Die Literatur-Verfilmung „Herr der Fliegen“ und das Mysterydrama„House of Yang“ wurden eben noch auf der Berlinale gefeiert. Jetzt startet eine der Serien schon in Deutschland.
Ein abgelegenes Haus, irgendwo im Schwarzwald, Ende der 1990er Jahre: Endlich hat Jessie mal sturmfreie Bude und Freunde eingeladen. Der Typ, in den sie ein bisschen verknallt ist, hat einen Joint mitgebracht. Das könnte ein großartiger Abend werden, wenn da nur nicht Jessies kleine Schwester Isabella wäre, die einfach nur stört und nervt, solange bis Jessie sie durchs Haus jagt, Isabella sich in ihr Zimmer flüchtet und die Tür hinter sich zuknallt – und plötzlich ist nicht nur Isabella, sondern auch ihr Zimmer verschwunden. Da, wo die Tür war, ist jetzt nur noch eine Wand.
Schwarzwald-Mystery „House of Yang“
Stefanie Ren („A Thin Line“), Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie, hat sich diese Geschichte ausgedacht. Sie ist Autorin und Showrunnerin der Mystery-Serie „House of Yang“, die jetzt bei der Berlinale Weltpremiere gefeiert hat. Die SWR-Produktion erzählt virtuos auf drei Zeitebenen von diesem Schwarzwald-Gespensterhaus: vom Verschwinden im Jahr 1999, davon wie die erwachsene Jessie viele Jahre später mit ihrer Tochter Mila in das Haus, das sie geerbt hat, zurückkehrt, weil sie es verkaufen will, und schließlich davon, dass sich im Jahr 1949 schon Ähnliches ereignet hat.
„House of Yang“: Mila (Purnima Grätz) im geheimnisvollen Haus ihrer Familie. Foto: SWR
„So was passiert vielleicht in chinesischen Geistergeschichten, aber nicht bei uns in Deutschland“, wird der Polizist sagen, der das vermisste Mädchen im Jahr 1999 suchen soll. Doch obwohl Ren in, „House of Yang“ auch Motive aus asiatischen Geistermythen einbaut, ist der Sechsteiler viel mehr von den Gruselgeschichten Stephen Kings beeinflusst. Und nebenbei gelingt es Stefanie Ren immer wieder in kleinen, verstörenden Szenen den Alltagsrassismus zu entlarven, dem eine deutsch-asiatische Familie in den 1990ern ausgesetzt war. In „House of Yang“ verarbeitet sie subtil und mystisch überhöht ihre eigene Familiengeschichte: Sie ist als Deutsch-Taiwanesin im Nordschwarzwald aufgewachsen.
Chinesische Geistergeschichte trifft auf Stephen King
Mia Spengler hat Rens Serie grandios in Szene gesetzt, Ausstattung, Kostüme und Musik („Mit Dir“ von Freundeskreis) fangen besonders das Jahr 1999 detailverliebt ein. Gleichzeitig gelingt es „House of Yang“ aber vage zu bleiben: Dadurch, dass die Story bewusst Leerstellen lässt, entsteht eine unheimliche Atmosphäre – etwas, was man in deutschen Produktionen viel zu selten erlebt. Nach der Begeisterung, die die ersten drei auf der Berlinale gezeigten Episoden ausgelöst haben, darf man zuversichtlich sein, dass Stefanie Rens Serie auch auf dem internationalen Markt viele Abnehmer finden und im Herbst nicht nur im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.
Das wäre dann zumindest auch ein Verdienst, der Berlinale, die zuletzt Serien stiefmütterlich behandelt hat. Nachdem man im Jahr 2023 noch Überschriften texten konnte wie „Die Berlinale hat ein Herz für Serien“, weil da erstmals ein Serien-Wettbewerb stattfand, wurde dieser bereits 2024 ein Opfer von Budgetkürzungen.
2026 haben es dennoch immerhin fünf fiktionale Serien in die Reihe „Berlinale Special“ geschafft. Groß waren vor allem die Erwartungen an „Herr der Fliegen“. Weniger, weil es sich um eine Verfilmung von William Goldings gleichnamigen Roman handelt, sondern vor allem, weil das Drehbuch von Jack Thorne stammt, der auch das Skript für die Netflixserie „Adolescence“ geliefert hat.
Robinsonade „Herr der Fliegen“
„Herr der Fliegen“ erzählt von einer Gruppe britischer Schuljungen,die auf einer Pazifikinsel stranden und nach und nach brutal und (selbst-)zerstörerisch alle Regeln der Zivilisation hinter sich lassen. Goldings Robinsonade geht davon aus, dass Menschen eine Gewaltbereitschaft innewohnt, die hervorbricht, wenn sie nicht durch gesellschaftliche Normen reglementiert wird. Weil auch die preisgekrönte Serie „Adolescence“ die kindliche Unschuld infrage stellt, gibt es große Gemeinsamkeiten zwischen den Stoffen.
Allerdings nähert sich die Serie „Herr der Fliegen“ zu ehrfürchtig-werktreu dem Literaturklassiker. Trotz eindringlich-greller Bilder und einer psychedelischen Ästhetik, die von Rückblenden ins graue England der 1940er Jahre unterbrochen wird, enttäuscht die Adaption doch ein wenig. Dass sie aber eindringlich vorführt, wie anfällig unsere Zivilisation ist, macht sie gerade jetzt trotzdem sehenswert.
„Herr der Fliegen“ bei Sky, „House of Yang“ im Ersten
Neben Herr der Fliegen (Start: 23. Februar bei Sky/Wow) und House of Yang (Start im Herbst bei ARD/SWR) gab es bei der Berlinale noch die Isabel-Allende-Adaption Das Geisterhaus (ab 29. April bei Prime Video), den britischen Krimi Mint sowie den spanischen Thriller Ravalear (beide noch ohne Starttermin) zu sehen.