Bereitschaftspflege in Stuttgart Schmutzkruste auf der Haut – wie verwahrloste Babys aufgefangen werden

Babys und Kleinkinder, die in Obhut genommen werden, kommen in Stuttgart in die Bereitschaftspflege – für den Fachdienst arbeitet Ralf Wahlenmaier. Foto: IMAGO/Depositphotos; Volland

Bereitschaftspflegefamilien geben Kindern ein Zuhause auf Zeit. Bei der Vermittlung sind diese teils in einem erschreckenden Zustand, berichtet Ralf Wahlenmaier vom Jugendamt.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

An die Verwandlung des Jungen mit den vielen Läusen denkt Ralf Wahlenmaier gerne. Die Geschichte zeigt, warum er seinen Job so liebt. Als der Eineinhalbjährige vom zuständigen Beratungszentrum des Jugendamts aus seiner Familie genommen wurde, sei er nicht nur völlig verlaust, sondern auch stark verdreckt gewesen. Eine Schmutzkruste bedeckte die Haut auf den Armen, dazu die vielen kleinen Tierchen. Der Mitarbeiter hatte Sorge, die Bereitschaftspflegemutter könnte abspringen. Doch diese sei ganz gelassen geblieben. Kein Problem, sie habe das richtige Mittel zuhause, habe sie gesagt.

 

Als die Pflegemutter Tage später mit dem Jungen an der Hand zum ersten Besuchstermin zurückkam, war dieser wie verwandelt. Er habe das Kind zuerst gar nicht wiedererkannt. „Er war gewaschen, frisiert, hatte etwas Schönes an“, erinnert sich Wahlenmaier. Manchmal sei es eine Sache von Tagen, dass man sieht: „Es hat sich da etwas getan, das Hoffnung macht.“

Herkunftsfamilien kämpfen oft noch um ihre Kinder

Ralf Wahlenmaier arbeitet schon seit 23 Jahren bei dem Fachdienst Bereitschaftspflege, der in Stuttgart vor 25 Jahren ins Leben gerufen wurde. Der 62-jährige Sozialpädagoge ist am längsten in dem dreiköpfigen Team und hat entsprechend besonders viele Schicksale kennengelernt. Er qualifiziert Bereitschaftspflegeeltern, begleitet den gesamten Pflegeprozess. Die Mitarbeiter sind Mittler zwischen den aufnehmenden Familien, den Kindern, den Herkunftsfamilien, die oft noch „um ihre Kinder kämpfen“.

Ralf Wahlenmaier ist seit 23 Jahren im 25 Jahre alten Fachdienst Bereitschaftspflege. Im Besuchszimmer treffen sich Kinder und Eltern. Foto: Viola Volland

Wahlenmaier mag seinen Beruf. „Wenn ich morgens komme, weiß ich nie, was mich erwartet.“ Es könne immer in einer Familie die Lage eskalieren. Entscheidet ein Beratungszentrum, ein Baby oder Kleinkind in Obhut zu nehmen, erhält das Team Nachricht. Dann sorgen sie dafür, dass es in eine Bereitschaftspflegefamilie kommt. Dort „ist die Zeit, die Kapazität und die Liebe“ fürs Kind da, erklärt die zuständige Bereichsleiterin, Deborah Zeh. Es könne ganz anders „emotional aufgefangen“ werden als in der stationären Notaufnahme, wo in Schichten gearbeitet wird. Aber auch in einer Bereitschaftspflegefamilie sind die Kinder nur vorübergehend – bis geklärt ist, ob sie zurückkehren zu den Eltern oder ein Anschluss gefunden wurde. Anders als bei der Vollzeitpflegeelternschaft bindet man sich nicht über viele Jahre.

Anspruchsvolle Aufgabe für Bereitschaftspflegeeltern

40 Stuttgarter Kinder sind 2025 in der Bereitschaftspflege betreut worden, fast alle waren nicht älter als ein Jahr alt. Oft holten sie Kinder direkt aus dem Olgahospital ab: zum Beispiel Säuglinge, die einen Entzug durchgemacht haben. Wie sich das Erlebte auswirkt, wissen die Bereitschaftspflegeeltern nicht. „Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, das traut sich nicht jeder zu“, sagt Wahlenmaier. Aber diejenigen, die es machten, blieben oft sehr lange dabei. Die sinnstiftende Aufgabe könne eine gute Alternative zum alten Beruf sein. Unter den aktuell 23 Bereitschaftspflegemüttern seien ehemalige Krankenschwestern, Erzieherinnen, Hebammen.

Das Besondere in Stuttgart: Hier sei jede Pflegemutter Teil einer sechsköpfigen Gruppe, die sich alle vier Wochen trifft. „Sie erleben sich als Team“, erklärt Wahlenmaier. Die Pflegemütter stützten sich und tauschen sich aus. Was ist, wenn eine Mutter einem das Du anbietet? Sollte man annehmen? Rät auch eine erfahrene Pflegemutter ab, hat es ein anderes Gewicht.

Im Schnitt bleiben die Kinder laut Jugendamt inzwischen 322 Tage in der Bereitschaftspflege. Dabei sollten sie nur bis zu sechs Monate dort sein. Doch immer mehr Eltern gingen inzwischen bis zum Oberlandesgericht, was das Ganze in die Länge ziehe. Gutachten könnten den Prozess ebenfalls verzögern. Auch fehle es an Anschlusshilfen. 2025 seien etwa ein Drittel im Anschluss zu Mutter oder Vater zurückgekehrt, die übrigen kamen fast alle in eine Vollzeitpflegefamilie.

Nicht immer läuft es, wie es sich das Jugendamt und die Pflegemutter für das Kind wünschen. Wie im Fall eines Jungen, dessen Mutter noch länger im Gefängnis ist. Der Kleine habe sich toll entwickelt in der Pflege. Doch das Gericht entschied, dass er in die Großfamilie kommen könne, zur Oma. Da die Mutter in Haft sei, sei er schließlich sicher. „Das muss man dann miteinander aushalten“, sagt Wahlenmaier. 

Ein Wunder: Das Mädchen strahlt in die Kamera und lacht

Aber es gibt nicht nur die schweren Momente. Es gibt auch die schönen. Wahlenmaier erzählt von einer Zweijährigen, die aus einer „völlig verdreckten Wohnung“ geholt wurde: „Sie konnte kaum laufen, wurde nie gefördert, hat nicht gesprochen.“ Ihr Blick sei leer gewesen.

Die Bereitschaftspflegemutter habe vermutet, dass sie zuvor nie draußen war, weil sie solch eine Freude an Blättern und allem in der Natur zeigte. Die Frau hat Wahlenmaier ein Foto des Mädchens geschickt – die Kleine im Schnee. „Sie strahlt in die Kamera und lacht“, ein Wunder. Ihre Themen begleiteten die Kinder zwar durchs ganze Leben. Aber wenn es rechtzeitig passiere, dass sie aufgefangen würden, sei „noch nicht alles verloren“.

So viel verdient eine Bereitschaftspflegeperson

Verdienst
Die Bereitschaftspflegefamilie erhält Pflegegeld für das aufgenommene Kind. Dieses setzt sich zusammen aus den Kosten für Sachaufwände und Kosten für die Pflege und die Erziehung des Kindes. Es wird nach Belegungstagen ausgezahlt. Der Tagessatz liegt bei 97 Euro, das sind rund 2900 Euro im Monat. Sozialversicherungsbeiträge werden nicht gezahlt. Es ist auch möglich, zwei Kinder aufzunehmen.

Bedingungen
Das jüngste eigene Kind muss mindestens drei Jahre alt sein. Wer Interesse hat, führt zunächst längere Gespräche zur eigenen Biografie mit jemandem vom Fachdienst. Ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztliches Attest müssen vorgelegt werden. Wenn man ein Kind aufgenommen hat, muss man für ein bis zwei Besuchstermine in der Woche zum Fachdienst in die Hauptstätter Straße kommen. Ein eigenes Zimmer für das Kind ist nicht zwingend. Mehr Informationen gibt es per E-Mail an pflegekinderdienst@stuttgart.de.

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