Schon toll, wenn man dazugehört: Wenn jemand, der mit den Mächtigen auf Du und Du steht, einen an der Hand nimmt, mit Aufgaben betraut, von denen man nicht zu träumen gewagt hätte. Plötzlich ist man wer, auch wenn die Kollegen tuscheln. Allerdings, was soll diese Frage nach einem Rosebud? Vielleicht sollte die junge Frau, die sich zu Beginn von Benjamin von Stuckrad-Barres Roman „Noch wach?“ über das unerwartete Vertrauensverhältnis zu ihrem Chef freut, erst einmal googeln. Man stößt dabei auf zweierlei: auf Orson Welles’ Meisterwerk „Citizen Kane“ über Aufstieg und Fall eines Medientycoons – ganz schön hoch gepokert; zum anderen auf ein Sexspielzeug, und das wird den Sphären, um die es hier geht, schon wesentlich gerechter. Auch wenn die so unerwartet protegierte Journalistin hofft: „Das hier ist nicht so, wie es von außen vielleicht aussieht, dieses Klischee: Deutlich älterer Chef KÜMMERT SICH um die junge hübsche Auszubildende, knick-knack, haha.“ Abwarten.
Im November 2021 saß der Autor in der eigenwilligen Plaudersendung von Kurt Krömer. An einer Stelle kommt der Moderator darauf zu sprechen, dass im Hause Springer ja gerade viel los sei. „Tatsächlich?“, gibt sich der Gast ahnungslos. Er schreibe gerade an einem neuen Buch und bekomme gar nicht so viel mit. Kurz zuvor war der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung Julian Reichelt entlassen worden, weil er Berufliches und Privates nicht getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt habe. Im Frühjahr desselben Jahres war bekannt geworden, dass gegen Reichelt ein Compliance-Verfahren eingeleitet worden war wegen Machtmissbrauchs und der Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen gegenüber jungen Mitarbeiterinnen.
Der Fall Döpfner
Mittlerweile ist klar, woran Stuckrad-Barre damals geschrieben hat. Und je näher der Erscheinungstag an diesem Mittwoch rückte, wich die anfängliche Zurückhaltung in der Sendung „Chez Krömer“ einer aus Geheimnis und Enthüllungsversprechen orchestrierten Werbekampagne für einen Roman, der vorsichtig formuliert von der Metoo-Affäre um Julian Reichelt und den Verhältnissen im Hause Springer inspiriert sein könnte. Und ob konzertiert oder nicht, schraubte sich die Erwartung auf den großen belletristischen Showdown in der Beletage des Medienkonzerns noch einmal in ungekannte Höhen, als in der vorigen Woche die „Zeit“ ihr zugespielte Mails und Chat-Nachrichten des Konzernchefs öffentlich gemacht hat, deren krude politische Weltsicht den Fall Reichelt zu einem Fall Döpfner erweitert hat.
So viel zur Vorgeschichte, zu der auch gehört, dass der Pfarrerssohn Benjamin von Stuckrad-Barre Taufpate eines der Döpfner-Söhne ist; dass die Freundschaft zu dem mächtigen Mann auf ein Projekt zurückführt, das unter dem Titel „Der Freund“ einmal die versammelte hippe Décadence der Popliteratur versammelt hat, um das muffige Image des Verlagshauses mit ironischer Coolness aufzuhübschen; und dass die Beziehung am lange abwiegelnden Umgang der Unternehmensspitze mit den mutmaßlichen Verfehlungen des Ex-„Bild“-Chefs zerbrochen sein soll.
Kurz bevor die Bombe platzt
„Ich kann nicht Fiction schreiben“, erklärte Benjamin von Stuckrad-Barre einmal. Deshalb habe er schon früh damit begonnen, darüber zu schreiben, was mit ihm los sei. Vor diesem Hintergrund ist der vorangeschickte Hinweis zu lesen, seine neues Buch sei zwar von realen Ereignissen angeregt, jedoch eine hiervon losgelöste fiktionale Geschichte.
Schon im zweiten Kapitel übernimmt ein Ich-Erzähler, dessen Lebensumstände eigentlich mit allem übereinstimmen, was über Stuckrad-Barre in Umlauf ist. Er hat sich im Chateau Marmont, einer Art Promi-Backstage-Zone von Los Angeles, einquartiert. Auch hier geht es um das Dazugehören – und um den Preis, den man dafür entrichten muss. Neben ihm am Pool liegt die Schauspielerin Rose McGowen, die in Kürze die Bombe platzen lassen wird, die Hollywood eine Unschuld raubt, die es nie besessen hat: Metoo.
Doch erst einmal trifft jener Mann mit seiner Entourage ein, der fortan nur noch als der Freund bezeichnet wird, bis er am Schluss zum Ex-Freund geworden ist. Er ist Besitzer eines deutschen Boulevardsenders, den er in den USA zum Global Player formen will. Mit dabei ist sein Chefredakteur, den er für einen der mutigsten Journalisten hält, auf den der Ich-Erzähler aber sichtlich nicht gut zu sprechen ist: Eine Art „Gartenzaunnazi“, der sich mit den Jahren politisch unangenehm radikalisiert habe und der schon im Anflug eine Bekannte des Schriftstellers mit klebrigen, nächtlichen Mails traktiert. Auch hier gilt: Alles, was über die Protagonisten der gegenwärtigen Springer-Skandale bekannt ist, findet sich bis ins Detail gegelter oder schwindender Haartracht hinein. Und nun brettern der Mogul und seine Meute mit Männergetöse durch Amerika – der Chefredakteur in einem paramilitärischen Straßenpanzer, der autogewordenen Rhetorik Donald Trumps.
Stuckrad-Barres Metoo-Roman ist eine Studie über den Habitus von Herrschaftsverhältnissen und zugleich die Geschichte fataler Komplizenschaften, unfreiwilliger wie einvernehmlicher. Zur letzteren Sorte gehört das Verhältnis des Erzählers zu dem „Salonfeingeist“, dessen Kunstsinn wie eine Art kultureller CO2-Ausgleich erscheint für den Schmutz, den sein „Wutfunk“ in die Luft bläst.
Duschen und Schmutzkampagnen
Zurück in Berlin versucht der Autor seinen Freund vergeblich für die Übertretungen des Chefredakteurs zu sensibilisieren, während der Konzernchef stolz die von einer Feelgood-Managerin sekundierte architektonische Zukunftsoffensive für eine neue Unternehmungskultur vorführt. „Überall hier sollte man sich künftig immerzu BEGEGNEN und Kaffee trinken und IDEEN AUSTAUSCHEN, ja am besten AUCH MAL OUT OF THE BOX RUMSPINNEN – und davor, danach, vielleicht sogar dabei: duschen.“ In satirischer Scharfsicht und sprachkritischer Hellhörigkeit liegen die Stärken des Buches. Darunter sind entwaffnend komische Szenen, die Sandkastenspiele unter Milliardären, wenn der Freund und Elon Musk um die größte Baustelle wetteifern – die neue Berliner Konzernzentrale gegen das Tesla-Werk in Brandenburg. Wer die Nachrichten in den letzten Wochen und Monaten über die Verhältnisse im Haus Springer verfolgt hat, ist über alles im Bilde, was Stuckrad-Barre hinzufügt, sind die leuchtenden Farben, mit denen er die Ereignisse koloriert.
Die Schmutzkampagne des Medienhauses treibt unterdessen die frühere Lebensgefährtin eines bekannten Fußballspielers mit der Veröffentlichung privater Mails in den Selbstmord. Und immer mehr Frauen tauschen ihre sich deprimierend gleichenden Erfahrungen mit dem Chefredakteur untereinander aus und beginnen sich zu organisieren, unterstützt von dem Autor. Am Ende ist alles schlimmer als zuvor.
Aber wie steht es um die Wandlung des früheren Harald-Schmidt-Witzeschreibers zum Feministen? Stuckrad-Barre, der um einer gut sitzenden Pointe willen alles preisgibt, was auch in einer zerbrochenen, korrumpierten Freundschaft ein Geheimnis bleiben sollte, wirkt wie ein Kronzeuge, der sich freikauft, indem er offenlegt, was ihm seine frühere Komplizenschaft zugespielt hat. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit dieses mit „Bild“-hafter Skrupellosigkeit inszenierten Literatur-Mediencoups, so berechtigt die Sache der Frauen ist, für die er sich einzusetzen vorgibt.
Das letzte Wort dürften nun die Anwälte derer haben, die hier Modell gestanden haben. Möglicherweise macht dieser Roman in seinen Randbereichen mehr Getöse als in seinem erzählerischen Zentrum: bei der Ankunft – und seinem möglichen Verschwinden, sollte Springer gegen ihn eine einstweilige Verfügung erwirken.
Benjamin von Stuckrad-Barre: Noch wach? Roman. Kiepenheuer & Witsch, 384 Seiten, 25 Euro.