Bergsteigen in Kirgisistan Postkarten vom Pik Leipzig

Von Harald Lachmann 

Seit 1989 trägt ein Berg in Kirgisistan den Namen der Stadt. Der Erstbesteiger kehrt nun dorthin zurück.

Der Gipfelsturm von 1989 soll wiederholt werden Foto: StZ
Der Gipfelsturm von 1989 soll wiederholt werden Foto: StZ

Leipzig - Ende August werden die Briefzusteller in und um Leipzig ungewöhnliche Postkarten austragen. Abgesendet sein werden sie im Tiefschnee des Pamir, konkret vom 5725 Meter hohen Pik  Leipzig. Als kühne Postillione vor Ort betätigt sich eine Gruppe aus Leipziger um den ­61-jährigen Bauingenieur und Bergsteiger Ralf Brummer. Zuvor spielt sich das Quartett damit gleich noch etwas in die Expeditionskasse ein, denn das Porto für die handsignierten Gletschergrüße beträgt zehn Euro. Es hilft ihnen ein wenig, die nicht unerheblichen Kosten für Flug, Visa, Ausrüstung und so weiter zu stemmen.

Im Grunde sei es freilich eine einzigartige Marketingaktion für die Region, da ist sich Brummer sicher: „Welche Stadt hat schon einen Berg, der nach ihr benannt ist?“ Auch schon vor 23 Jahren führte der heutige Geschäftsführer die Leipziger Seilschaft an, die am 9. August 1989 erstmals diesen Berg im kirgisischen Hochgebirge bestieg. Sie tauften ihn auf ihre Heimatstadt und arretierten eine Kupferbüchse mit dem eingravierten Schriftzug „Pik Leipzig“. Diese enthält das Gipfelbuch mit dem Datum der Landnahme, der gewählten Route über die Nordwand und den Namen der Erstbesteiger – neben Brummer sind dies Wolfgang Hempel, Erhard Klingner und Siegfried Wittig.

Die Vorgeschichte hierzu sei allerdings ebenso abenteuerlich gewesen wie das Entern des Gletschers selbst, sagt Brummer und schmunzelt. Sie hatten zwar den Segen der damaligen Leipziger Rathausspitze, dennoch schlugen sich die vier zunächst nur mehr oder minder legal zum Pamir durch. Im Basislager des 7134 Meter hohen Pik Lenin lernten sie den Chef der ersten sowjetischen Everest-Expedition kennen. Ihm erzählten sie ihr Ansinnen, einen noch jungfräulichen Gipfel erklimmen zu wollen, um ihn nach Leipzig zu benennen.

Lichtpausen alter Pamir-Karten von 1928 und 1929

Sie bekamen Hilfe beim Suchen und erhielten Lichtpausen alter Pamir-Karten von 1928 und 1929. Auf deren Basis erstellten die Bergsteiger per Hand eine Geländeskizze. „Dann umkreisten wir im Hubschrauber das Hochplateau, um die beste Aufstiegsroute zu erkunden“, sagt Brummer.

Das Wetter spielte mit, sie erklommen vom Höhenlager aus, das sie sich in einer Höhe von etwa 5100 Metern eingerichtet hatten, auf einen Ritt den Gipfel.

Brummer machte sich später kundig: Es existieren im Grunde keine internationalen Regularien, wie ein Berg zu seinem Namen kommen darf oder muss. „Was zählt, ist allein das Gewohnheitsrecht“, sagt er. Dennoch fand sich die Bezeichnung „Pik Leipzig“ bis vor Kurzem noch auf keiner Bergkarte. Denn erst ging die spektakuläre Aktion in den Wirren des Leipziger Wendeherbstes unter, dann erwies es sich erwartungsgemäß als schwierig, die exakten Koordinaten des Gipfels zu orten. Zwar lieferten die Männer zu ihrer Skizze geografische Daten mit – allerdings nach dem hierfür heute kaum noch tauglichen Gauß-Grüger-System.

Vergleich der Handskizze mit Höhendaten der Nasa

Und doch wurde der Kartograf Rolf Böhm aus dem sächsischen Bad Schandau fündig. Brummers alter Kletterfreund durchforstete im Internet Höhendaten der US-Raumfahrtbehörde Nasa, verglich diese mit der Handskizze von 1989 und war sich eines Tages sicher: Der hufeisenförmige Bergkamm mit zwei Buckeln, den er da im Pamir unweit der Grenze zu Afghanistan lokalisiert hatte, konnte nur der Pik Leipzig sein. Gut möglich jedoch, dass Leipzigs Berg nun sogar noch ein ganzes Stück wächst, mutmaßt Brummer, der dies hoch oben per GPS nachmessen wird.

Zumindest kann die neue Expeditionsmannschaft, die am 21. Juli mit dem Flug in die kirgisische Hauptstadt Bischkek aufbricht, nun nach einem nagelneuen farbigen Reliefbild mit Höhenlinien und Geländepunkten den Aufstieg wagen. Mit dabei sind noch Steffen Löfflmann, der Inhaber eines Leipziger Bergsport- und Outdoor-Shops, seine Frau Gerlind Löfflmann sowie der Leipziger Thomas Veit.

Ralf Brummer will dieselbe Nordroute wählen wie 1989. „Wenn alles solide vorbereitet ist, und wir uns in der Höhe gut akklimatisiert haben, ist es in drei Tagen zu schaffen“, meint er. Und doch blickt der Bergsteiger mit einigem Respekt dem neuen Wagnis entgegen. Ihn sorgt ein relativ breiter Gletscherabriss, den sie schon damals vor 23 Jahren nur mit Mühe querten. „Ist diese Randkluft wegen des Klimawandels womöglich weiter gewachsen und damit unpassierbar?“ Solche Fragen treiben Brummer um. Denn dann müssten sie einen größeren Umweg in Kauf nehmen. Auf jeden Fall werden die Alpinisten diesmal gesichert laufen, statt wie 1989 auf zusätzliche Seile zu verzichten. Auch einen Abstieg am selben Tag schließt Brummer aus: „Eine Nacht werden wir oben schlafen.“

Das Rathaus schreibt den Behörden in Kirgisistan

Heimatliche Unterstützung erhält das Quartett erneut aus dem Rathaus, wenn auch eher immaterieller Art. So bat der Oberbürgermeister Burkhard Jung bereits in einem Schreiben an die Behörden in Kirgisistan um eine Art offiziellen Geleitschutz. Überdies will die Verwaltung auf der städtischen Internetseite regelmäßig live vom Pik Leipzig berichten. Das hierfür benötigte Satellitentelefon steuert die Leipziger Hochschule für Telekommunikation bei. Daneben sind es zuerst Mittelständler der Stadt, die den zweiten Gipfelsturm unterstützen. Auch die örtliche Sektion des Alpenvereins sitzt mit im Boot, dabei ist Leipzigs Berg im Pamir weitaus höher als jeder Alpengipfel oder auch der mächtige Elbrus im Kaukasus.

Letzteren hat der Bergsteiger Ralf Brummer auch schon erklommen. Im Übrigen seilen sich die bei ihm angestellten Maler und Maurer auch schon mal halsbrecherisch an Gebäudefronten ab, an denen kein Kran mehr stehen kann oder sein Einsatz schlicht zu teuer wäre. Ihr bisher aufsehenerregendster Einsatz fand 1995 statt: Als Christo den Reichstag verhüllte, zählten die Leipziger Alpintechniker zu seinen Hauptakteuren.