Endlich konnte es stattfinden, das Benefizkonzert des Rotary-Clubs Böblingen in Kooperation mit der Martin-Luther-Kirche. Und sie war gut gefüllt, 250 Zuhörer waren nach der Corona-Zwangspause gekommen.
Zu Beginn gab es zwei erstaunliche Talentproben zu bestaunen, denn der spätromantische Komponist Richard Strauß schrieb vor rund 140 Jahren Teile seiner Sonate für Cello und Klavier bereits als 16-jähriger für seinen Schulfreund Hans Wihan. Der Böblinger Cellist Jonathan Wagner ist sogar ein Jahr jünger und besucht den Musikzug des Albert-Einstein-Gymnasiums. Klavierpartnerin war Rose Chen. Ihre Interpretation war gekennzeichnet durch feinen rhythmischen Schwung und gefühlvoll romantische Cellokantilenen.
Romantische Gattung des „Liedes ohne Worte“ vorweggenommen
Bevor Beethovens rhythmusgetriebene siebte Sinfonie erklang, zeigte Luisa Schwegler als Solistin in Beethovens zweiter Violin-Romanze ihr Können. Die Hochbegabte hat 2019 Abitur am Albert-Einstein-Gymnasium gemacht und studiert an der Musikhochschule in Stuttgart. Beethoven war zur Zeit der Komposition (etwa 1798) vergleichsweise gesund und das Werk verströmt optimistisch-lyrische Stimmungen. Er war der erste, der eine Komposition in dieser Besetzung und Bezeichnung komponierte und fand später etliche Nachahmer. Mit seinen Violinromanzen hat der Komponist außerdem die romantische Gattung des „Liedes ohne Worte“ vorweggenommen.
Luisa Schwegler zeigte vom ersten Ton an klangliche Präsenz und spielte mit einem warmen, intensiv sanglichen Ton dieses relativ populäre Stück, das es auch in manche Klassikhitparade oder manches Kurkonzert geschafft hat. Mit musikalischer Intensität hielt sie den Spannungsbogen bis zur letzten Note durch. Die Romanze war quasi ein Durchatmen vor dem sinfonischen Sturm.
Dirigent Hannes Reich und das Tübinger Orchester verkörperten ein zeitgemäßes Beethovenbild ohne Breitwandsound. In wenigen, treffenden Worten erläuterte er auch einige Besonderheiten, die veranschaulichen, dass Beethoven keine „klassische“ Musik geschrieben hatte.
Kritiken der Uraufführung waren wenig schmeichelhaft
Die Kritiken der Uraufführung waren wenig schmeichelhaft, obwohl berühmte Musiker mit im Orchester saßen: Andreas Romberg, Louis Spohr und Antonio Salieri, einer der wichtigsten Kompositionslehrer der Zeit. Beethovens späterer Sekretär Anton Schindler berichtete: „Die Jubelausbrüche während der A-Dur-Sinfonie . . . übertrafen alles, was man bis dahin im Konzertsaal erlebt hatte.“
Die Tübinger Musiker realisierten glänzend die Improvisationselemente – teilweise auf einem Ton – im ersten Satz. Ebenso die stockende Trauerstimmung des Allegretto, die rhythmische Farbigkeit im Scherzo und die schwindlig machende Hochgeschwindigkeits-Parforcetour des abschließenden Satzes, dessen Eingangsthema rund 30-mal wiederholt wird. Kommentar von Rossini: „Die feurige Erfindungsgabe, die ihn beseelt, ist von einer solchen Verwirrung in der Anordnung seiner Ideen, aus denen einzelne himmlische Genieblitze hervor leuchten, die zeigen, wie groß er sein könnte, wenn er seine üppige Fantasie zurücknehmen wollte“.
Genau diese üppig rasende Fantasie begeistert uns heute, vor allem wenn sie mit so kantigen Kontrasten und rauem Temperament geboten werden, dass die von Beethoven intendierte Emotionalität direkt ins Herz der Zuhörer geht. Auch in Böblingen wurde die fulminante Darbietung dieses Jahrhundertwerks begeistert gefeiert.