Bergfest bei Stuttgart 21 Das Herzstück nimmt Gestalt an

Großer Stolz auf die Ingenieurs- und Arbeiterkünste: Baubürgermeister Peter Pätzold, Züblin-Vorstand Harald Supper, S-21-Chef Olaf Drescher, Architekt Christoph Ingenhoven und OB Frank Nopper (von links) Foto:  

Beim Bergfest des Baus der Kelchstützen im künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof fehlt es nicht an großen Worten. Oberbürgermeister Frank Nopper nennt die Stützen ein „kleines architektonisches Wunderwerk“.

Stuttgart - Die zwei Dutzend Arbeiter machten keine Anstalten, ihr konzentriertes Werken zu unterbrechen. Immerfort bewegten sie die beiden langen, schmalen Schwenkarme der Baukräne und ließen aus den einem Elefantenrüssel gleichenden Schläuchen das breiige Betongemisch in die vorbereitete Stahlkonstruktion einfließen. Die Betonage der 14. Kelchstütze für die Bahnhofshalle im künftigen unterirdischen Hauptbahnhof Stuttgarts ging am Samstagvormittag ohne Unterbrechung weiter, selbst als nur wenige Meter entfernt vom aktuellen Epizentrum der Stuttgart-21-Großbaustelle mehrere Redner gemeinsam zum großen Lob anstimmten.

 

Bahn spricht von wichtigem Etappenziel

Für das sogenannte Bergfest beim Bau der insgesamt 28 Kelchstützen hatte die Deutsche Bahn ordentlich Prominenz aufgefahren. Der Bahnhofsarchitekt Christoph Ingenhoven war ebenso dabei wie Olaf Drescher, der Vorsitzende der Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH, und Frank Nopper bei einem seiner ersten größeren öffentlichen Auftritte als neuer Stuttgarter Oberbürgermeister.

Von einem „wichtigen Etappenziel für uns“ sprach Drescher, schließlich sei die „in dieser Form noch nie gebaute Konstruktion mit höchsten Ansprüchen an Technik und Qualität“ für die beteiligten Ingenieure „keine Selbstverständlichkeit, sondern eine echte Herausforderung“. Da man nun die Hälfte erfolgreich hinter sich gebracht und seit der ersten Kelchstütze im Oktober 2018 viele Erfahrungen gesammelt habe, „liegt der schwierigste Teil hinter uns“, glaubt Drescher. „Es geht jetzt zügiger dem Ziel zu.“ Einen weiteren Effekt wollte der Projektchef nicht verhehlen: „Mit jeder neuen Kelchstütze wird das Herzstück von Stuttgart 21 präsenter, nimmt Gestalt an. Die Dimensionen dieses Architektur-Mekkas erschließen sich auch zunehmend den Außenstehenden.“

Das sieht auch der neue Stuttgarter OB so. „Immer mehr lässt sich erahnen, wie der Bahnhof einmal aussehen wird“, freute sich Frank Nopper über die Fortschritte. Ein eigenes Bergfest für die Kelchstützen, unabhängig von der Halbzeit des S-21-Gesamtprojekts (Nopper: „Das liegt schon lange hinter uns“), hält das Stadtoberhaupt für angebracht: „Jedes für sich ist mit eigenem Zuschnitt ein kleines architektonisches Wunderwerk.“

Architekt Ingenhoven lobt die Arbeiter

Diese Wertschätzung will Christoph Ingenhoven nicht für sich alleine in Anspruch nehmen. Neben dem von ihm und Nopper als „kreativen Erfinder der Kelchstützen“ bezeichneten Kollegen Frei Otto (2015 verstorben) lobte der Bahnhofsarchitekt beim Bergfest ganz explizit die Arbeiter. „Bewunderung und Respekt für die, die hier jeden Tag fleißig sind“, empfindet Ingenhoven. Die Bauleute hätten die Herausforderung, die ihnen die geistigen Planer vorgesetzt hätten, angenommen und umgesetzt. „Es gibt genügend Gewöhnliches. Dieses hier ist es bestimmt nicht“, so der Architekt. Dass das alles in Stuttgart geschieht, sieht Ingenhoven als „nicht zufällig“ an. „Stuttgart ist das Zentrum und der Höhepunkt der weltweiten Bauingenieurskunst“, lobte der Düsseldorfer die Schwabenmetropole über den grünen Klee. „Hier auf der Baustelle, aber auch an der Uni und in freien Büros sind die besten Leute“, so Ingenhoven, der deswegen forderte: „Es ist an der Zeit, stolz darauf zu sein, was Stuttgarter hier tatsächlich leisten.“

Der Architekt wünscht, dass sich „Stuttgart zu diesem Projekt bekennt“ und „mit Optimismus und Freude darauf schaut“. Ins gleiche Horn stieß der OB. „Es ist höchste Zeit, dass wir jetzt gemeinsam den Blick nach vorne richten auf großen Chancen des Projekts“, sagte Nopper, der zuvor einräumte, dass beim Bahnprojekt Stuttgart–Ulm zunächst „nicht alles richtig gemacht wurde“, aber man sich immer wieder hinterfragt und dann „nachjustiert und optimiert“ habe. Mit S 21 stehe man nun davor, bis 2025 zur „Schienenverkehrshauptstadt in Deutschland und Europa“ zu werden. Und zudem sei es eine „große städtebauliche Chance“.

Nopper: Stadt will mit Siebenmeilenstiefeln voranschreiten

Das Rosensteinquartier, das auf den alten Gleisflächen entstehen und für mehr als 14 000 Menschen eine neue Heimat bilden soll, hebe die Trennwirkung des bisherigen Bahnhofsbereichs auf. „Stuttgart 21 schafft Verbindendes, nachdem es lange Zeit für Trennendes gesorgt hat“, so Nopper. „Das Umfeld des neuen Bahnhofs schreit geradezu nach städtebaulicher Aufwertung“, sagte der Rathauschef und kündigte im Beisein seines Baubürgermeisters Peter Pätzold (Grüne) an, dass die Stadt dabei „mit Siebenmeilenstiefeln nach vorne gehen“ werde.

Auch das Bonmot des Tages brachte Nopper. Er hielt einen in anderem Zusammenhang geäußerten Spruch von Ex-OB Manfred Rommel bei diesem Bergfest für angebracht. Für die Kelchstützen, so der neue OB, träfen Worte seines Vorvorvorgängers zu: „Was eine Großstadt munter hält, das ist und bleibt die Unterwelt.“

Für den Bau des neuen Hauptbahnhofs und die etwa 60 Kilometer Tunnel in der Stadt werden bisher 8,2 Milliarden Euro veranschlagt. Ende 2025 sollen die ersten Züge fahren. „Das ist ein Versprechen, das wir halten müssen“, sagte der Bauprojektleiter Drescher vor Kurzem.

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