Berlinale Der Staub auf unseren Schultern

Von Bernd Haasis 

Man kann sich nur die Augen reiben: Im früher oft durchwachsenen Berlinale-Wettbewerb reiht sich ein sehenswerter Film an den nächsten. Nach einer menschelnden Zwischenphase ist das Festival nun zurück in der Politik mit Beiträgen zur Flüchtlings- und der Finanzkrise.

Was tun mit den Illegalen? Sakari Kuosmanen  (re.) als erfolgloser Wirt entschließt sich, zu helfen Foto: Zeroone/Berlinale
Was tun mit den Illegalen? Sakari Kuosmanen (re.) als erfolgloser Wirt entschließt sich, zu helfen Foto: Zeroone/Berlinale

Berlin - So kann man eine verbrauchte Lebensgemeinschaft auch beenden: Wortlos legt Wikström seiner rauchenden, Lockenwickler tragenden Frau den Wohnungsschlüssel auf den Tisch und den Ehering gleich dazu. Als er fort ist, wirft sie den Ring in den Aschenbecher und steckt ihre Kippe hinein.

Es gibt nicht viele Regisseure, deren Handschrift man gleich an der ersten Einstellung erkennt. Der Finne Aki Kaurismäki („Das Leben der Bohème“) ist einer von ­ihnen: In seinen fein komponierten Motiven latenter Tristesse bewegen sich wortkarge Charaktere, denen Gesten und Blicke genügen, um zu kommunizieren.

Schon in „Le Havre“ (2011), dem ersten Film einer Trilogie, hat Kaurismäki sich der Flüchtlingsthematik zugewandt, als viel Europäer diese noch verdrängten. Nun schenkt der sonst meist in Cannes antretende Meister der Berlinale den zweiten Teil: In „Die andere Seite der Hoffnung“ strandet ein junger Syrer in Helsinki. Als Asylbewerber abgelehnt und von rechten Schlägern ­bedroht, findet er Unterschlupf im Restaurant, das der frühere Hemden-Vertreter Wikström übernommen hat.

Kaurismäki hat den richtigen Film zur richtigen Zeit gemacht

Die Geschäfte gehen schlecht, der Chef und seine drei Angestellten mogeln sich durch ein karges Dasein, wie Kaurismäkis Figuren das oft tun. Eine Umstellung auf Sushi schlägt fehl, weil die Gäste den Salzhering aus dem Eimer von 1961 nicht goutieren, also schickt Wikström alle nach Hause, zieht mit den Zähnen den Korken von der Whiskyflasche, spuckt ihn aus, setzt sich in den Lichtstreifen, der durchs Fenster fällt , und verharrt schweigend – eine Einstellung wie ein Gemälde.

Es ist der richtige Film zur richtigen Zeit und wie alle Werke Kaurismäkis ein tragikomischer. Er strotzt nur so vor trockenem ­Humor, findet aber immer den richtigen Ton, um dem ernsten, brandaktuellen Thema ­gerecht zu werden. „Ich will nicht die Zuschauer ändern, sondern die ganze Welt“, witzelt Kaurismäki vor der Presse. „Aber ich bin nicht manipulativ genug, deswegen muss ich mich wohl auf Europa beschränken.“ Der Aufstieg rechter Populisten und die Schwäche der EU indes stimmen ihn düster: „Unsere Kultur ist nur ein Millimeter Staub auf unseren Schultern, den wir leicht abwischen können.“ Sein Hauptdarsteller Sakari Kuosmanen steht auf auf und intoniert schmetternd einen „finnischen Tango“, der von großer Sehnsucht kündet – Szenenapplaus.

Beuys’ intellektuelles Funkeln ringt Respekt ab

Ebenfalls bärenreif ist „Beuys“, das jüngste Werk des in Stuttgart geborenen ­Dokumentarfilmers Andres Veiel („Black Box BRD“). In einer meisterhaft montierten Collage aus Videomaterial und Fotos nähert er sich dem Künstler, Selbstdarsteller, Denker und Provokateur Joseph Beuys. Dabei streift er wichtige Themen. Man sieht den flugzeugbegeisterten Hitlerjungen und den Kampfflieger, der, über der Krim abgeschossen und unterkühlt, von Tataren mit Fett eingerieben und in Filz gewickelt wird, zwei späteren Lieblingsmaterialien des Künstlers Beuys. Oder der, so Version zwei, erst in einem deutschen Krankenhaus wieder aufwachte. Man sieht den Selbstzweifler und seine wunderbaren Zeichnungen, den Performance-Künstler, der mit Glas und Wasser spielend Massen in Bann zieht, die damals kontroverse Installation „Zeige deine Wunde“ (1974/75). Ein streitlustiger Beuys provoziert als Professor an der Düssel­dorfer Kunstakademie seinen Rauswurf, propagiert seinen „erweiterten Kunst­begriff“ und lässt jeden Angriff schlagfertig und mit ­Humor an sich abperlen. Als Mitbegründer der Grünen prägt er diese zunächst, gerät aber schnell ins ­Abseits – und beginnt 1982 auf der Documenta 7 publikumswirksam sein „Stadtverwaldungs“-Projekt „7000 Eichen“.

Veiel hat viel unbekanntes Material ausgegraben. Zu den bewegten Bildern kommen viele Fotos, die mal auf der Leinwand durchgeblättert, mal überblendet werden. So entsteht ein beeindruckendes Kaleidoskop, das die Zuschauer überwältigen kann. Beuys’ intellektuelles Funkeln indes muss auch all jenen Respekt abringen, denen sein Werk ein Rätsel bleibt.

Beuys hat die Finanzkrise vorhergesehen

„Wir hatten 20 000 Fotos, 400 Stunden bewegte Bilder und 300 Stunden Audiomaterial“, sagt Andres Veiel in der Pressekonferenz – und ist sichtlich stolz, dass es gelungen ist, aus dieser Fülle in nur 18 Monaten 107 hochverdichtete Minuten zu destillieren.

Wieso er die Kontroversen um Beuys’ Kunst kaum aufgreift? „Das sind die Debatten von gestern, mich hat interessiert, was an Beuys heutig ist, und das sind seine Ideen“, sagt Veiel. „Er hat Anfang der Achtziger die Finanzkrise vorhergesehen und die daraus folgende Krise der Demokratie, damals hat ihn nur niemand verstanden. Er hat Kunst als reine Dekoration abgelehnt und sie als politischen Begriff neu definiert. Sein Satz, jeder Mensch sei ein Künstler, bezog sich darauf, dass alle die Gesellschaft mitgestalten können, anstatt Politik zu delegieren an eine Kaste, die alle vier Jahre gewählt wird.“

Ganz anderen existenziellen menschlichen Grundfragen widmet sich der Wett­bewerbsbeitrag „Mr. Long“ des japanische Regisseurs Sabu. Er gehört zu der Kategorie, die kein Happy End haben können und deshalb mit einer Art „happy midsection“ aufwarten. Ein einziger Tag wird den drei Hauptfiguren geschenkt, dem in Japan untergetauchten Berufskiller aus Taiwan, der aus der Drogensucht wiedererwachten taiwanesischen Hure und ihrem kleinen Sohn – ein Tag, der alles bietet, was es zum Glücklichsein braucht.

Es wird unschön wie immer, wenn barbarische Gangster ins Spiel kommen

Nahezu wortlos macht Chen Chang als Mr. Long spürbar, wie ein liebevolles familiäres Miteinander ihn lockt; ausgelassen kostet Yiti Yaos Figur die kurze ungetrübte ­Lebensfreude aus. Und der kleine Runyin Bai spielt ein patentes, hilfsbereites Kind, das jedes Herz zum Schmelzen bringt. ­Natürlich holt sie die Vergangenheit ein, und es wird unschön wie immer, wenn barbarische Gangster ins Spiel kommen Wie leicht das Leben sein kann, zeigt ein kauziger japanischer Freundeskreis von Kabuki-Amateuren, der den schweigsamen Taiwanesen unterstützt, weil er so gut kochen kann. Ohne Fragen zu stellen. Und genau das bringt ihn ins Grübeln.