Kreuzberg, das alternative Herz der Republik, verändert seinen Charakter – schnell und unwiederbringlich. Doch nicht jeder will sein altes Leben kampflos aufgeben. Ein Ringen mitten in der Hauptstadt Berlin.

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)

Ein Haufen Umzugskisten liegt im Hausflur, auf die Wand im Treppenhaus haben die Täter „Frohes Fest“ gesprüht. Dies sei ein „antirassistischer Adventsbesuch“, teilt eine „Autonome Zelle Umzug“ im Internet mit. Die Botschaft steht seit Sonntag in einem Kreuzberger Wohnhaus. Hier wohnt Monika Herrmann, die grüne Bürgermeisterin des Szenebezirks. Die Ansage ist klar. Hau ab, Du „Repräsentantin der bürgerlichen Wohlstands-Elite“, Du hast die Flüchtlinge vom Oranienplatz zum Umzug gezwungen, so läuft das hier nicht.

Dass sie als linke Grüne mal eine Drohung von Linksaußen kriegen würde, hätte sich Herrmann vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Aber in Kreuzberg ist eben so einiges aus den Fugen.

Man kann nicht mal sagen, dass mit dem Einschüchterungsversuch die Auseinandersetzung eine neue Qualität erreicht hätte. Es gab in den vergangenen Monaten Zeiten, da brauchte Monika Herrmann Personenschutz, sie musste aus ihrer Wohnung ausziehen. Auf einem Flugblatt, das aussah wie das Foto der Schleyer-Entführung durch die RAF, war ihr Gesicht zu sehen, auf einem anderen stand, die nächsten Kugeln seien für sie und den Innensenator. „Manchmal hatte ich echt Angst“, sagt sie. Dann hat sie sich gefragt, ob es das eigentlich wert ist. Warum sie das macht, was sie macht.

„Hier entscheidet sich die Frage, wie wir künftig leben“

Herrmann sitzt in ihrem Amtszimmer, eben saß sie noch in einer Sitzung über die Finanzierung der Jugendhilfe, die Lage ist dramatisch, allein darüber könnte sie Stunden reden. Aber zu den ganz normalen Katastrophen der Kommunalpolitik kommt sie kaum.

Kein Tag vergeht, an dem ihr Bezirk nicht in den Schlagzeilen ist. Im besten Fall stehen sie in irgendeinem internationalen Magazin, das erklärt, wie großartig man im hipsten Bezirk der Hipsterhauptstadt feiern kann, dass es wirklich großartige vegane Restaurants gibt oder wie die internationale Kreativszene hier lebt. In der Lokalpresse geht es mal um die Forderung nach Benimmregeln für Touristen und den Lärm von Rollkoffern, mal um den bundesweit ersten Coffeeshop, der hier legal Haschisch verkaufen könnte, mal um die Mieterproteste gegen die Verdrängung Alteingesessener.

Im schlechtesten Fall macht die „Bild“ damit auf, wie ein vom schamlosen Drogenhandel vor seiner Tür entnervter Wirt am Görlitzer Park mit seinem Mitarbeiter zwei schwarzafrikanische Dealer niedergestochen und verletzt hat, worauf andere Dealer die Kneipe zu Klump hauten. Selbstjustiz im Drogenkiez, ein unhaltbarer Zustand. Und mittendrin sitzt Monika Herrmann und antwortet auf die Frage, warum sie das macht, was sie macht, so: „Weil sich hier gerade die Frage entscheidet, wie wir künftig zusammen leben wollen.“

Kreuzberg ist grünes Herzland

Klingt wie astreines Politikersprech, hat es aber in sich. Herrmann meint das für ihren Bezirk. Aber irgendwie steckt in diesem kleinen, am dichtest besiedelten Stück Land der Hauptstadt immer ein Stück vom Rest der Republik. Kreuzberg ist nicht einfach ein Stadtteil – ein armer übrigens, in dem die Arbeitslosigkeit hoch ist, jeder zweite ein Migrant, und jeder Dritte unter 30. Vor allem war Kreuzberg so etwas wie das revolutionäre Labor der Republik, das linke Träumerzentrum, ein Ort für Andersdenker, die vor starren Regeln fliehen, für Menschen, die alternative Lebenskonzepte ausprobieren wollen, für Leute, die keine Lust haben auf das, was sie kapitalistische Verwertungslogik nennen und sich hier so durchfretten und für die Sorte Phantasten und Spinner, ohne die sich nie etwas ändern würde, (und mit ihnen meistens auch nicht). Schon lange werden hier politische Kämpfe stellvertretend für die Republik ausgefochten – nirgends wird so viel protestiert, demonstriert, solidarisiert, besetzt. Es ist kein Zufall, dass die Asylbewerber für ihren Protest Berlin und nicht Stuttgart und für ihre Besetzung Kreuzberg und nicht den noblen Grunewald ausgesucht haben. Hier haben sie eine Unterstützerszene. Politisch gesehen ist Kreuzberg grünes Herzland, hier hat die Partei ihr einziges Direktmandat im Bundestag.

Aber in den vergangenen Jahren hat sich der Bezirk verändert, zeitrafferschnell – genau, wie die ganze boomende Hauptstadt. Es kommen Millionen Touristen und 50 000 Neuberliner pro Jahr, meist junge Leute, es kommen Investoren, Unternehmen und Miethaie. In den Innenstadtbezirken ist das am deutlichsten zu spüren.

Nach Kreuzberg wollen viele – das ist der Tod des Kiezes

Kreuzberg mit seiner Bewohnerstruktur und seiner Anziehungskraft ist der Stadtteil geworden, dessen Mythos sich am besten vermarktet, in dem der Boom aber auch am härtesten polarisiert – denn dem Wesen nach ist der Bezirk eine Nische, und in Nischen ist nicht unendlich viel Platz. Die Touristen kommen mit Abenteuerspielplatzanspruch, sie haben ganze Wohnviertel zur Partymeile gemacht, was die nicht allzu toleranten Einwohner nicht nur nervt, sondern auch ihr alltägliches Leben schwerer macht, weil zum Beispiel ganz normaler Einzelhandel verschwindet und stattdessen Kneipen aufmachen, weil Touris nachts die Sau rauslassen, weil es immer laut ist, weil man sich fühlt wie am Ballermann statt wie zuhause. Zwar schaffen die Neuberliner, die zuziehen, eine soziale Mischung, für die man mit jahrzehntelanger Sozialarbeit vergeblich gekämpft hat. Aber wer schon lange hier lebt, der reibt sich daran, dass sie den Stadtteil auf einmal so schick und ordentlich machen – und vor allem unbezahlbar.

Mietwohnungen werden zu Ferienapartments oder saniert und die Miete steigt in astronomische Höhen. Migranten der ersten Generation, die hier vor 40 Jahren im marode Altbauten zogen, können ihr Zuhause nicht mehr bezahlen. Monika Herrmann erzählt von türkischstämmigen Familien, die nun wieder mit 15 Leuten in einer Dreizimmerwohnung leben, weil sie es sich anders nicht leisten können.

Und die linksalternativen jungen Leute, die vor 20 Jahren rund um den Görlitzer Park in Wohnungen zogen, stets grün gewählt und ihre Kinder geschlechtergerecht und antirassistisch erzogen haben – die kann man nun schimpfen hören darüber, dass die Flüchtlinge den Bezirk so viel Geld kosteten, dass eine Haushaltssperre gilt. Und darüber, dass die Dealer vom Görlitzer Park bis in die Wohnstraßen hinein stehen. Die Bewohner offenbaren das Ende ihrer Toleranz – der Kern im Kreuzberger Selbstbild. Wenn es eng wird, gilt: jeder gegen jeden. Das Stadtmagazin „zitty“ titelt jetzt: „Wie Berlins Utopia zerbricht.“

„Hier war vor 20 Jahren viel mehr Miteinander“, sagt Monika Hermann, Herzenskreuzbergerin, studierte Politologin, linkes Berliner Urgestein. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet sie im Bezirksamt. Im Sommer 2013 wurde sie gewählt – und erbte einen Haufen Probleme. Bisher hat sie Politik immer nach Kreuzberger Art gemacht. „Wir hatten hier ein breites linkes Bündnis, das die Politik getragen hat.“ Aber nun prallen die Interessen aufeinander – übrigens nicht nur im Bezirk. Auch der Berliner Senat, ein rot-schwarzes Bündnis, sieht es durchaus gern, dass ein grün verwalteter Stadtteil an Law-and-Order-Fragen scheitert.

Herrmann sagt Sätze, die man von Politikern selten hört

Wer Monika Herrmann zuhört, der versteht besser, warum es nicht einfach ist, eine Linie zu finden. Da sind zum Beispiel die Asylbewerber, die erst den Oranienplatz und dann die Gerhart-Hauptmann-Schule nahebei besetzt hielten – und dort als kleine Gruppe immer noch sitzen. Die Idee, vom Vorgänger geerbt, war typisch Utopia: In der Schule sollte ein Sozialzentrum entstehen, selbstverwaltet, mit Volksküche und politischer Botschaft. Nur schauten alle zu, wie hier gar nichts verwaltet wurde, sondern junge Männer aus Krisengebieten, die zum ersten Mal ein Dach über dem Kopf hatten, unter schrecklichen hygienischen Bedingungen hausten und ein paar politische Unterstützer ihr Süppchen kochten. Es folgten ein Belagerungszustand, monatelange Verhandlungen, ein Auszug der meisten Flüchtlinge, Drohungen gegen Politiker – und nun eine aussichtslose Situation: Rechtlich ist es dem Bezirk verboten, die verbliebenen 45 Bewohner aus der Schule zu weisen. „Was man daraus lernen kann: Wir sind da gescheitert“, sagt Herrmann. „So etwas macht man besser nicht.“ Sätze, die man von Politikern eher selten hört.

Und dann der Drogenhandel im Görlitzer Park. Lange hat die Politik defensiv agiert, man könnte auch sagen: nichts gemacht. Sozialarbeiter geschickt. Die Anwohner lebten mit der Situation. Von Repression, so die Überzeugung, hätte hier niemand etwas. Gehörte eben zur Stadt dazu. „Es war doch praktisch tabu zu sagen, Afrikaner handeln da mit Drogen“, beschreibt Herrmann die Stimmung. Inzwischen kommen Wähler zu ihr, die sagen: „Wir haben hier schon Ressentiments gegen Afrikaner im allgemeinen, obwohl wir das nicht wollen.“

Als Bezirk mit dem Drogenhandel überfordert

Agiert Herrmann nicht, werfen ihr Anwohner das vor – und sie gerät unter Druck. Agiert sie, wird sie von anderen als Rassistin beschimpft. Als der Bezirk einen Plan für ein wissenschaftlich begleitetes Modelprojekt eines Coffeeshops vorschlug, um weiche Drogen legal zu handeln und so dem kriminellen Geschäft eine Grundlage zu entziehen, hagelte es Prügel für Herrmann. Weil das Klischee so schön passte: im unregierbaren Kreuzberg schlägt ne Grüne einen Coffeeshop vor statt gegen Dealer zu kämpfen. Dabei laufen zeitgleich in Frankfurt und Hamburg ähnliche Debatten, fast geräuschlos, weil die Reizwörter fehlen.

Inzwischen hat sich die Situation verschärft: Längst werden im „Görli“ auch harte Drogen gehandelt. „Wir haben hier organisierte Kriminalität“, sagt Herrmann. „Als Bezirk sind wird damit überfordert.“ Es sind hunderte Dealer, die rund um die Uhr um ihr Stückchen vom Kuchen kämpfen – viele von ihnen genau jene Flüchtlinge, die hier ihre Chance sehen, Geld zu verdienen. Und die Kunden? Woher kommt die massive Nachfrage? Es ist genau jenes Partyvolk, das seine Nächte in den Kreuzberger Bars entlang des Grünzugs verbringt. „Die Probleme hängen teilweise miteinander zusammen“, sagt Monika Herrmann. Was tun? Der Innensenator hat jetzt erst mal eine Task Force ins Leben gerufen. Das klingt nach schnellen Antworten. Politisch wahrscheinlich genau das Richtige, egal, wie viel es real bringt. „Was niemand gut aushält“, sagt Monika Herrmann, „ist die Tatsache, dass es auf manche der drängenden Fragen einfach keine Antworten gibt.“

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