Guten Morgen, Sie sind ja auf die Sekunde pünktlich.
Ich dachte mir, dass jemand wie Sie bestens organisiert sein muss. So jemanden sollte man nicht warten lassen.
Da haben Sie Recht, beim Bergsteigen wird man gut erzogen. Aber das trifft auch auf Leistungssportler zu. Oder auf Kinder, die schon früh morgens im Sport aktiv sind. Die müssen einfach ihren Tag durchplanen.
Wir wollten aber über etwas anderes sprechen. Sie haben vor zehn Jahren den Mount Everest bestiegen. Haben Sie das Jubiläum gefeiert?
Ja, es gab im Grindelwald in der Schweiz ein Treffen mit dem harten Kern meines Teams. Das Wetter war zwar scheußlich, aber wir konnten doch einiges miteinander unternehmen. Wir haben es in all den Jahren geschafft, uns einmal im Jahr zu treffen. Sei es zu einer Hochzeit oder einer Tour.
Klingt nach einem Bund fürs Leben.
Stimmt. Entweder man redet kein Wort mehr miteinander, oder man hält Kontakt.
Sie haben während einer Krebserkrankung beschlossen, den Mount Everest zu besteigen. Hat es dazu die Krankheit gebraucht?
Ich bin seit Kindesbeinen an Bergsteigerin, war in Nepal und hab die Riesen schon gesehen. Damals war ich mit den Skiern auf zwei Sechstausendern. Es ist schwer zu sagen, ob ich es ohne meine Krebserkrankung auch gemacht hätte. Aber die bot mir die Gelegenheit, mich für acht Wochen von der Familie zu trennen. So eine Besteigung eines Achttausenders braucht viel Zeit und ist nicht gerade billig. Unter gesunden Umständen hätte ich mir es vielleicht nicht gegönnt.
Sie standen 18 Monate nach der Diagnose auf dem Gipfel. Das ist unglaublich.
Da waren alle verblüfft, auch mein Onkologe. Die Mediziner erklären sich das so, dass ich davor, also bevor es mir die Socken ausgezogen hat, durch eine Expedition in Alaska und einen Ultramarathon auf einem enorm hohen Leistungsniveau war. Deshalb habe ich wohl bei der Chemo nicht so viel Kraft eingebüßt. Während der Chemo habe ich zwar nicht trainiert, aber ich war viel draußen.
Und Sie konnten relativ früh wieder mit dem Training starten.
Ja, ich war da eisern, habe oft die Pobacken zusammengekniffen. Das Training war nicht immer ein Genuss. Teils bin ich morgens um 2 Uhr los, habe vier Stunden lang trainiert, stand tagsüber mit der Familie auf den Skiern und habe abends noch mal vier Stunden lang trainiert.
Ich habe neulich bei einem Vortrag von Ihnen gelernt, dass der Everest bergsteigerisch gar nicht so die Herausforderung ist.
Es ist die Höhe, die einem zu schaffen macht. Auf 8000 Meter haben Menschen eigentlich nichts verloren. Aber eben das macht den Reiz aus. Du brauchst eine enorme mentale Stärke, um da raufzukommen. Jeder, der da hochgeht, weiß, dass eine Rettung im Ernstfall sehr schwierig bis unmöglich ist.
Erinnern Sie sich noch an den Moment auf dem Gipfel?
Klar, ich weiß noch gut, dass wir eine halbe Stunde zu früh oben waren. Wir wollten eigentlich zum Sonnenaufgang oben sein, aber als wir ankamen, war es stockdunkel. Es war ein Glück, dass wir nur zu viert waren. Wir sind in einem Wetterfenster los, das ein bissle heikel war. Aber wir hatten einen Piloten in unserem Team, der konnte das Wetter lesen. Für uns war klar: Mit 200 anderen Bergsteigern gehen wir da nicht hoch. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ein Sonnenaufgang in der Bergen ist immer großartig, aber den auf dem Everest zu erleben, das ist unglaublich. Dafür bin ich heute noch dankbar. Erst Monate später begreift man, was für ein Geschenk das ist.
Ist Bergsteigen ein Mannschaftssport?
Ein Teamsport, würde ich sagen. Wenn man die Eiger-Nordwand hochgeht, traut man dem andern sein Leben an – und hat volle Verantwortung für seinen Partner. Mehr geht nicht.
Ihr Sport ist nicht ganz ungefährlich. Wie verklickern Sie das Ihrer Familie?
Meine Kinder sind zwar keine Bergsteiger wie ich, aber sie sind gern draußen und haben Abenteuerblut in sich. Insofern verstehen die mich. Aber klar, man darf sich das Ganze nicht schönreden. Bergsteigen ist gefährlich. Mein Bruder ist vor zweieinhalb Jahren tödlich in einer Lawine verunglückt. Mein Mann geht nach Statistiken und würde mir deshalb den K2 oder die Annapurna nie erlauben, weil da einfach mehr passiert. Also picke ich das raus, was halbwegs vertretbar ist. Aber ein Restrisiko bleibt. Meine Familie verlässt sich darauf, dass ich viel Erfahrung habe und keine Draufgängerin bin.
Ist Bergsteigen eine Sucht?
Absolut. Aber im positiven Sinn. Diese Glückshormone, die dabei freigesetzt werden und die einzigartigen Momente am Berg, das macht schon süchtig.
Können Sie jemandem mit Höhenangst erklären, was Sie am Bergsteigen fasziniert?
Wenn jemand so gar nicht bergaffin ist, ist es schwer, den mitzureißen. Schwierig wird es auch, wenn Menschen gar keine Leidenschaften besitzen.
Haben Sie eine Message?
Ja, ich hoffe, dass ich Leute dazu bewegen kann, ihre Träume und Wünsche in die Tat umzusetzen. Ich bin keine Botschafterin, ich will einfach Mut machen, dass jeder seinen Everest bezwingt – und das Ganze nicht auf später verschiebt. Ich mache viel für die Krebsstiftung – und da komme ich immer wieder zu hören: „Wissen Sie, Frau Sand, wir haben noch so viel machen wollen.“ Man hat immer eine Ausrede, wenn man was nicht macht. Neulich hat mich eine Frau bei einem Vortrag gefragt: „Was machen Sie, wenn Sie zum Training keine Lust haben?“
Was haben Sie geantwortet?
Wichtig ist die Zielsetzung. Dass man sich nicht überfordert. Wenn jemand mit Laufen anfangen will, nicht gleich einen Marathon in Angriff nehmen. Erst mal mit zwei Kilometern beginnen. Damit man eine positive Bestätigung bekommt.
Künstlerin und Bergsteigerin
Heidi Sand
wird am 12. 10. 1966 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur macht sie eine Ausbildung als Hotelkauffrau. Sie lebt in Stuttgart, ist verheiratet und hat drei inzwischen erwachsene Kinder. Die Erfahrung mit ihrer Krebserkrankung hat sie in dem Buch „Auf dem Gipfel gibt’s keinen Cappuccino“ niedergeschrieben. Neben dem Bergsteigen ist die Bildhauerei ihre große Leidenschaft. Die Stuttgarter Galerie Strzelski am Rotebühlplatz stellt von 3. bis 6. November Skulpturen von Heidi Sand aus. Außerdem ist sie eine faszinierende Vortragsrednerin. hör