Berlin vor der Wahl Kreuzberger Mischung de luxe

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Berlin boomt und wird teuer: Wer arm ist, kann sich das Leben im Zentrum kaum leisten. Gibt es ein Recht auf Wohnen in der Innenstadt?  

Bezirke wie Kreuzberg Kreuzberg drohten zu verelenden. Foto: AP 4 Bilder
Bezirke wie Kreuzberg Kreuzberg drohten zu verelenden. Foto: AP

Berlin - Es gibt Sätze, die mögen richtig sein, aber man wird nicht zu jeder Zeit gern an sie erinnert. So dürfte es Klaus Wowereit im Moment gehen - er hat irgendwann mal gesagt, es gebe kein Recht auf Wohnen in der Innenstadt. Es ging darum, dass es immer teurer wird, im Zentrum der Metropole zu wohnen, dass Menschen wegziehen müssen, die immer dort gelebt haben. Und es ging darum, was Politik dagegen tun kann - und ob sie es soll.

Das Problem an dem Satz ist nicht, dass er falsch wäre. Das Problem ist: er klingt ein bisschen wurschtig, und Wowereits vermutete Wurschtigkeit gegenüber den Problemen seiner Berliner ist ein wunder Punkt. Trotzdem, wer das Gegenteil jenes Satzes glaubt oder hofft, der ist naiv oder will ein anderes politisches System. Und wer sich darüber beklagt, dass die Hauptstadt sich entwickelt, dass die Innenstadt Investoren anlockt und aufgewertet wird, der übersieht die darin liegende Chance.

Arm, arbeitslos und ohne Perspektive

Es ist ein Jahrzehnt her, da warnten Politiker vor einem schrecklichen Berlin der Zukunft: Eiskalte Investorenarchitektur in der Neuen Mitte, und rundherum ein Ring aus Innenstadtslums. Kreuzberg, Friedrichshain, Tiergarten: die Bezirke rund ums Zentrum drohten zu verelenden. Läden machten dicht, Straßen verlotterten, die Kriminalitätsrate stieg. Familien mit Kindern, die es sich leisten konnten, zogen weg. Wer blieb, war arm, arbeitslos, oft ausländischer Herkunft und ohne Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe. Die Abwärtsspirale sei schwer zu stoppen, warnten damals Stadtsoziologen wie Hartmut Häussermann. Die Spirale dreht sich inzwischen - umgekehrt.

Ein kleiner Blick in den Wrangelkiez, wo man das Berlin sieht, das Touristen lieben: Im Moment wirkt alles wie eine aufgehübschte, szenigere Version der Kreuzberger Mischung. Die Gehwege sind zu Open-Air-Kneipen umfunktioniert, junge Leute feiern bis spät in die Nacht, dazwischen schlängeln sich die Kiezeingeborenen wie Fabeltiere durch die Menge. Das Viertel ist hip. Eine ähnliche Entwicklung hat vor Jahren der Prenzlauer Berg erlebt - heute werden mehrere Tausend Euro pro Quadratmeter Neubau bezahlt.

 Eigentlich das, was sich eine wirtschaftlich schwachbrüstige Stadt mit Angst vor Verelendung nur wünschen kann, oder? "Schon", sagt Häussermann, "aber es wäre schön, den Prozess steuern zu können." Er erklärt, was in den Quartieren passiert: Günstige, aber szenige Altbauviertel seien die gefragten Wohnräume für die vielen Kreativen, die sich ansiedeln - aber oft in prekären Verhältnissen lebten und so auch billigen Wohnraum brauchten. Sie veränderten einen Kiez und machten ihn interessant. "Das zieht dann Touristen an, und auch die Leute, die Geld haben und den Kiez als Kulisse nutzen, weil sie das schick finden." Diese Klientel wiederum ist für Investoren interessant. Sie kaufen Wohnungen im Dutzend. Studenten und junge Leute ziehen ein und bleiben nur kurz - mit jedem Wohnungswechsel steigen die Mieten enorm. Es kommt zur Verdrängung. Es ist diese Entwicklung, auf deren Boden so etwas gedeiht wie der sogenannte Schwabenhass - er ist nur Synonym für den Zorn der Alteingesessenen, die erleben, wie ihre Viertel erst spannend, dann hochsaniert und von solventen Yuppies kolonialisiert werden. Anders gesagt: erklär mal einem Kreuzberger, der hier seit Jahrzehnten wohnt, er möge bitte nach Marzahn ziehen, weil es da billiger sei.

Berlin holt dabei schlicht eine typische Metropolenentwicklung im Zeitraffer nach, und die Geschwindigkeit überfordert manchmal die Bewohner, die sich nicht gefragt, sondern von fremdem Geld überrollt fühlen. Und sie trifft jene hart, die sowieso hart getroffen sind, ohne Geld und Chance. Sie fürchten zu Recht eine Stadt, die innen zwar glitzert, aber dort für die Mehrheit nicht mehr Heimat ist, und die arme Menschen an ihre unschönen Ränder drängt. Das alles passiert in Berlin, das eigentlich immer so stolz darauf war, dass in seinem proletarisch dominierten Stadtbild keine fühlbaren Schranken zwischen Arm und Reich existieren. Es passiert in einer armen, strukturell linken Stadt, die radikalen Protest kennt. Und es passiert in einer Zeit, in der Bürger ihren Drang nach Beteiligung effektiver artikulieren können als je zuvor.

Problematik rückt ins Zentrum der Politik

Gentrifizierung - so das Schlagwort - ist also Sprengstoff, sozial und auch politisch. Es gibt immer wieder auch gewaltsame Proteste. Eine Häuserräumung in Friedrichshain Anfang des Jahres musste mit Hilfe von 2000 Polizisten durchgesetzt werden. Es ist zwar völlig unklar, ob einer oder mehrere der derzeit aktiven Autobrandstifter ein politisches Motiv zum Anzünden von "Yuppiekarossen" haben, wie es Anfang 2009 der Fall war. Aber ausschließen lässt es sich auch nicht. Im Wahlkampf kann so was schnell brenzlig für die Regierenden werden. Andererseits: der Wahlkampf führt dazu, dass nicht mehr nur in irgendwelchen Stadtteilrunden diskutiert wird, sondern das Thema ins Zentrum rückt.

Alle Parteien haben sich den Kampf gegen höhere Mieten auf ihre Fahnen geschrieben. Das ist gut so. Weil das Kapital dieser Stadt und eine ihrer größten Qualitäten die Vielfalt ihrer Bewohner ist - die berühmte Berliner Mischung.