Vor 20 Jahren wurde im Erzgebirge das letzte Zinn-Bergwerk geschlossen. Doch nun ist die Förderung wieder rentabel – und es lockt das größte Vorkommen der Welt.

Gottesberg - Michael Conrad hat den Platz an der Sonne, doch er merkt es gerade nicht. Zum einen pfeift der Wind trotz der Frühlingswärme noch immer gehörig an der Spitze der Bohrlafette. Zum anderen muss er sich konzentrieren: Mit einer langen Zange justiert er etwas an der Winde des Bohrgerätes nach. Geschafft! Er klettert herab. Es kann weitergehen. Bohrmeister Norman Henkel wirft das Aggregat wieder an. Conrad und Norman Lange, der dritte im Trupp, wissen nun ohne viele Worte, was sie tun haben am Rohrgestänge. Jeder Griff sitzt unter ihren schweren Handschuhen.

 

„Die Zeit drängt!“, ruft Henkel aus seinem Führerstand herüber. „231 Meter tief sind wir bisher, morgen wollen wir möglichst 250 Meter weit im Berg sein.“ Ja, sicher, das sei drin, wiederholt er auf Nachfrage. Der Gottesberg erweise sich bisher als ein sehr dankbares Gestein zum Bohren: fast nur Granit sowie Greisen, also jene körnigen, grauen Quarz- und Glimmerschichten, in denen das Zinn lagert. 15 bis 20 Meter schaffen sie am Tag.

Wobei die Tage für den Bohrtrupp aus Thüringen seit Ende Februar 24 Stunden lang sind. In drei Schichten arbeitet er rund um die Uhr. Nur in jener eisigen Phase, als die Temperaturen unter minus 20 Grad fielen, hatte er pausieren müssen. „Ab zehn Grad minus friert das Spülmittel für die Bohrkrone ein“, erläutert Henkel, während er Knöpfe drückt, Hebel bedient und behutsam mit zwei Joysticks manövriert. Laufend kontrolliert er Andruck, Drehmoment, Spüldruck, Spülungsrate und Bohrfortschritt. Im Herbst hat sein Trupp sogar in Sibirien gebohrt, am weltgrößten Trinkwasserbrunnen für die Stadt Chabarowsk.

Der Bohrer brummt wie ein Lkw im Leerlauf

Offenbar sehr gleichmäßig frisst sich die mit Kunstdiamanten besetzte Bohrkrone weiter in den Berg. Die Arbeitsbühne, auf der Conrad und Lange hantieren, vibriert nur wenig. Auch die Lautkulisse, die das blaue Bohrgerät erzeugt, hat nichts von einem Presslufthammer. Es klingt eher wie ein Lkw im Standlauf. Nur hin und wieder, wenn Gestängeteile aneinander schlagen, scheppert es laut. Das sei auch gut so, befindet Jörg Reichert, der eben vorfährt. Gut gelaunt winkt er den Männern von der Firma Brunnenbau Conrad aus Bad Langensalza zu. „Wir bohren hier ja praktisch schon im Vorgarten des nächstgelegenen Grundstücks“, sagt Reichert.

Reichert ist Chefgeologe der Deutschen Rohstoff AG, die nicht nur in Gottesberg, sondern parallel auch im erzgebirgischen Geyer die Zinnvorkommen prüft. Beides geschehe im öffentlichen Raum. „Da ist man schon sehr auf das Wohlwollen der Anrainer angewiesen“, sagt Reichert, der auch Chef der neu gegründeten Firma Sachsenzinn ist. Aber anders, als sie es bei anderen Explorationsunternehmen vielfach erlebten, treffen die Erkunder im Erzgebirge und Vogtland durchweg auf Verständnis. Schon in der Bürgerversammlung, zu der man das ganze 100-Seelen-Dorf Gottesberg geladen hatte, „gab es kaum eine kritische Frage“, erinnert sich Reichert. Die Leute hier lebten seit Generationen mit dem Bergbau, fast jeder habe einen Knappen oder Steiger in der Familie.

Der Geologe orientiert sich an Plänen aus DDR-Zeiten

Ein Blick unter die Arbeitsbühne zeigt: Der Bohrer schneidet den Erzkörper im Granit nicht senkrecht an, sondern um 30 Grad aus dem Lot versetzt. Diesen Winkel gab der Chefgeologe dem Trupp vor. Und er orientierte sich bei den Planungen für den optimalen Bohrverlauf wiederum an einem Lagerstättenmodell, das schon drei Jahrzehnte alt ist. Denn im Grunde betrieben sie hier nur Bestätigungsbohrungen für die DDR-Erkundungen, erzählt er: „Die Lagerstätte hier wie auch die in Geyer sind bereits sehr solide erkundet.“

Warum dann erneut Bohrungen? Reichert grient ein wenig. Zum einen traue wohl mancher Geldgeber aus dem asiatisch-australischen Raum, die den Investorenpool für diese Exploration bilden, nicht recht den Befunden aus alten planwirtschaftlichen Zeiten, sinniert er. Zum anderen habe man seinerzeit auch noch mit anderer Technologie und kleinerem Gerät gebohrt. Die 101 Millimeter starken Bohrkerne, die Henkels Mannschaft nun heraufholt, seien aussagekräftiger als die Kerne von damals. Und für das Zinnunternehmen Tin International, das die Rohstoff AG für die geplante Schatzhebung in Sachsen bereits gründete, zählten nur Analysen auf Basis des internationalen JORC-Standards (die Abkürzung steht für das australische Gremium Joint Ore Reserves Committee).

Die ersten Ergebnisse lassen hoffen

Unterm Gottesberg rückt der Bohrtrupp nun an drei Stellen exakt 400 Meter weit dem Fels ins Mark. Erz aus diesen Tiefen zu fördern, ist teuer, doch Reichert hält es für lohnend. Die Zinnpartikel im Erz seien hier sehr groß, sagt er, während er zur Arbeitsbühne hinaufsteigt: „Sie eignen sich damit ausgezeichnet für die Weiterverarbeitung.“ Gleich rechts neben der Treppe liegen flache Kästen mit runden Gesteinsproben. Es sind die Bohrkerne, die in den vergangenen Stunden gezogen worden sind.

Der Geologe nimmt einen in die Hand und nickt. „Hier, diese feinkörnigen Partien“, sagt er und weist auf graue Stellen im Material, „das ist Greisenerz. Darin ist das Zinn enthalten.“ Behutsam streicht er über die Oberfläche des einen Meter langen Stücks. Beim Gottesberger Vorkommen gingen sie von einem Zinngehalt zwischen 0,24 und 0,3 Prozent aus. Mithin ließen sich aus einer Tonne Erz bis zu drei Kilo Zinn auslösen. Beachtlich wenn man hört, dass es bei Gold oft kaum ein Gramm je Tonne ist.

Es geht um ein Milliardengeschäft

Noch in dieser Woche sollen alle Bohrungen in Gottesberg beendet sein. „Zeit ist hier richtig Geld“, sagt Reichert. Doch er scheint guter Dinge. Er schließt nicht mehr aus, dass sie die bisherigen Prognosen sogar noch nach oben korrigieren werden. Schon jetzt wird unter dem 800 Meter hohen Gottesberg das womöglich größte Zinnvorkommen der Welt vermutet: 120 000 Tonnen des gefragten Wertmetalls. Nach heutigen Marktpreisen rund 2,7 Milliarden Euro. Im benachbarten Geyer warten weitere 60 000 Tonnen.

Anja Ehser teilt die Zuversicht ihres Chefs. In ihrem Labor am Rande der Chemnitzer City landen alle Bohrkerne an. Ihr Part wie auch der ihrer Kollegin Sandy Bülow besteht nun darin, die zuvor in Viertel aufgesägten Bohrproben optisch zu sichten und anschließend zu loggen, wie es Geologen nennen. Zur Linken ihr Laptop, vor sich das Bohrschema aus DDR-Zeiten und in der Rechten ein Niton-Gerät, mit dem sich zügig der Metallgehalt im Bohrkern scannen lässt: Was dem Laien im ersten Moment monoton erscheint, erlebt die junge Leipzigerin als ein kleines Abenteuer. Denn jede Probe sei anders, sagt sie. Sie weiß eher als jeder andere, wie viel Zinn im Stein schlummert. „Zuweilen ein ganzes Prozent“, verrät sie. Letzten Aufschluss gäben dann weitere Analysen in Schweden und Kanada, ergänzt Reichert. Im Sommer, schätzt er, werde man es genau wissen.