Beratungsstelle für Extremisten „Ehrlich distanzieren vom bisherigen Denken“

Der Politologe Daniel Köhler arbeitet bei der Beratungsstelle Konex (Kompetenzzentrum gegen Extremismus Baden-Württemberg). Foto: privat
Der Politologe Daniel Köhler arbeitet bei der Beratungsstelle Konex (Kompetenzzentrum gegen Extremismus Baden-Württemberg). Foto: privat

Daniel Köhler von der baden-württembergischen Beratungsstelle Konex erklärt, wie eine Deradikalisierung von Islamisten gelingen kann.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)
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Stuttgart Daniel Köhler von der baden-württembergischen Beratungsstelle Konex erklärt im Interview mit unserer Zeitung, wie eine Deradikalisierung von Islamisten gelingen kann. Konex wird vom Land gefördert und betreut aktuell „eine mittlere zweistellige Zahl“ von Extremisten. -

Herr Köhler, wie viele IS-Rückkehrer betreuen Sie und Ihre Kollegen?

Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz: Konsequente Strafverfolgung, nachrichtendienstliche Aufklärung und polizeiliche Gefahrenabwehr gehen Hand in Hand. Aber repressive Maßnahmen allein reichen nicht aus. Deswegen denken wir Deradikalisierung und Reintegration immer mit. Aktuell sind IS-Rückkehrer im niedrigen einstelligen Bereich im Konex in Beratung.

Wie kommen diese Leute zu Ihnen?

Manche wenden sich direkt an uns oder ihre Familien, Lehrkräfte oder Jugendämter. Oder wir werden durch Sicherheitsbehörden hinzugezogen und sprechen die Personen an, durchaus auch in Haft. Unser Ziel ist es immer, jeden aus der Szene zu holen und ihm zu einem straffreien Leben zu verhelfen. Bei IS-Rückkehrern stehen mitunter schwerste Straftaten und Gefahren im Raum, die aufgearbeitet werden müssen.

Wie geht das denn: Deradikalisierung?

Das ist ein langer Prozess der Distanzierung von der eigenen Vergangenheit. Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei geht es erst einmal darum, weshalb unsere Klienten sich radikalisiert haben, was sie an dieser Ideologie attraktiv fanden, was sie an einem Ausstieg hindert. Manche haben einen Partner oder Freunde in der Szene. Oder sie haben Angst um ihre Familie, um ihre Kinder, werden vielleicht bedroht. Manche sehen keine alternative Perspektive für sich. Es geht da immer darum, das eigene Leben sehr fundamental zu ändern. Einige sind traumatisiert, bringen schlimme Erfahrungen mit. Wir helfen dann, Hürden abzubauen, die den Weg in ein „normales“ Leben erschweren. Im Zentrum steht eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten, den bisherigen Überzeugungen.

Kommen solche Leute immer nur zu Ihnen, weil sie vom Gericht dazu verdonnert werden?

Grundsätzlich setzen wir eine freiwillige Zusammenarbeit voraus. Auf manche Personen werden wir von der Polizei, von Betreuern in der Haft oder von Sozialarbeitern hingewiesen. Überwiegend kommt die Initiative bei IS-Rückkehrern aber von den Sicherheitsbehörden.

Wie läuft dann die „Therapie“?

Bei uns arbeiten Psychologen, Pädagogen, Politik- und Islamwissenschaftler, Sozialarbeiter. Wir haben auch Berater die Arabisch oder Kurdisch verstehen. Wir beraten immer im Tandem. Wichtig ist eine vertrauensvolle Atmosphäre. Es kann auch hilfreich sein, wenn die Klienten Familienangehörige oder Partner mitbringen.

Wie lange dauert der Prozess?

Der Ausstieg dauert im Schnitt dreimal so lang wie die Radikalisierung. Das erste Etappenziel ist es, dass die Klienten keine Straftaten mehr begehen und den Kontakt zur extremistischen Szene abbrechen. Sie müssen sich ehrlich distanzieren von ihrem bisherigen Denken und der Szene. Und sie müssen sich Selbstständigkeit in ihrem neuen Leben erarbeiten. Wir möchten die Ausstiegswilligen nicht in die Arbeitslosigkeit oder eine soziale Misere entlassen.

Wie ist die Erfolgsquote?

Niemand kann Menschen den Stempel „deradikalisiert“ aufdrücken. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Wir versuchen, die Risiken bestmöglich zu minimieren. Je mehr wir es schaffen, unsere Klientinnen und Klienten positiv in unsere Gesellschaft zu integrieren, umso höher sind die Chancen für die anhaltende Lösung von Extremismus und Straftaten. Wir achten auf Verbindlichkeit, schauen sehr genau darauf, ob jemand an Terminen teilnimmt, sich aktiv einbringt, gemeinsam getroffene Verpflichtungen einhält und selbstkritisch mit der eigenen Vergangenheit und möglicherweise Schuld umgeht. Aber natürlich können wir niemandem in den Kopf schauen. Man kann nie genau wissen, ob es jemand hundertprozentig ernst meint.




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