Berliner Künstlerin bereitet Ausstellung in Waiblingen vor Marions wunderbarer Waschsalon

Von Annette Clauß 

Ein Waschsalon aus Papier – solche dreidimensionalen Installationen sind eine Spezialität von Marion Eichmann. Sie baut derzeit ihre Ausstellung „Follow M.E.“ in der Galerie Stihl auf. Ab 30. Mai ist dort auch eine Tankstelle aus Papier zu sehen – inspiriert durch ein Waiblinger Vorbild.

Marion Eichmann beim Aufbau ihres Waschsalons aus Papier, der in Waiblingen erstmals komplett zu sehen ist. Foto: Gottfried Stoppel
Marion Eichmann beim Aufbau ihres Waschsalons aus Papier, der in Waiblingen erstmals komplett zu sehen ist. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - „Etwas mehr nach rechts?“, fragt Marion Eichmann und verrückt ihr Porträt einer adrett frisierten Dame probeweise um einige Zentimeter an der frisch gestrichenen Wand der Galerie Stihl in Waiblingen. Anja Gerdemann, deren Leiterin, nickt zustimmend – so passt’s. Kurz darauf folgt ein hämmerndes Geräusch, dann hängt das Bild, und das sorgfältig ondulierte Haar der Dame entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als ein raffiniertes Arrangement aus Dübeln.

„Ich habe einen riesigen Fundus an Fundstücken – Dübel, Nägel, Legosteine, Stoff“, sagt Marion Eichmann. Diese fügt die Berliner Künstlerin gerne in ihre Werke ein, als kleines Kontrastprogramm zu dem Material, mit dem sie hauptsächlich und am liebsten arbeitet: Papier. Das ist mal weiß, mal farbig, mal dünn, mal dick, in mehreren Schichten übereinander geklebt oder zu luftig-filigranen, an Scherenschnitte erinnernde Strukturen arrangiert – aber immer hochwertig und säurefrei. Denn die Werke, in die Marion Eichmann unzählige Stunden Arbeit steckt, sollen ja lange halten.

Ein Jahr Arbeit am Waschsalon aus Papier

An der dreidimensionalen Installation eines Waschsalons, die schräg gegenüber bereits aufgebaut ist, hat Marion Eichmann ein ganzes Jahr gearbeitet. Die Idee dazu kam ihr, als sie auf dem Weg in ihr Atelier eine ausgemusterte Waschmaschine ohne Gehäuse entdeckte.

Marion Eichmann hat das, was für die meisten Passanten nur ein Haufen Schrott wäre, ins Atelier geschafft und gezeichnet – auf die ihr eigene Art: ganz genau. Einmal. Zweimal. Dabei kam ihr die Idee zu der Skulptur des Waschsalons, die in der Galerie Stihl in Waiblingen jetzt erstmals vollständig ausgestellt wird. Etliche Waschmaschinen, amerikanische Modelle der Marke Dexter ebenso wie die altbewährte deutsche Miele, hat Marion Eichmann mit unglaublicher Liebe zum Detail aus Papier erschaffen. Waschpulver-Packungen, eine Plastiktüte zum Transport der schmutzigen Wäsche, leere Getränkedosen vervollständigen die Szenerie.

Interessant ist, was sonst kaum Beachtung findet

„Mir geht es nicht darum, Dinge 1:1 nachzubauen“, sagt jedoch die Künstlerin, die sich besonders für all jene Dinge interessiert, „die uns umgeben, aber kaum Beachtung finden.“ Und so vergisst sie in ihrem wunderbaren Waschsalon weder den Lüftungsschlitz noch die Überwachungskamera noch so manches andere Detail, das erst nach und nach, oft nach stundenlanger Betrachtung, ins Blickfeld und ins Bewusstsein rückt. „Hierher kommt noch eine Bank, auf die sich Besucher setzen dürfen“, sagt Marion Eichmann und zeigt vor die Waschmaschinen, „sie werden so Teil der Installation.“

Apropos Besucher: nach dem derzeitigen Stand dürfen maximal 30 Menschen gleichzeitig durch die Galerieräume streifen, nachdem die Ausstellung „Follow M.E“ am 30. Mai eröffnet worden ist. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun. Neben dem Aufbau der Ausstellung, den die Galerie-Leiterin Anja Gerdemann trotz Maskenpflicht für alle Beteiligten als „einen normalen Aufbau in ungewöhnlichen Zeiten“ bezeichnet, gilt es noch, einen Spuckschutz an der Kasse zu installieren, neue Flyer zu drucken und sich Gedanken über innovative Angebote zu machen, die nach telefonischer Anmeldung genutzt werden können. „Wir werden Führungen anbieten, immerhin vier Leute plus Guide sind erlaubt“, sagt Anja Gerdemann, die zudem über spezielle Familien- und Seniorenführungen nachdenkt.

„Follow M.E.“ läuft länger als geplant

Nach der vorzeitigen Schließung der vorigen Ausstellung mit Arbeiten von Max Klinger hat sie gleich begonnen, alles für die nächste, seit mehr als einem Jahr geplante Schau vorzubereiten. „Ich freue mich sehr, dass das Haus bald aufmachen kann, denn ich finde es wichtig, die Originale zu sehen.“ Damit trotz Beschränkungen möglichst viele die Chance bekommen, läuft die Eichmann-Ausstellung zwei Monate länger als geplant. „Da haben wir viel Solidarität von den privaten Leihgebern erfahren“, sagt Anja Gerdemann, die betont, dass sich der Publikumsstrom in der Galerie Stihl gut steuern lasse.

Die Nähe zum Original ist wichtig, denn erst beim Herantreten zeigt sich, wie akkurat Marion Eichmann zeichnet, schneidet, klebt, letzteres nicht selten mit einer Pinzette, und so Tiefe erzeugt. „Jeder Schnipsel hat seinen Platz“, sagt die 46-Jährige, die keine Angst vor dem weißen Stück Papier kennt. Im Gegenteil: was sie reizt und anspornt, das ist die Herausforderung. „Ich muss das Gefühl haben, es ist nicht zu schaffen“, sagt Marion Eichmann und betont, dass es ihr bei der Arbeit nie darum gehe, ein schönes Bild zu machen: „Ob Blumen oder Tankstelle – für mich ist das alles gleich.“

Blumen und eine Tankstelle aus Papier – auch das kann man bald in der Galerie Stihl sehen. Die Einzelteile der letzteren lehnen im Foyer an einer Wand, von der Zapfsäule bis zum Regal mit Scheibenreiniger. Und wer genau hinschaut, stellt fest, dass mit Eichmanns Hilfe ein ganz alltägliches Stück Waiblingen zu Kunst geworden ist, denn die Künstlerin hat in ihrer Installation die Tür der Tankstelle an der Waiblinger Querspange verewigt – samt Hinweisschild: „Wir haben leider kein Kunden-WC!“

Anlaufstellen für Kunst- und Kulturfreunde

Etliche Museen im Kreis haben schon wieder oder zumindest bald wieder offen – ein Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Waiblingen:
Die Galerie Stihl zeigt ab dem 30. Mai die neue Ausstellung „Follow M.E.“ mit Arbeiten von Marion Eichmann. Das Haus der Stadtgeschichte ist jetzt täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr offen und zeigt neben der Dauerausstellung die Sonderschau „Luise Deicher“.

Schorndorf
: Seit Donnerstag darf man die Q Galerie für Kunst wieder besuchen. Dort sind Holz- und Stahlskulpturen von Thomas Kühnapfel zu sehen: dienstags, mittwochs, freitags von 14 bis 18 Uhr, donnerstags von 14 bis 20 Uhr, am Wochenende und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.

Backnang:
Die städtische Galerie zeigt bis 24. Mai Objekte und Bilder von Tanja Rochelmeyer: dienstags bis freitags 17 bis 19 Uhr, am Wochenende 14 bis 19 Uhr. An Christi Himmelfahrt, Pfingstsonn- und -montag, Fronleichnam 14 bis 19 Uhr. Das Technikforum ist sonntags von 14 bis 17 Uhr offen.

Murrhardt:
Die städtische Kunstsammlung ist an Wochenenden und feiertags von 13 bis 17 Uhr offen, das Carl-Schweizer-Museum montags bis freitags 11 bis 12 und 16 bis 17 Uhr, samstags 11 bis 12; 15 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags 10 bis 12, 14 bis 17 Uhr.

Weinstadt:
Ab diesem Freitag sind das Württemberg-Haus Beutelsbach, das Museum Bauernkrieg und die Sonderausstellung mit historischen Bügeleisen offen, und zwar freitags 14 bis 17 Uhr, samstags 14 bis 18 Uhr und sonntags 13 bis 17 Uhr.




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