Mamamorphose, Mamaglücksmomente oder Herzgeflüster heißen Coachings, die inzwischen in und um Stuttgart zu finden sind. Sie sollen „Müttern am Limit“ helfen oder sie bei ihrer „Mamareise“ begleiten. Der Markt floriert mit einer breit gefächerten Angebotspalette für potenzielle Kundinnen. Da bleiben die Fragen: Wie schlimm ist Muttersein hierzulande wirklich? Und lohnt sich der Einsatz von mehr als 100 Euro pro Coachingstunde überhaupt?
Mütter haben sich in Deutschland schon vor der Krise schlecht gefühlt
Dass die Coronakrise Mütter stark gefordert hat, wurde bereits breit erforscht. 30 Prozent der befragten Mütter fühlen sich stark belastet, so die neuesten Ergebnisse einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Das liege vor allem daran, dass 63 Prozent der befragten Mütter angaben, den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung zu leisten, während es bei den Vätern gerade mal sechs Prozent waren.
Bemerkenswert ist allerdings, dass sich die Mütter hierzulande auch schon vor der Krise sehr unwohl gefühlt haben. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2018 verschlechtert sich bei mehr als 46 Prozent der Mütter das mentale Wohlbefinden in den sieben Jahren nach der Geburt des ersten Kindes.
Bei knapp 30 Prozent sogar substanziell. So scheint demnach nicht die anstrengende Zeit mit einem Baby hauptverantwortlich für die schlechte Stimmung zu sein: „Meistens wenden sich Mütter an mich, wenn ihre Kinder in die Schule kommen, dann treten am häufigsten Probleme auf“, so Ilona Heinemann, Persönlichkeitstrainerin von Change is Life. „Die Kinder sollen jetzt nämlich funktionieren.“
Wettkampf ohne Ende
Der Bildungswettkampf, der meist schon im Kleinkindalter beginnt, erreicht mit der Schulzeit eine neue Ebene. Viele Mütter hätten Angst, dass ihre Kinder ausgegrenzt würden, wenn sie nicht dem entsprächen, was in der Schule von ihnen gefordert werde. „Meist erliegen sie dabei aber ihren eigenen Glaubenssätzen“, so Heinemann: Du musst Leistung bringen, alles perfekt machen, geräuschlos funktionieren und deine eigenen Bedürfnisse hintanstellen.
„Das Ich-mache-es-allen-recht-Gen ist in vielen Frauen“, sagt die Beraterin. Viele Mütter funktionierten nur noch innerhalb einer Vielzahl von unterschiedlichen Rollen, würden sich selbst als Frau aber gar nicht mehr wahrnehmen. Der Stress, der daraus resultiere, führe letztendlich zu Angst, Wut und Streitereien.
Die Suche nach der Frau unter den Rollenvorstellungen
Beim Coaching hilft Ilona Heinemann den Müttern, in sich hineinzuhören. Sie hält ihnen quasi die Ohren zu, damit das Reinreden von außen verstummt und ihre innere Stimme nicht mehr davon übertönt wird. Die Idee: Der Mensch muss wieder zu sich selbst kommen, herausfinden, woher die Unzufriedenheit rührt, warum die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt wurden – dann erst können Lösungsansätze erarbeitet werden. In Form von Übungen und Hausaufgaben werden diese dann in den Alltag integriert – zum Beispiel ein freundliches „Nein“ über die Lippen zu bringen. Dies sei noch immer eines der Grundprobleme von Frauen.
Ergebnis des Coachings: auswandern
Es geht um klassische Persönlichkeitsentwicklung. „Auf die Idee, es Mamacoaching zu nennen, hat mich eine Mutter gebracht, der ich geholfen habe“, erklärt Heinemann. Denn schon zuvor seien viele Mütter mit ähnlich gelagerten Problemen unter ihren Kunden gewesen. Eine dieser Mamas, die ihren Namen nicht nennen möchte, ist inzwischen mit ihrer Familie nach Dänemark ausgewandert – auch das war ein Ergebnis des Coachings.
„Mütter können es in Deutschland nur falsch machen“, sagt die ehemalige Stuttgarterin. Sie beschloss, sich helfen zu lassen, als ihr Wiedereinstieg in den Beruf anstand. Zuvor arbeitete sie in einer Führungsposition bei einem großen Unternehmen. Ihr Leben war immer auf Leistung und Erfolg ausgerichtet.
Eigentlich wollte die heute 44-Jährige schnell nach der Geburt wieder in Vollzeit in ihren Job zurückkehren. Nachdem sie sich stark mit dem Thema bedürfnisorientierte Erziehung beschäftigt hatte, sagte ihr Bauchgefühl aber etwas ganz anderes, und das verunsicherte sie zutiefst. „Die Leute sagten, wenn ich nicht auf 100 Prozent arbeite, kann ich meine Führungsposition vergessen“, erzählt sie. „Ich wollte den Stress meiner Familie aber nicht antun. Ich wollte meine Kinder nicht mit triefenden Rotznasen in die Kita stecken müssen.“
Alleine schaffte sie es nicht
Alleine schaffte sie es aber nicht, ihr komplettes Wertesystem infrage zu stellen, sich selbst die Erlaubnis zu erteilen, im Job weniger als 120 Prozent zu geben, und zu begreifen, dass sie nicht nur für ihre Leistung geliebt wird. Das Coaching half ihr, von der „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Mentalität, in der sie aufgewachsen ist, auszubrechen. Es half ihr herauszufinden, was sie wirklich wollte, und gab ihr die Kraft, dies auch gegen alle Widerstände umzusetzen.
Heute hat sie ihre Führungsposition verloren und arbeitet in Teilzeit. „Die Welt ist nicht untergegangen“, sagt die Mutter. Auch ihr Mann arbeitet jetzt in Teilzeit. Beide teilen sich die Kinderbetreuung. Seit Juli 2022 lebt die Familie in Dänemark. „Hier werden Mütter ganz anders behandelt, und Familien haben einen wesentlich höheren Stellenwert“, sagt sie. Auch der Umgang mit dem Nachwuchs sei anders: „In Deutschland ist das perfekte Kind das, von dem man nicht merkt, dass es da ist“, sagt sie. Im skandinavischen Raum habe sie nun das Gefühl, viel mehr für sich und ihre Familie richtig zu machen.
Trotz des Coachingerfolgs spricht die Mutter nicht mit jedem gerne darüber, dass sie sich damals Hilfe geholt hat. „Dafür wird man ja noch immer schief angeschaut“, sagt sie. „Aber wenn mir der Arm wehtut, gehe ich zum Arzt. Wenn mir das Herz wehtut oder die Seele, wieso sollte ich mir dann nicht auch helfen lassen?“