Berlinale 2026 Sandra Hüller geht als Soldat im Historiendrama „Rose“ ins Bären-Rennen

Pamela Anderson (links) spielt in „Rosebush Pruning“ eine abwesende Mutter, Charli xcx in „The Moment“ sich selbst. Beide Stars waren auch persönlich auf der Berlinale, um ihre neuen Filme vorzustellen. Foto: Felix Dickinson/A 24

Die Popstars Charli xcx und Dua Lipa, die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Pamela Anderson: Die Berlinale sorgt für Betrieb auf dem roten Teppich und gute Filme im Wettbewerb.

Kalt, regnerisch und grau, doch zwischendurch dann momentweise geradezu träumerischer Schneefall oder sogar ein paar Stunden lange vermisster Sonnenschein – das Wetter in der Hauptstadt erwies sich am Wochenende als ausgesprochen wechselhaft. Und für die Filme im Wettbewerb der 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin galt das gleiche.

 

Am Sonntagabend gab es im Rennen um den Goldenen Bären einen der bislang überzeugendsten Beiträge zu sehen: „Rose“ von Markus Schleinzer, der ähnlich wie Ilker Çataks „Gelbe Briefe“ im vergangenen Jahr vergeblich auf eine Einladung nach Cannes gehofft hatte. Der österreichische Regisseur siedelt seine gemeinsam mit Alexander Brom verfasste Geschichte im 17. Jahrhundert an, wo während des 30-jährigen Krieges ein Soldat in einem kleinen Dorf irgendwo im protestantischen Deutschland auftaucht, um einen ihm vermeintlich als Erbe zustehenden Hof zu übernehmen. Nur dass dieser wortkarge Mann mit der Narbe im Gesicht in Wirklichkeit jene Frau ist, die diesem Film seinen Titel gibt.

Rose muss Bärenangriffe und bittere Winter überstehen

Wie es Rose (Sandra Hüller) im maskulinen Gewand gelingt, nicht nur Bärenangriffe und bittere Winter zu überstehen, sondern auch eine gewisse Akzeptanz in der örtlichen Gemeinschaft zu erlangen, inszeniert Schleinzer eindringlich, aber mit großer Ruhe und vor allem in oft atemberaubenden, fast epischen Schwarzweiß-Bildern. Als sie sich dann allerdings auch darauf einlässt, eine Ehe mit der Tochter eines Großbauers (Godehard Giese) einzugehen, wird es zusehends schwieriger, ihre wahre Identität zu verstecken – und „Rose“ immer mehr zu einem packenden Drama, das eine abermals überragende Sandra Hüller in der Hauptrolle sowie die Arbeit von Kameramann Gerald Kerkletz zu einem Ereignis machen, in dem es mehr um weibliche Selbstbestimmtheit als um ein frühes Ausloten von Trans-Identität geht.

Das Leben eines legendären Jazzpianisten

Sehenswerte Bilder in Schwarzweiß hatte auch die US-Produktion „Everybody Digs Bill Evans“, die vom legendären Jazzpianisten Bill Evans handelt, gespielt vom Norweger Anders Danielsen Lie. Die Geschichte basiert auf dem Roman „Intermission“ von Owen Martell, aber vor allem auf der realen Lebensgeschichte des Musikers. Die ist mit Drogensucht und künstlerischer Schaffenskrise, wie sie der sonst dokumentarisch arbeitende Regisseur Grant Gee erzählt, nicht unbedingt neu. Doch die jazzig-coole und nur gelegentlich prätentiöse Bildgestaltung und vor allem jene Erzählpassagen, in denen Evans bei seinen Eltern (großartig: Laurie Metcalf und Bill Pullman) den Entzug versucht, überzeugen.

In die Kategorie „gut, wenn auch nicht herausragend“ fielen auch andere Wettbewerbsbeiträge der letzten Tage. In „A voix basse“ kommt die junge Lilia (Eya Bouteraa) aus Paris zurück nach Tunesien, eigentlich für eine Beerdigung, aber auch um der Mutter (Hiam Abbass) endlich ihre Freundin vorzustellen. Weil ihr verstorbener Onkel zeitlebens sein Schwulsein weitestgehend geheim halten musste, widmet sich die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid gleich in zweifacher Hinsicht der Homosexualität, die in ihrer Heimat bis heute unter Strafe steht.

Szene aus Leyla Bouzids Film „A voix basse“ mit Eya Bouteraa Foto: Unite

Als emotional berührende Familiengeschichte funktioniert der Film dabei, auch dank sommerlicher Atmosphäre und einem malerisch eingefangenen Setting. Mit Queerness in muslimischen Kulturen könnte man sich allerdings auch komplexer und weniger überdeutlich auseinandersetzen.

Finnisches Kino bietet Troll-Horror in „Nightborn“

Derweil bot „Nightborn“ klimatisch wie im Tonfall echtes Kontrastprogramm: die finnische Regisseurin Hannah Bergholm macht aus der Konstellation eines abgelegen im Wald lebenden Paares und seines zusehends auffälligeren Babys eine wilde Mischung aus schwarzer Komödie, düsterem Elternschaftsdrama und blutigem Troll-Horror.

Eine Familie, die Kontakt nach außen meidet

Wild will auch „Rosebush Pruning“ sein, der neue Film des aus Brasilien stammenden und in Berlin lebenden Regisseurs Karim Aïnouz. Es geht hier um eine sehr wohlhabende US-amerikanische Familie, die abgeschieden unter spanischer Sonne den Kontakt zu Außenstehenden so gut es geht meidet und im Umgang miteinander reichlich toxisch ist. Kein Film der diesjährigen Berlinale ist prominenter besetzt: der Dramatiker Tracy Letts spielt den blinden Patriarchen, Pamela Anderson die abwesende Mutter, dazu kommen Callum Turner (der mit Popstar-Freundin Dua Lipa über den roten Teppich lief), Jamie Bell, Riley Keough und Lukas Gage als erwachsene Kinder sowie die gerade Oscar-nominierte Elle Fanning als Freundin. Doch dem Unsympathisch-Abstoßenden ihrer Figuren können sie wenig Tiefe abringen, und in seinem vermeintlich provozierenden Spiel mit Inzest, Missbrauch, blasiertem Reichtum und Moralverfall ist der zugegebenermaßen stylishe Film schal, seelenlos und nur sehr selten wirklich böse oder witzig.

Charli xcx muss nicht am Popstar-Image kratzen

Da machte dann „The Moment“ doch ein wenig mehr Spaß, der nach seiner Weltpremiere auf dem Sundance-Festival hier nun in der Sektion Panorama lief und der Berlinale ihren vielleicht größten Star in diesem Jahr bescherte: Popsängerin Charli xcx, mit dem Album „brat“ 2024 zum weltweiten Phänomen geworden, spielt in dieser Mockumentary eine leicht fiktionalisierte Version ihrer selbst, was einigermaßen amüsant und aufschlussreich ist, auch wenn sie nie in die Verlegenheit kommt, am eigenen Image wirklich zu kratzen.

Für die Fans von Charli xcx, die sich in Scharen am roten Teppich und im riesigen Kinosaal des Zoo Palasts eingefunden hatten, war der Film allerdings ohnehin Nebensache.

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