Berlin-Keuzberg Es geht ums Ganze

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Kreuzberg, das alternative Herz der Republik, verändert seinen Charakter – schnell und unwiederbringlich. Doch nicht jeder will sein altes Leben kampflos aufgeben. Ein Ringen mitten in der Hauptstadt Berlin.

Die Oberbaumbrücke: Symbol von Kreuzberg als Heimat derer, die nach einem anderen Lebensmodell suchen. Doch die Utopie zerbricht. Foto: dpa 6 Bilder
Die Oberbaumbrücke: Symbol von Kreuzberg als Heimat derer, die nach einem anderen Lebensmodell suchen. Doch die Utopie zerbricht. Foto: dpa

Ein Haufen Umzugskisten liegt im Hausflur, auf die Wand im Treppenhaus haben die Täter „Frohes Fest“ gesprüht. Dies sei ein „antirassistischer Adventsbesuch“, teilt eine „Autonome Zelle Umzug“ im Internet mit. Die Botschaft steht seit Sonntag in einem Kreuzberger Wohnhaus. Hier wohnt Monika Herrmann, die grüne Bürgermeisterin des Szenebezirks. Die Ansage ist klar. Hau ab, Du „Repräsentantin der bürgerlichen Wohlstands-Elite“, Du hast die Flüchtlinge vom Oranienplatz zum Umzug gezwungen, so läuft das hier nicht.

Dass sie als linke Grüne mal eine Drohung von Linksaußen kriegen würde, hätte sich Herrmann vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Aber in Kreuzberg ist eben so einiges aus den Fugen.

Man kann nicht mal sagen, dass mit dem Einschüchterungsversuch die Auseinandersetzung eine neue Qualität erreicht hätte. Es gab in den vergangenen Monaten Zeiten, da brauchte Monika Herrmann Personenschutz, sie musste aus ihrer Wohnung ausziehen. Auf einem Flugblatt, das aussah wie das Foto der Schleyer-Entführung durch die RAF, war ihr Gesicht zu sehen, auf einem anderen stand, die nächsten Kugeln seien für sie und den Innensenator. „Manchmal hatte ich echt Angst“, sagt sie. Dann hat sie sich gefragt, ob es das eigentlich wert ist. Warum sie das macht, was sie macht.

„Hier entscheidet sich die Frage, wie wir künftig leben“

Herrmann sitzt in ihrem Amtszimmer, eben saß sie noch in einer Sitzung über die Finanzierung der Jugendhilfe, die Lage ist dramatisch, allein darüber könnte sie Stunden reden. Aber zu den ganz normalen Katastrophen der Kommunalpolitik kommt sie kaum.

Kein Tag vergeht, an dem ihr Bezirk nicht in den Schlagzeilen ist. Im besten Fall stehen sie in irgendeinem internationalen Magazin, das erklärt, wie großartig man im hipsten Bezirk der Hipsterhauptstadt feiern kann, dass es wirklich großartige vegane Restaurants gibt oder wie die internationale Kreativszene hier lebt. In der Lokalpresse geht es mal um die Forderung nach Benimmregeln für Touristen und den Lärm von Rollkoffern, mal um den bundesweit ersten Coffeeshop, der hier legal Haschisch verkaufen könnte, mal um die Mieterproteste gegen die Verdrängung Alteingesessener.

Im schlechtesten Fall macht die „Bild“ damit auf, wie ein vom schamlosen Drogenhandel vor seiner Tür entnervter Wirt am Görlitzer Park mit seinem Mitarbeiter zwei schwarzafrikanische Dealer niedergestochen und verletzt hat, worauf andere Dealer die Kneipe zu Klump hauten. Selbstjustiz im Drogenkiez, ein unhaltbarer Zustand. Und mittendrin sitzt Monika Herrmann und antwortet auf die Frage, warum sie das macht, was sie macht, so: „Weil sich hier gerade die Frage entscheidet, wie wir künftig zusammen leben wollen.“

Kreuzberg ist grünes Herzland

Klingt wie astreines Politikersprech, hat es aber in sich. Herrmann meint das für ihren Bezirk. Aber irgendwie steckt in diesem kleinen, am dichtest besiedelten Stück Land der Hauptstadt immer ein Stück vom Rest der Republik. Kreuzberg ist nicht einfach ein Stadtteil – ein armer übrigens, in dem die Arbeitslosigkeit hoch ist, jeder zweite ein Migrant, und jeder Dritte unter 30. Vor allem war Kreuzberg so etwas wie das revolutionäre Labor der Republik, das linke Träumerzentrum, ein Ort für Andersdenker, die vor starren Regeln fliehen, für Menschen, die alternative Lebenskonzepte ausprobieren wollen, für Leute, die keine Lust haben auf das, was sie kapitalistische Verwertungslogik nennen und sich hier so durchfretten und für die Sorte Phantasten und Spinner, ohne die sich nie etwas ändern würde, (und mit ihnen meistens auch nicht). Schon lange werden hier politische Kämpfe stellvertretend für die Republik ausgefochten – nirgends wird so viel protestiert, demonstriert, solidarisiert, besetzt. Es ist kein Zufall, dass die Asylbewerber für ihren Protest Berlin und nicht Stuttgart und für ihre Besetzung Kreuzberg und nicht den noblen Grunewald ausgesucht haben. Hier haben sie eine Unterstützerszene. Politisch gesehen ist Kreuzberg grünes Herzland, hier hat die Partei ihr einziges Direktmandat im Bundestag.

Aber in den vergangenen Jahren hat sich der Bezirk verändert, zeitrafferschnell – genau, wie die ganze boomende Hauptstadt. Es kommen Millionen Touristen und 50 000 Neuberliner pro Jahr, meist junge Leute, es kommen Investoren, Unternehmen und Miethaie. In den Innenstadtbezirken ist das am deutlichsten zu spüren.