Beratung im Kreis Esslingen Wenn Eltern süchtig sind – „Thema muss raus aus der Tabuzone“

Die Alkoholsucht von Mama oder Papa ist in den meisten Familien ein Tabuthema. Foto: dpa/Alexander Heinl

Viele Kinder wachsen in einer suchtbelasteten Familie auf. Die Folgen des Erlebten prägen sie ihr Leben lang. Hier finden Betroffene im Kreis Esslingen Hilfe.

Reporter: Elke Hauptmann (eh)

Mit mindestens einem suchtkranken Elternteil aufzuwachsen, ist für viele Kinder und Jugendliche in Deutschland Realität. Bundesweit wird ihre Zahl auf etwa drei Millionen geschätzt, in Baden-Württemberg auf rund 150 000. Für die Heranwachsenden ist diese Situation eine große Belastung – und ein großes Risiko, sagt Katrin Janssen, die Leiterin der Beratungsstelle Sucht und Prävention, einem Angebot in Trägerschaft des Landkreises Esslingen und des Kreisdiakonieverbands.

 

Kindern aus diesen Familien eine Stimme zu geben, ist ihr und ihrem 16-köpfigen Team ein wichtiges Anliegen. Immerhin wächst – statistisch betrachtet – jedes fünfte bis sechste Kind mit einer suchtkranken Mutter oder einem suchtkranken Vater auf, manchmal sind auch beide Elternteile abhängig. Die Dunkelziffer, vermuten Fachleute, ist wohl noch höher. Genaue Zahlen für den Kreis Esslingen liegen nicht vor. Sie lassen sich auch nur schwer erheben, denn: Abhängigkeit – etwa von Alkohol, dem mit Abstand verbreitetsten Suchtmittel – ist ein Tabuthema.

Sucht sei häufig nicht sichtbar, schildert Katrin Janssen. „Familien, in denen Mutter oder Vater suchtkrank sind, wenden häufig sehr viel Energie auf, um nach außen eine scheinbar intakte Fassade aufrechtzuerhalten.“ Aus Scham- und Schuldgefühlen würden betroffene Eltern keine Unterstützung suchen. Erschwerend komme hinzu, dass die Suchterkrankung häufig verleugnet werde.

Kinder aus suchtbelasteten Familien leiden im Verborgenen

„Alkohol ist in unserer Gesellschaft weitgehend akzeptiert“, sagt die Fachfrau. „Man wird ja eher komisch angesehen, wenn man sagt, dass man heute mal keinen Alkohol trinken möchte.“ Dass selbst hochprozentige Getränke rund um die Uhr erhältlich und verhältnismäßig erschwinglich sind, begünstigt laut Janssen den Konsum weiter. So wird die Gelegenheit nicht selten zur Gewohnheit.

Ihre Mitarbeiterin Lisa-Marie Wegfahrt führt hinzu: Es sei ein Trugschluss, wenn die Erwachsenen glauben, ihre Kinder würden nichts von der Sucht mitbekommen. „Sie spüren trotz aller Geheimhaltung sehr genau, dass etwas nicht stimmt und sich Mama oder Papa anders verhalten als andere Eltern.“ Und dennoch würden die betroffenen Teenager in der Regel nicht über die häuslichen Umstände sprechen, sagt die Beraterin. „Sie haben selten den Mut, sich anderen anzuvertrauen.“

Lisa-Marie Wegfahrt (links) und Kartrin Janssen von der Beratungsstelle für Sucht und Prävention im Kreis Esslingen. Foto: privat

Kinder aus suchtbelasteten Familien leiden im Stillen und im Verborgenen. Das Gefühl der Hilflosigkeit prägt ihren Alltag, sie nehmen Enttäuschung und Streit hin. Häufig, berichtet Katrin Janssen, erleben diese Kinder, dass suchterkrankte Eltern ihre Aufgaben und die Versorgung nicht mehr verlässlich wahrnehmen können. „In der Folge übernehmen sie früh Verantwortung. Sie kümmern sich um Geschwister, kochen und erledigen die Hausarbeit.“

Die Folgen des Erlebten prägen sie ihr Leben lang, weiß Lisa-Marie Wegfahrt aus ihrem Arbeitsalltag. Studien zeigen, dass Kinder aus suchtbelasteten Familien ein etwa sechsfach erhöhtes Risiko haben, später selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln. Menschen, die sich einsam fühlen, die nicht gelernt haben, Konflikte zu lösen, überfordert und gestresst sind, greifen demnach öfter zu Suchtmitteln – legalen wie illegalen.

Präventionsarbeit der Beratungsstelle setzt bei Jugendlichen an

Ein beträchtlicher Teil derer, die sich an die Beratungsstelle wenden, haben laut Janssen eine entsprechende Vorgeschichte. Insgesamt 1634 Menschen hat die Beratungsstelle im Jahr 2025 betreut, darunter waren 50 Minderjährige im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. „Der größte Anteil der Ratsuchenden hat eine Alkoholabhängigkeit“, berichtet Janssen. Überwiegend seien es Menschen in der zweiten Lebenshälfte. Die Jüngeren hingegen würden eher durch den (Misch-) Konsum von illegalen Drogen auffallen. „Vor allem synthetische Opioide sind auf dem Vormarsch.“

Janssen und Wegfahrt wünschen sich, dass möglichst viele Menschen frühzeitig aufgeklärt und beraten werden. Die Präventionsarbeit der Beratungsstelle setzt daher bei den Jugendlichen an. Denn: Je früher man die Menschen erreichen könne, desto besser stünden die Chancen, nicht eine Abhängigkeit zu entwickeln. Bei rund 100 Schulbesuchen pro Jahr klären die Mitarbeiter über Suchtgefahren auf.

Zudem werden den pädagogischen Fachkräften aus der Schulsozialarbeit, Jugendarbeit und Jugendhilfe in Kooperation mit der Beauftragten für Suchtprävention regelmäßig Fortbildungen angeboten, damit sie die Situation betroffener Kinder frühzeitig erkennen und auf Hilfsangebote – wie beispielsweise das Projekt „Hängebrücke“ – verweisen können. Für eine gesunde Entwicklung von Kindern aus suchtbelasteten Familien sind laut Janssen drei Dinge wichtig: „die Enttabuisierung des Themas, aufmerksames Hinsehen und verlässliche Strukturen“.

Sucht-Beratungsstelle

Aufgabe
An vier Standorten – Kirchheim, Nürtingen, Leinfelden-Echterdingen und Esslingen – beraten und unterstützen die Mitarbeiter der Beratungsstelle für Sucht und Prävention Jugendliche und Erwachsene bei Fragen und Problemen im Umgang mit Alkohol, Medikamenten, Drogen und Glücksspiel. Sie bieten Einzel- und Gruppengespräche, Vermittlung in Rehabilitation, Nachsorge sowie vielfältige Präventionsmaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit im Kreis an.

Kontakt
Die Beratung ist kostenfrei und unterliegt der Schweigepflicht. Ein Gespräch kann man unter der zentralen Telefonnummer 0711/3902-48480 vereinbaren, Anfragen an die Mailadresse: info@suchtundpraevention-es.de schicken. Eine unverbindliche, vertrauliche Online-Beratung ist zudem unter www.suchtberatung.digial/ möglich.

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