Benefizaktion in Stuttgart-Mitte Frauen im Handtaschenfieber

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Riesenandrang im Haus der katholischen Kirche: Der Soroptimist Club hat 11 500 Euro mit seinem Benefizverkauf zu Gunsten von La Strada eingenommen.

Für jeden Geschmack etwas – und  Mitglieder die  Soroptimistinnen  hatten alle Hände voll zu tun mit dem Verkauf und der Beschaffung von Nachschub aus dem Lager. Foto: Sybille Neth
Für jeden Geschmack etwas – und Mitglieder die Soroptimistinnen hatten alle Hände voll zu tun mit dem Verkauf und der Beschaffung von Nachschub aus dem Lager. Foto: Sybille Neth

S-Mitte - Eine Handtasche ist wie eine Wohnung, so heißt es. In diesem Sinne suchten am Samstag hunderte Frauen neue Wohnungen. Und sie wurden alle fündig – zu äußerst günstigen Preisen zwischen fünf und 25 Euro. Das Haus der katholischen Kirche wurde fast überrannt, als der Benefizverkauf gebrauchter Handtaschen am Vormittag um 11 Uhr auf zwei Stockwerken begann.

Der Stuttgarter Ableger der Frauenvereinigung Sor­optimist International hatte 3000 Handtaschen gesammelt, die zum Verkauf standen. Das Motto: „Für Frauen, die nichts in der Tasche haben“. Der Reinerlös von 11 500 Euro kommt der Anlaufstelle für rund 500 Prostituierte im Leonhardsviertel, dem Ca­fé „La Strada“, und dem Verein Inga zugute, der sich um Prostituierte kümmert, die aus dem Gewerbe aussteigen wollen. Im „La Strada“ erhalten Frauen aus dem Milieu der Armutsprostitution warmes Essen, Kleidung und Ratschläge, wie sie aus dem Teufelskreis herauskommen können.

Die Präsidentin des Stuttgarter Soroptimist Clubs Zwei, Martina Sick-Pannen aus Feuerbach, war überwältigt von der eigenen Aktion. Die startete im Spätsommer und ähnelte dem Märchen vom Hirsebrei – bei dem der Wundertopf immer weiter die süße Speise kocht. So ähnlich ging es dem Club. Der hatte zur Spende gebrauchter oder ungeliebter Handtaschen aufgerufen. „Wir haben die Idee von unseren Clubschwestern aus Basel übernommen“, berichtet die Präsidentin. Deshalb waren am Samstag zur Verstärkung des Teams auch drei Soroptimistinnen von dort angereist.

Mehrere Sammelstellen in der Stadt

Der Stuttgarter Club hatte für die Spenderinnen verschiedene Sammelstellen eingerichtet, an denen sie ihre Handtaschen abgeben konnten: im Treffpunkt Rotebühlplatz, in einem Feinkostgeschäft im Westen, in einer Rechtsanwaltskanzlei in Degerloch sowie in zwei Apotheken – eine am Killesberg und eine in Feuerbach. „Die wussten sich gar nicht mehr zu helfen, als nach und nach 700 Taschen bei ihnen abgegeben wurden“, erzählt Martina Sick-Pannen lachend. „Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt.“

Die Initiatorinnen, die von der Volkshochschule und von Terre des Femmes unterstützt werden, hatten mit einer überschaubaren Menge an Spenden gerechnet und sich gefragt, ob eine angemessene Auswahl zusammenkommen würde. „Prostitution ist ja schon ein Tabuthema“, sagt die Präsidentin. Schließlich wurden aber so viele Handtaschen aus Leder, Kunstleder, Stoff und Materialmix gebracht, dass die Sor­optimistinnen vor einem Lagerproblem standen. Schließlich fand sich bei der Volkshochschule ein geeigneter Raum. Die 3000 Stück, die am Samstag auf den Tischen zum Verkauf lagen, waren nur diejenigen, die als tauglich eingestuft worden waren.

„Es ist erstaunlich, was die Frauen alles abgegeben haben“, wundert sich Sarah Hollborn-Roßbach vom Club. In den Taschenbergen fanden sich Luxusmarken. Selbst mehrere echte Kroko-Taschen älteren Datums waren darunter. Mancher Arm männlicher Begleiter wurde zweckentfremdet, zum Aufhängen der ausgewählten Exemplare und der kritischen Überprüfung, ob denn jetzt alle fünf mit nach Hause sollten oder vielleicht doch eine weniger.

Taschentücher, Bonbons – und ein paar Schuhe

Der Club mit seinen insgesamt 35 Soroptimist-Schwestern hatte schon im Vorfeld alle Hände voll zu tun, denn alle Taschen wurden mit dem Staubsauger innen und mit feuchtem Tuch außen gereinigt. Schätze haben die Frauen keine entdeckt, dafür jede Menge Taschentücher und Bonbons. „In einer Tasche war sogar ein Paar passende Schuhe“, erzählt die Präsidentin. Und in manchem edlen Abendtäschchen steckte ein zierliches Portemonnaie.

Ein älterer Herr hatte sich beim Club gemeldet und den Handtaschennachlass seiner verstorbenen Frau gespendet, erzählt Sarah Hollborn-Roßbach gerührt und versucht, einer Kundin eine orangefarbene „Sommerhandtasche“ schmackhaft zu machen. Von der Aktion haben alle was, findet sie: Die Spenderinnen haben wieder Platz im Schrank, die Käuferinnen neue Taschen und „La Strada“ und Inga bekommen finanzielle Unterstützung.

Die Idee der Handtaschenaktion geht jetzt im Schnellballsystem um die Welt. Martina Sick-Pannen hat bereits den Club in Kopenhagen angesteckt. Auch den Schwestern in Tokio hat die Präsidentin schon davon berichtet.

Zum Abschluss seiner mehrteiligen Veranstaltungsreihe über die Situation der zumeist aus Osteuropa stammenden Prostituierten im Leonhardsviertel veranstaltet der Soroptimist International Club Zwei am 25. Januar 2016 einen Film- und Diskussionsabend im Hospitalhof, Büchsenstraße 33. Beginn: 19 Uhr. Die restlichen Taschen werden wieder dabei sein – zum günstigen Preis und für den guten Zweck.

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