Berg-und-Tal-Fahrt Das ganz neue Leben in Sevilla

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Andreas Hinkel war plötzlich in einer ganz anderen Liga angekommen – was sich auch daran zeigte, dass in Sevilla auf seiner Position der wohl weltbeste Außenverteidiger Dani Alves spielte. Der Brasilianer, mittlerweile beim FC Barcelona unter Vertrag, wurde vom Trainer Jaunde Ramos, ins Mittelfeld beordert, während Andreas Hinkel häufig in der Verteidigung zum Einsatz kam. „Mich hat die Zeit in Spanien aber nicht nur fußballerisch weiter gebracht“, erzählt Andreas Hinkel, „weil ich mich auf das Leben in Sevilla, auf den Rhythmus dieser Stadt eingelassen habe. Hier habe ich als typischer Deutscher gelernt, dass nicht alles perfekt sein muss. Ich habe gemerkt, dass es fantastisches Essen in Restaurants gibt, deren Fassaden nicht einladend wirken und dass man mit den Einheimischen reden kann, auch wenn man die Sprache noch nicht besonders gut kann. Das hat mir allerdings damals mein russischer Mitspieler Alexander Kerschakow beigebracht. Der hat einfach drauflos geredet, obwohl er schlechter Spanisch konnte als ich.“

„Erzähle ich zu ausführlich?“, will Andreas Hinkel jetzt wissen, nachdem die Zahnradbahn nicht nur den Wendepunkt in Degerloch passiert hat, sondern schon an der Endstation am Marienplatz angekommen ist. Die Tiefpunkte kommen diesmal eben später dran. Auf dem Weg ins Café Kaiserbau, wo das Zackegespräch fortgesetzt wird, entdeckt ein VfB-Fan Mitte 40 Andreas Hinkel und schaltet sich ins Gespräch ein? „Andy, super, was machsch hier?“ Hinkel ist freundlich, aber er wirkt auch nicht unglücklich, als der Mann wieder von ihm ablässt.

„Wo waren wir gerade?“, fragt Andreas Hinkel. Noch in Sevilla. „Dort habe ich leben gelernt, bin lockerer geworden. In Deutschland durftest du nach einer Niederlage bis zum nächsten Spiel nicht Lachen. In Spanien saßen wir bedröppelt in der Kabine, aber schon eine Stunde später im Bus haben alle wieder positiv auf das nächste Spiel geschaut.“

Und mit Begeisterung erzählt Andreas Hinkel weiter – von seinen drei Jahren bei Celtic Glasgow, die sportlich im Vergleich zu Sevilla ein Rückschritt waren, aber ihn trotzdem weiterbrachten: „Den Verein, die auf den ersten Blick nicht schöne Stadt und die Menschen dort habe ich in mein Herz geschlossen. In Schottland ist alles ein bisschen rauer, aber umso herzlicher. Als ich den Verein verließ, haben die Leute zu mir gesagt, dass ich für immer zur Celtic-Familie gehöre. Das bedeutet mir viel.“ Der katholische Arbeiterverein und der geerdete (katholische) Fußballer haben einfach perfekt zusammengepasst.

Traurige Erinnerungen an Antonio Puerta

„Also, jetzt zu den Tiefpunkten“, sagt Andreas Hinkel, der mittlerweile beim zweiten großen Apfelsaftschorle angekommen ist, „gar nicht so leicht, die zu benennen.“ Vielleicht geht es ja mit ein paar Stichworten etwas einfacher? Fangen wir mit dem frühen Karriereende an – mit gerade einmal 30 Jahren. „Das habe ich nicht als besonders bitter erlebt. Mir war klar, dass ich nicht in ein Loch falle, ich kann mit mir etwas anfangen, langweilig wird mir nicht. Es war ein selbstbestimmtes Karriereende. Ich wollte mich nach meiner Verletzung noch einmal zurückkämpfen, und das habe ich geschafft“, sagt Andreas Hinkel. Im Celtic-Training hatte er sich 2011 das Kreuzband gerissen, kehrte nach Deutschland zurück, hielt sich beim VfB fit und feierte beim SC Freiburg sein Bundesliga-Comeback, um nach sieben Spielen und dem Klassenverbleib mit dem Profifußball aufzuhören.

Auch dass er 2006 noch unmittelbar vor Turnierbeginn aus dem deutschen WM-Kader gestrichen wurde, empfindet der 21-malige Nationalspieler nicht als Tiefpunkt. „Ich hatte gar keine Zeit zu hadern, weil unmittelbar danach meine Wechsel nach Sevilla anstand.“ Und in Spanien erlebte er auch etwas, das alle sportlichen Misserfolge sehr unwichtig erscheinen lassen.

Am 25. August 2007 bricht im Spiel gegen den FC Getafe der 21 Jahre alte Antonio Puerta neben Andreas Hinkel in der 30. Minute mit einem Kollaps zusammen. In der Kabine muss der Jungstar des FC Sevilla fünfmal wiederbelebt werden. Antonio Puerta, dessen Frau im siebten Monat schwanger ist, stirbt drei Tage später. Die Todesursache ist eine unentdeckte Herzkrankheit. „Er war ein Supertyp, ganz Sevilla hat um ihn getrauert“, sagt Andreas Hinkel, der schon zuvor auf ganz ähnliche Weise in der Jugend einen Freund verloren hat. „Da kann ich doch jetzt nicht kommen und sagen: Gemeinheit, dass ich nie bei einer WM dabeisein durfte.“

Aber eines findet Andreas Hinkel im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft dann doch noch erwähnenswert: „Dass Philipp Lahm wegen mir beim VfB auf linker Verteidiger umschulen musste. Genaugenommen habe ich ihm so zu einer großen Karriere verholfen“, sagt Andreas Hinkel mit einem Grinsen im Gesicht und vermutet am Ende eines dreistündigen Gesprächs, „daraus lässt ich jetzt auch ein Buch machen.“ Und er erklärt auch, warum ihm das eigentlich lieber wäre. „Eine meiner zehn Regeln lautete: Lies keine Zeitungsartikel, die sich um dich drehen.“




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