Beobachtungen von einem Kuraufenthalt Hagebuttentee und Gottvertrauen

Die vielen Thermoskannen mit Pfefferminz- oder Hagebuttentee gehören zum allabendlichen Kurritual. Foto:  

Wie geht eigentlich Kur? Und wie unter Coronabedingungen? Beobachtungen in einer Welt, in der Menschen versuchen, die Hoheit über ihr Leben zurückzuerobern.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Bad Liebenzell - Vielleicht kommt dieses Bild der Sache am nächsten: Eine Kur ist wie eine Kreuzfahrt. Nur dass das offizielle Kapitänsdinner fehlt. Der Speisesaal ist das Hauptdeck. Er ist der Ort, an dem es geschehen kann, dass eine Pianistin mit einem Brummifahrer an einem Tisch sitzt. Von fremden Mächten, dem Team des Speisesaals nämlich, miteinander zu einer temporären Schicksalsgemeinschaft vereint.

 

In Coronazeiten ist der Speisesaal in einer Reha-Einrichtung wie etwa der Schlossbergklinik in Bad Liebenzell sowieso der einzige Ort der Begegnung. Denn nebenan in der Cafeteria, wo ein Klavier steht und ein Gästebuch von besseren Zeiten kündet, gibt es momentan nur noch To-go-Ware. Cappuccino to go. Schokoladenkuchen to go. Die Tische und Stühle sind weggeräumt. Die Kunst liegt jetzt darin, das Gespräch mit der Pächterin der Cafeteria, die für alles ein Ohr hat, etwas in die Länge zu ziehen. Das ist dann wie ein Stückchen gestohlene Zeit. Dann ist es fast wie vor der Pandemie und wie auf der Sonnenterrasse bei Kaffee und Kuchen. Aber eben nicht ganz und nur ein bisschen.

In allen Reha-Kliniken stellt sich die Lage so oder so ähnlich dar. Aber immer noch treffen sich hier Menschen, die einander sonst nie begegnet wären. Sie kommen mit ihrem Kümmernissen und ihre Biografien, die nicht nur mit Krankheit zu tun haben. Hier trifft der pensionierte Verwaltungsmann auf die Heilerin. Hier ist man schnell per Du. Die Kennenlernfrage lautet mit Blick auf die Krücken immer gleich: Was hast du, und wie lange ist es her? Es kann einem zudem passieren, dass man noch während der Suppe gefragt wird: „Willst du mal sehen, wie meine Kniekehle aussieht?“ Um dann, ohne dass man rechtzeitig ablehnen könnte, ein Handyfoto unter die Nase gehalten zu bekommen, das einen riesigen dunkelrotblauen Bluterguss zeigt.

Vollkost, vegetarisch, ohne Schweinefleisch oder laktosefrei

Der Speisesaal ist der Ort, an dem es so gut wie keine Geheimnisse voreinander gibt. Wo die Hemmungen fallen. Selbstvergessen legt einer sein Gebiss auf den Tisch, während es von der Ausgabetheke „Einmal Vegan!“ quer durch den Saal schallt. Eine Frau in weißem Kittel schlägt die Hände vor der Brust zusammen und sagt immer wieder „Kein Fleisch, kein Fleisch!“, als müsse sie für die Esserin beten. Sie meint es gut und lacht wie ihre Kolleginnen viel. Serviert wird am Tisch. Vollkost, vegetarisch, ohne Schweinefleisch oder laktosefrei. Es gibt viele Wünsche zu berücksichtigen. Willkommen an Bord!

Der gemeinsame Kurs aller heißt: Gesund werden. Oder jedenfalls ein bisschen gesunden. Drei Wochen ist dafür Zeit. Wenn’s nottut, verlängern die Kurärzte. Immer wieder steigen in dieser Zeit neue Patienten zu, um nach der von ihrer Krankenkasse oder der Rentenversicherung genehmigten Zeit wieder an Land zu gehen. Es kommen die, die schon lange rumlaborieren an ihrem Leiden, denen der Rücken seit Jahrzehnten schmerzt. Sie haben alle Fachbegriffe schon mal gehört. Entsprechend groß sind ihre Erwartungen.

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Als die Psychologin während ihres Vortrags fragt, wer Schmerzen habe, strecken fast alle. Die Erwartungen sind groß, das körperliche Leid loszuwerden. Auch bei der Gruppe pflegender Angehöriger, die kommen, um aufzutanken. Sie haben nicht selten auch orthopädische Probleme. Häusliche Pflege ist ein Knochenjob. Emotional wie körperlich. „Schmerzfreiheit ist ein Riesending“, sagt der rustikale Physiotherapeut.

Die Maßstäbe verschieben sich

Wer die für Außenstehende lächerlich kurze Indoor-Laufstrecke von 30 Metern oder die 17 Stufen meistert und nicht den Fahrstuhl nehmen muss, ist manchmal schon einen Schritt weiter. Das lernen auch die, die sich in die Welt orthopädischer Handicaps etwa durch einen Unfall erst einarbeiten müssen. Der Tag ist in einer Reha-Einrichtung in 20-Minuten-Therapieeinheiten getaktet. Die Maßstäbe verschieben sich. „Sie müssen Geduld haben“, ist das Mantra auf dem Weg zur Genesung. Er ist für alle deutlich länger und anstrengender als 30 Meter oder 17 Stufen.

„Eine Reha hat eine hohe soziale Komponente. Wir versuchen, den ganzen Menschen zu sehen und nicht nur sein Knie“, sagt Markus Wiedemann, der seit 2017 Chefarzt in der Schlossbergklinik in Bad Liebenzell ist. Als solcher steht der 47-Jährige auf der Kapitänsbrücke des Kreuzfahrtschiffes. Anders als in der Akutversorgung einer Notfallambulanz oder als Chirurg in einer Fachklinik haben er und seine Kollegen und Kolleginnen hier mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten. „Wir versuchen, ihnen die Sorge um ihre Gesundheit abzunehmen“, sagt er. Eine Erkrankung bedeute für manche existenzielle Sorgen. Da ist der Gepäckzusteller, der sich fragt, wie es weitergeht, oder der Lagerist. Wiedemann versteht seine Klinik und das Angebot als Wegweiser in die Zukunft. „Im Sinne der Heilung ist es uns auch wichtig, die psychische Komponente der Krankheit abzumildern“, sagt Wiedemann. Dafür hören er, seine Kollegen und vor allem die vielen Therapeutinnen und Therapeuten zu. Für manche Gäste ist ein Orthopäde, der Zeit hat, eine gänzlich neue Erfahrung.

Laut aktuellem Bericht der Deutschen Rentenversicherung (DRV) aus dem Jahr 2021 ist im ersten Coronajahr 2020 die Zahl der Reha-Anträge von 1,6 im Vorjahr auf 1,4 Millionen gesunken. Bewilligt wurden etwa eine Million, 2019 waren es 1,15 Millionen. Das „Turn-to-work“, wie die DRV den Wunsch nach der Rückkehr in das alte Leben nennt, ist nicht nur für die Kurgäste wichtig. Auch volkswirtschaftlich muss der DRV daran gelegen sein. Wer arbeitet, bleibt Beitragszahler.

Maske, Plexiglasscheibe und Einweghandschuhe

Es geht für alle aber auch darum, wieder die Hoheit über das eigene Leben zurückzubekommen oder zumindest das Rüstzeug dazu. Wieder seinen Job machen zu können oder das, was einem im Leben eben wichtig ist. 140 Gäste kann die Schlossbergklinik, die zur Caritas-Trägergesellschaft Saarbrücken gehört, mit ihren 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufnehmen. Gerade sind es wegen Sanierungsarbeiten und Corona nicht einmal die Hälfte. Die Abläufe bleiben die gleichen. Geimpfte und Genesene werden zweimal in der Woche, Ungeimpfte dreimal auf Corona getestet. Ansonsten wird weiter trainiert und massiert, Gymnastik gemacht, und es werden Vorträge gehalten. Nur dass eben jeden Abend im Speisesaal neben dem Teller eine Maske liegt, Plexiglasscheiben die Essenden voneinander trennt und Einweghandschuhe Pflicht sind, wenn man sich etwas vom Salat- oder Frühstücksbüfett holen möchte.

Zehn Minuten vor dem Essen erinnert die Schlange vor der noch verschlossenen Eingangstür an Zeiten, als es noch Winterschlussverkäufe gab und die besten Angebote am ersten Tag gleich morgens weg waren. Selbst wer im Leben draußen um 11.30 Uhr noch keinen Gedanken ans Mittagsessen verschwendet, dessen Magen ist spätestens am dritten Kurtag auf die Essenszeiten synchronisiert. Frühstück ab 7.30 Uhr, Mittagessen ab 11.30 Uhr, Abendessen ab 17.30 Uhr. Thermoskannen mit Hagebutten- oder Pfefferminztee inklusive.

Auf dem Weg zum Speisesaal, in einem gläsernen und lichtdurchfluteten Verbindungssteg zwischen Haupt- und Therapiegebäude sitzt ein Mittsiebziger. Lange schwarze Sporthose, weißes kurzärmliges T-Shirt. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Aber er hat auch so den rosigen Teint eines Menschen, der viel an der frischen Natur ist und der jetzt eigentlich anderes vorhätte, wenn er könnte, wie er wollte. „Meine Tierla versorgen“ etwa. Tauben, Hühner, Hasen.

Die Verbindung zum Leben

Doch vor dem Mann steht ein Rollator. Unfall. Operation. Wieder Laufen lernen. Vor ihm liegt sein Smartphone. Daraus kommt scheppernd volkstümliche Schlagermusik. Der Sound hat etwas von der Trostlosigkeit, die sich einstellt, wenn man in einem leeren Raum beim Tapezieren ein Kofferradio anstellt. Viel zu großer Raum, viel zu kleines Radio. Mehr ist gerade nicht drin.

Der Mann schaut auf. „Hier ist einfach der beste WLAN-Empfang“, sagt er auf Schwäbisch unter seiner weißen FFP2-Maske hervor. Die Verbindung zum Leben draußen ist altersunabhängig und nicht nur für hippe Influencer wichtig. Nur das Handling variiert. „Muss ich das Update jetzt laden?“, fragt einer, der im Gang vor den Arztzimmern wartet, bis er drankommt. Er sagt Update so, wie man es schreibt.

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Seit März 2020, seit Beginn der Coronakrise, hat der Tanker Reha merklich Schlagseite bekommen. Über Monate wurden Reha-Kliniken geschlossen. Mit 500 Millionen Euro haben die Rentenversicherungsträger ihre Vertragshäuser in der Krise unterstützt. Jetzt kämpfen sie um Gäste und machen weiter. Vor Kurzarbeit bleiben die Reha-Kliniken jedoch nicht verschont. Denn die Patienten, die direkt aus dem Krankenhaus nach der Operation hierher kommen, bei der sie etwa ein neues Gelenk bekommen haben, werden weniger. Es sind planbare Operationen wie diese, die in Zeiten knapper Krankenhausbetten wegen Corona geschoben werden.

Dieses Warten wird eine der Geschichten sein, die die Gäste einander in ein paar Wochen im Speisesaal erzählen werden. Die drei Wochen sollen vielleicht nicht – wie in der Kreuzfahrtwerbung – die schönsten Wochen ihres Lebens sein. Aber von vielen werden sie genauso sehnsüchtig erwartet wie der Abreisetermin in die Karibik. Als Etappe auf dem Weg zur Gesundung. Schiff ahoi!

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