firma etabliert. Eine Rolle spielt dabei, dass es sich als Bürgerunternehmen versteht. Nicht große Investoren laden dort ihr Geld ab, sondern kleine Anleger und durchschnittliche Haushalte. Für Spekulanten dürfte Solarcomplex kaum interessant sein: „Unsere Geschäftspolitik ist konservativ“, sagt Müller in seinem nüchternen Büro, „wir schütten nur einen kleinen Teil des Gewinns an unsere Aktionäre aus.“ Der Löwenanteil wird investiert oder wandert in Rücklagen.

Rebell in der Jugend

Wer sich den Lebenslauf von Bene Müller anschaut, den erstaunt die Vokabel „konservativ“. In seinen Jugendjahren gab er noch den Rebellen. Er zog eilig aus dem Elternhaus aus und leistete 20 Monate Zivildienst. Die folgenden Jahre nennt er – mit leichtem Schmunzeln – seine „Lehr- und Wanderjahre“. Offiziell war er an der Uni Konstanz eingeschrieben, auch um die Eltern zu beruhigen. Tatsächlich trieb er alles Mögliche. Überführte Autos in die Türkei, half auf Baustellen. Schuf Acrylgemälde. Die Bilder nannte er Klimabilder, thematisch schwenken diese Werke bereits in den Weg ein, auf dem er bis heute unterwegs ist. Vom jungen Wilden zum Gründer.

Nun könnte man meinen: Bei den Grünen ist dieser Mann bestens aufgehoben. Keine andere Partei würde zu einem ökologisch erweckten Akademiker besser passen. Müller hat die Partei tatsächlich ausprobiert. Einige Wochen hielt er es im grünen Ortsverband aus. Dann trat er aus, entnervt von Diskussionen, die er als wirklichkeitsfern wahrnahm. Er wollte tun, nicht tadeln.

Und er hat es getan: Windräder statt Luftschlösser, Wärmenetze statt Heißluft-Rhetorik. Das erstaunte damals manchen, der ihn eher von nomadisierenden Arbeitsverhältnissen her kannte. Zumal Müller kein Handwerker ist, kein Techniker und auch kein Betriebswirt. Dafür brachte er andere Dinge mit: eine Gruppe von Pionieren. Sie hatten sich lange vor der Gründung ausgetauscht und dabei immer gefragt: Was braucht es? Was ist möglich? Nützlich war dabei Müllers ausgeprägte Gabe des Redens. Er kann überzeugen. Kann erklären, dass es Zeit wird, die entfesselte Wirtschaft auf andere energetische Füße zu stellen. Er hat den Blick fürs Ganze und fürs Detail. Und er weiß, wie die Bürgermeister zwischen Hegau, Bodensee und südlichem Schwarzwald denken. Einer seiner Leitsätze: Es ist keine Frage des Parteibuchs, ob ein Schultes bei der Energiewende mitzieht.

Die Kämpfe mit den Bürgerinitiativen

Liest sich das insgesamt als Erfolgsgeschichte, so läuft es doch in einem Kapitel nicht gut: Mit den Windrädern haben er und die gesamte Branche ihre liebe Not. Müller rechnet vor: Nur einer von sechs Anträgen für eine Windanlage hat Aussicht auf Erfolg. Das liege nicht nur an den amtlichen Auflagen, die immer stattlicher würden. Die hartleibigsten Gegner sitzen nicht in den Behörden. Vielmehr bildet sich an fast jedem geplanten Standort eine Bürgerinitiative, die eifrig Material sammelt und Gutachter beauftragt. Dort mische, sagt Bene Müller, stets derselbe Typ Mensch auf: männlich, zwischen 50 und 70 Jahre alt, solide situiert, Wagenpark. Früher stellte sich Müller den Kritikern in den Dorfwirtschaften. Er bestritt Dutzende von Anhörungen und referierte in Nebenzimmern, um die Vorzüge der Windkraft zu zeigen. Diese Abende tut er sich inzwischen nicht mehr an. „Ich kann das nicht mehr“, seufzt er, „dafür fehlen mir die Nerven.“

Der Milan kommt den Windkraftgegnern wie gerufen. Ihr Argument: Das Tier werde in seiner Lebensweise und seinen Flugrouten von den Rotoren gestört, viele der Vögel würden getötet. Müller nimmt den einschlägigen Initiativen diese plötzliche Tierliebe nicht ab. „Viele dieser Leute konnten früher einen Milan nicht von einem Mäusebussard unterscheiden.“ Ein Behelfsargument sei das, aber ein wirksames.

Müller räumt ein: Ja, mancher Greifvogel wird von einem Rotorblatt erwischt und getötet. Das sei der Preis des Fortschritts. Und das schmerzt ihn als Vogelfreund. Zugleich gibt er zu bedenken: Wird bei anderen Eingriffen in die Natur auch so penibel auf Gräser, Tiere, Käfer geachtet? Jede Straßenverbreiterung, jedes neue Baugebiet vertreibe schwächere Lebewesen. „Wir sind nun einmal Räuber an der Zivilisation.“

Doch dass das Anthropozän ausgerechnet beim Bau von Windrädern beklagt wird, sei schon scheinheilig. Bene Müller, seine Technikerinnen und Projektleiter haben daraus gelernt. „Wir ziehen uns aus der Windkraft zurück.“ Müller sagt das unbekümmert. Eher wie einer, dem auch eine Last von den Schultern genommen wird. Auf weitere Kämpfe mit Bürgerinitiativen verzichtet er gerne. „Deren Gegnerschaft zur Windenergie hat schon religiöse Züge. Ein Teil dieser Leute hat den Bezug zur Realität verloren.“

Realität heißt für ihn: „Wir müssen unser Leben ändern.“ Praktischerweise beginnt das nicht vor der eigenen Haustür, sondern im eigenen Haushalt. „Wie viele Quadratmeter benötigt ein Mensch zum Leben?“, fragt Müller. Im ländlichen Raum wohnen viele Menschen alleine in einem Einfamilienhaus.“ Er selbst hat mit seiner Frau ein altes Bauernhaus auf Vordermann gebracht. Sehr geräumig, komfortabel – und deutlich überdimensioniert für zwei. Angemessen? Als die ersten Flüchtlinge aus der Ukraine kamen, nahm er vier Menschen auf. Er erzählt von ihren Lebensläufen und ihrer Sehnsucht. Zwei davon, ein altes Ehepaar aus Odessa, verließen vor Weihnachten das komfortable Exil im Hegau. Es zog sie zurück in eine zerschossene Stadt, die Heimat bleibt. Solche Schicksale berühren ihn.

In seinem kahlen Büro sitzt er, ein äußerlich unscheinbarer Mann. Übliche Insignien eines Managerbüros fehlen. Keine Flagge, keine Urkunden, keine Ich-Fotografien. Müller macht wenig Aufhebens um sich selbst, sammelt keine Visitenkarten, wirft nicht mit bekannten Namen um sich. Ihm geht es ums Ganze, um die Erde, die unter dem Trampel namens Mensch leidet.

Kleine Autos, kurze Reisen, schmale Häuser

Der Schwerpunkt der Firma verlegt sich zunehmend auf das Abschöpfen der Sonnenenergie. Der Name Solarcomplex passt mehr denn je. Die Sonnenkraft wird als Schmiermittel des Wohlstands immer wichtiger. Müller ist sich sicher: „Unser Lebensstandard hat den Zenit erreicht.“ Mehr geht nicht, auch wenn die stetig wachsenden Automobile den gegenteiligen Eindruck vermitteln. Sie suggerierten, dass die Entwicklung nach oben noch lange nicht beendet sei, dass immer noch etwas gehe. Noch schneller und komfortabler, natürlich noch schwerer.

Er denkt zurück an Urlaube, als sich seine ganze Familie in einen VW-Käfer zwängte und zum Zelten nach Frankreich fuhr. Heute wäre das undenkbar, nicht nur der Kinderschutzbund wäre alarmiert. Womöglich werde man wieder auf dieses Niveau eines bescheidenen Wohlstands schrumpfen müssen, denkt er. Anders sei die Erde nicht zu bewahren. Kleinere Autos, kürzere Reisen, schmalere Häuser mit bescheidenem Energiebedarf. Er weiß, für viele bedeuten solche Szenarien den reinen Horror. In Deutschland gilt noch immer die fixe Idee, dass die kommende Generation noch mehr besitzen werde. Viele halten dies für ein ungeschriebenes Gesetz.

An der Betonwand des Büros hängt ein einziges Foto. Es zeigt ein afghanisches Mädchen mit smaragdgrünen Augen. Für das Foto erhielt der US-Amerikaner Steve McCurry 1986 einen Preis. Nach dem dramatischen Fall von Kabul im Sommer 2021 gelang der Frau die Flucht in den Westen. Sie wurde erneut fotografiert und schien um viele Jahrzehnte gealtert. „Dieses Bild berührt mich“, sagt Bene Müller. Wer ihn besucht, ist den grünen Augen des Mädchens ausgesetzt.

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