Berichte über Astrazeneca-Nebenwirkungen Notaufnahme in Ludwigsburg wurde fast überrannt

Die Notfallaufnahme in Ludwigsburg wird seit März von verunsicherten Personen überrannt, die mit Astrazeneca geimpft sind und Nebenwirkungen befürchten. Foto: /Simon Granville

Weil in den vergangenen Wochen noch mehr Menschen als sonst in die Notaufnahme kamen, denen auch Hausärzte hätten helfen können, reagiert die Klinik nun. Die Corona-Lage entspannt sich indes langsam.

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Ludwigsburg - Die Coronafallzahlen sinken, die Sieben-Tage-Inzidenz fällt – und gleichzeitig entspannt sich die Situation in den Kliniken im Kreis Ludwigsburg ein Stück weit. Mitte dieser Woche wurden in Krankenhäusern im Kreis Ludwigsburg noch 42 Covid-Patienten behandelt – 30 in Ludwigsburg, zwölf in Bietigheim. Auf den Intensivstationen lagen insgesamt noch acht Personen, die mit dem Virus infiziert sind.

 

Alexander Tsongas, Sprecher der Regionalen Kliniken-Holding (RKH), spricht von einem „langsamen, aber stetigen“ Rückgang, die dritte Coronawelle ebbt offenbar ab. Wobei diese die Kliniken deutlich länger beschäftigt hat als die beiden vorangegangenen. In der ersten und zweiten Welle habe es jeweils „nur einen Peak“ gegeben, anschließend sei es wieder bergab gegangen mit den Zahlen, so Tsongas. Die dritte Welle erreichte einen vorläufigen Höhepunkt Mitte April, bis weit in den Mai blieb die Gesamtzahl der Covid-Patienten hoch. „Es gab in diesem Zeitraum nur kleinere Schwankungen von Tag zu Tag“, sagt Tsongas.

Dass die Lage sich nun bessert, sei auch daran zu erkennen, dass der Corona-Anteil auf den Intensivstationen lange nicht mehr so groß ist. Anfang Mai hatte er noch fast 60 Prozent betragen, nun ist noch rund ein Viertel an Sars-Cov-2 erkrankt.

Vor allem junge Personen derzeit noch betroffen

Dass die dritte Welle länger anhält, begründet Tsongas nicht etwa mit Virusmutationen, sondern in erster Linie damit, dass sich vor allem „jüngere Menschen“ zuletzt angesteckt haben, die relativ lange auf der Intensivstation liegen. Das Gros der Patienten sei derzeit zwischen 50 und 55 Jahre alt, daneben gebe es aber auch jüngere – bis ins Teenageralter –, aber kaum noch Patienten über 60. Hier mache sich die höhere Impfquote bei den älteren Altersgruppen bemerkbar, so Tsongas.

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Die letzten Auswertungen der Inzidenzen hätten zudem gezeigt, dass sich derzeit weiterhin eher jüngere Menschen ansteckten. „Es ist eher nicht damit zu rechnen, dass sie ins Krankenhaus kommen.“ Mit der Aussicht auf wärmeres Wetter und weiter steigenden Impfzahlen hat die Holding bereits einige ihrer Coronastationen geschlossen. In Ludwigsburg gibt es derzeit noch zwei, in Bietigheim eine.

Die Situation auf den „normalen“ Stationen

Notfälle und Krebspatienten wurden auch in den vergangenen Wochen immer behandelt, „und der OP ist eigentlich immer gut ausgelastet“, sagt Alexander Tsongas. Wie viel Kapazität die Versorgung von Covid-Patienten beansprucht habe, darüber können die Kliniken keine Auskunft geben. „Das hat sehr stark geschwankt“, sagt Tsongas. Allerdings sei im März die ohnehin immer gut ausgelastete Notaufnahme beinahe überrannt worden.

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Grund hierfür: Berichte über Nebenwirkungen des Vakzins von Astrazeneca – bei einigen wenigen Impflingen waren Hirnthrombosen aufgetreten. „Deshalb sind wohl viele, die nach der Impfung etwas stärkere Kopfschmerzen hatten, direkt zu uns gekommen“, so Tsongas. Eigentlich wären sie bei Hausärzten aber besser aufgehoben gewesen. Wie sich herausstellte, waren die Sorgen über die Hirnthrombosen nämlich in allen Fällen unbegründet gewesen.

Neue Abteilung am Klinikum

Darauf hat die Kliniken-Holding nun reagiert und hat ein sogenanntes Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Ludwigsburg gegründet. Im Grunde handelt es sich dabei um eine normale Arztpraxis, die an das Krankenhaus angeschlossen ist. Mit dem Schritt will man gleichzeitig der größer werdenden Versorgungslücke bei den Hausärzten entgegenwirken. Denn auch im Kreis gibt es immer weniger niedergelassene Ärzte. „Als hausärztlich-internistische Praxis wollen wir unsere Patienten langfristig begleiten und gleichzeitig die Notaufnahme hier im Klinikum Ludwigsburg entlasten“, sagt Eva-Maria Wacker, die die neue Praxis gemeinsam mit Martin Schweiker leitet.

Besucher müssen sich gedulden

Besuche im Krankenhaus waren zuletzt wegen des Infektionsgeschehens auch für Angehörige nicht möglich. Sinken die Inzidenzzahlen weiter, könnte der Besucherstopp demnächst aber aufgehoben werden. Allerdings ist eine Öffnung der Krankenhäuser erst im zweiten Öffnungsschritt vorgesehen. Dazu muss die Inzidenz über fünf Werktage hinweg unter 100 bleiben (1. Öffnungsschritt), und dann auch in den zwei folgenden Wochen weiter fallen. Wenn das der Fall sein sollte, können Patienten dann pro Tag eine getestete, genesene oder geimpfte Person für eine Stunde empfangen.

Zuletzt habe es keine Probleme mehr mit dem Zutrittsverbot gegeben, sagt Alexander Tsongas. Im vergangenen Sommer hatte es eine größere Auseinandersetzung zwischen einer Großfamilie, die zu einem sterbenden Angehörigen wollte, Krankenhauspersonal und der Polizei gegeben. „In der dritten Welle hatten wir aber keine solchen Vorkommnisse“, sagt Tsongas.

Impfungen beim Personal

Etwas entspannter blicken die Verantwortlichen auf das Infektionsgeschehen auch deshalb, weil die Impfquote unter den Mitarbeitern relativ hoch ist – „zumindest unter denen, die im patientennahen Bereich arbeiten“, so Tsongas. Dazu gehören Pflegekräfte und Ärzte. Etwa 2000 Mitarbeiter haben die Kliniken selbst geimpft, „einige waren auch in Impfzentren“. Deshalb sei die exakte Zahl der immunisierten Mitarbeiter nicht klar. Die Beschäftigten können sich zudem bis zu fünfmal in der Woche testen lassen.

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