Berge und Hügel im Südwesten Das Paradies vor der Haustür

Von Tom Hörner 

Topografie
Wie das Land, so die Leut’. Klingt altbacken.Aber womöglich hat der Spruch mehr Gehalt,als sich der moderne Mensch eingestehen will. Baden-Württembergs Berge und Wälder scheinen jedenfalls eine prägende Wirkung auf seine Bewohner zu haben.

Der Radmarathon Alb-Extrem hinterlässt bleibende Eindrücke – auch in den Oberschenkeln der Radler auf dem Weg nach Hohenstaufen. Foto: Pressefoto Baumann
Der Radmarathon Alb-Extrem hinterlässt bleibende Eindrücke – auch in den Oberschenkeln der Radler auf dem Weg nach Hohenstaufen. Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - Am letzten Wochenende des Juni besteigen jedes Jahr mit dem Sonnenaufgang rund dreieinhalbtausend Männer und Frauen ihre Fahrräder, um anschließend durch den Schwäbischen Wald zu strampeln und die Höhenzüge der Ostalb zu bezwingen. Da sie im Laufe des Tages nicht nur etliche Straßenkilometer, sondern auch einige Tausend Höhenmeter herunterkurbeln, trägt die Veranstaltung den Namen Alb-Extrem. Soll niemand behaupten, ihn habe keiner gewarnt.

Es mag vielerlei Gründe geben, warum Menschen Dinge tun, über die Außenstehende bloß den Kopf schütteln. Beim Radmarathon Alb-Extrem spielt die Landschaft eine tragende Rolle. Wenn es frühmorgens, nachdem man sich nach Hohenstaufen hochgekämpft hat, im ersten Sonnenlicht hinabgeht ins noch nebelverhangene Remstal, dann sind das Bilder, die man nicht so leicht vergisst. Zwar wird sich der Blick der Pedaleure gegen Nachmittag, wenn die Oberschenkel brennen, verengen und mancher sich fragen, warum er sich das antut, aber die starken Eindrücke werden bleiben – und ihren Teil dazu beitragen, dass die Radler im nächsten Jahr wiederkommen.

Der Mensch prägt die Landschaft, die Landschaft den Menschen

Wenn schon ein Abstecher in eine schöne Gegend seine Spuren bei den Besuchern hinterlässt und eine Verbindung schafft, wie wirkt so ein Landstrich dann auf die, die dort aufwachsen? Der Biologe und Landschaftsexperte Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik an der Leibniz Universität Hannover, ist sich sicher: „Natürlich prägt der Mensch durch sein Tun die Landschaft. Aber die Landschaft prägt auch den Menschen. Es macht schon einen Unterschied, ob einer im engen Tal oder oben auf dem Berg lebt.“

Landschaften wirkten aber auch dadurch weiter, indem man ihre Geschichten und die ihrer Bewohner weitererzähle: Wer hört, dass das bäuerliche Dasein auf der Schwäbischen Alb oft kein Zuckerschlecken war und seine Vorfahren mit den kargen Böden zu kämpfen hatten, neigt womöglich weniger zu Höhenflügen als ein verwöhntes Stadtkind.

Küster lebt in Hannover und im Schwarzwald. Er wuchs in Stuttgart-Sillenbuch auf und ist wohl selbst ein gutes Beispiel dafür, wie eine Landschaft auf einen Menschen abfärben kann. Wenn er über Stuttgart spricht, gerät er ins Schwärmen: „Da war die Enge des Kessels, aber wenn man auf das lange Feld bei Kornwestheim kam, dann hat sich der Blick geweitet. Die Stuttgarter haben alles, das breite Remstal, die bewaldeten Höhenzüge beim Schloss Solitude.“

Wie das Land, so die Leut’ – eine Formel, die funktioniert

Als Kind habe er es als großartig empfunden, mit der Straßenbahn von Heumaden nach Stammheim zu fahren. „Das war unglaublich, wie sich da die Landschaft veränderte.“ Womöglich haben diese Fahrten auch einen Anteil daran, dass Hansjörg Küster Bücher zur Geschichte von Wäldern und Landschaften verfasste.

Wie das Land, so die Leut’? Auch der Diplompsychologe Dieter Horch aus Korntal-Münchingen kann der Faustformel etwas abgewinnen. Er beispielsweise empfinde die Menschen im von der Sonne verwöhnten Badischen oft warmherziger als im Schwäbischen. „Aber wenn ich in Stuttgart einer Supermarktkassierin freundlich gegenübertrete, werde ich meist auch mit einem Lächeln belohnt.“ Unabhängig von der Topografie gilt das globale Prinzip: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück.

Auch wenn eine Landschaft, in der man aufgewachsen ist, einen in besonderem Maße geprägt hat – im Lauf seines Lebens, schätzt der Biologe Küster, könne man sich in viele Landschaften vergucken. Für ihn sei das Paradies auf Erden ein lichter Eichenhain bei Sillenbuch, aber er liebe auch das Alpenvorland oder die Nord- und Ostseeküste.

Was die Leidenschaft für Neuland betrifft, da stehen einem in unseren Billigflugzeiten Tür und Tor offen. Interessant wird es dann, wenn jemand versucht, ein Stück von der neuen in die alte Heimat zu importierten. Dann taucht im Schwarzwald ein Schwedenhaus oder ein Anwesen im toskanischen Stil auf – zum Leidwesen der Nachbarn.