Bernd Eichinger-Biografie Alltag hat es mit ihm nie gegeben

Von Rupert Koppold 

Bernd Eichingers Witwe beschreibt in einem Buch das glamouröse Leben des Filmproduzenten – schlicht, aber in allen Details.

Bernd Eichinger 1986 mit Sean Connery bei der Entstehung des Films „Der Name der Rose“ Foto: Constantin Film
Bernd Eichinger 1986 mit Sean Connery bei der Entstehung des Films „Der Name der Rose“ Foto: Constantin Film

Stuttgart - An dem Abend, als Bernd starb, fuhren wir in seinem alten, etwas verbeulten schwarzen Mercedes den Sunset Boulevard entlang in Richtung Westen . . . Was letzte Autofahrten anbelangt, so kann man sich wahrscheinlich kaum eine schönere Strecke aussuchen.“ So romantisch und filmisch beginnt Katja Eichinger, die Witwe des 2011 an einem Herzinfarkt gestorbenen Produzenten Bernd Eichinger, ihre Biografie „BE“. Die Abkürzung klingt wie ein Markenname, und zu einer Marke war dieser Mann ja längst geworden. Auf dem schwarz-weißen Porträtfoto des Schutzumschlags stilisiert er sich als Denker und schaut den Betrachter streng an, im aufgeklappten Buch springt er einem als gezeichneter Superheld ins Auge, als Do-it-Man, wie ihn der von ihm verehrte Marvel-Comic-Guru Stan Lee genannt hat. Was Katja Eichinger hier ausbreitet, ist unter anderem auch, wie könnte es anders sein, eine Heldenstory.

Die Filmjournalistin versucht erst gar nicht, einen neutralen Standpunkt zu gewinnen. Sie hat Bernd Eichinger 2006 geheiratet, sie ist natürlich Partei, und sie will nun in ihrem Buch, so schreibt sie, „seine Geschichten erzählen, so kann ich ihn weiteratmen lassen“. Dieses Leben, an dem sie später Beteiligte ist, liest sich manchmal so, als habe Eichinger es ihr diktiert, als habe sie quasi seine Autobiografie aufgeschrieben. Und es liest sich oft wie gesprochener Text, der schnell vorankommen will, ohne sich um große Literatur zu bemühen. Keine gesuchten Wendungen, kein Ringen um Ausdruck. Stattdessen saloppe Floskeln („Er startete durch wie eine Rakete“) und nonchalant Pragmatisches: „Der Bernd hat diese Dinger auf die Beine gestellt.“

Ohne zu zögern, führt die Autorin hinein ins pralle Bernd-Eichinger-Leben. Im Wesentlichen wird es chronologisch erzählt, vom Aufwachsen als Arztsohn in der bayerischen Provinz bis zur quälenden Arbeit am letzten und unvollendet gebliebenen Projekt, einem Film über den Natascha-Kampusch-Fall. Dazwischen springt sie immer wieder assoziativ in spätere Jahre oder in die Gegenwart, montiert Interviews, Tagebuchnotizen, Drehbuchanmerkungen in ihren Text ein, fügt vier jeweils achtseitige Fotostrecken hinzu.

Seine Kinderlektüre: „Prinz Eisenherz“

Aber dieser Mann, der später das Image eines robust-exzessiven Machos und Machers genießt, hat auch eine introvertierte Seite. Als Kind vergräbt er sich in „Prinz Eisenherz“-Comics und schreibt als Erwachsener an den Bocola Verlag, der gerade eine Neuauflage herausbringt, einen rührenden (und in „BE“ abgedruckten) Brief, in dem er zugibt, dass seine „Eisenherz“-Produktion leider nicht gelungen sei, dass es nun aber gelte, bei diesem Comicprojekt unbedingt durchzuhalten. Auch seine frühe Liebe für Karl May hat er sich bewahrt, schaut sich immer wieder „die Landkarten im Umschlag“ an, schreibt Katja Eichinger, „und zwar nicht auf ironische, postmoderne Weise mit einem Augenzwinkern, sondern mit ernsthafter Verträumtheit wie ein kleiner Junge“. Wenn es ihm ganz schlechtging, so die Autorin, habe er immer den „Winnetou“ herausgeholt und wiedergelesen.

Es geht diesem Mann mit dem „Piratenlächeln“ nämlich öfter schlecht, als Außenstehende vermuten, und dies nicht nur als Kind, das in ein Internat in Deggendorf abgeschoben wird, in ein „Drecksheim“, wie er später sagt, „wo es nur darum ging, uns ruhigzustellen und zu disziplinieren“. Nein, der coole Kinomogul Bernd Eichinger, der so frech die deutsche Filmszene umkrempelt und in Hollywood sogar als Global Player reüssiert, der sich Cäsar, Napoleon und Alexander den Großen zu seinen Idolen auserwählt und auch selber eine Art von Größenwahn zelebriert, er fürchtet sich zeitlebens vor seinen „Dämonen“, vor Kontrollverlust und dem „Box-Office-Teufel“ etwa, er hat in schlaflosen Nächten sogar Angst, „zum Gespött zu werden“ und als Sozialfall zu enden, ja, er denkt nach einem Misserfolg auch mal an Suizid.

Als er sich bei der Münchner Filmhochschule bewirbt, ist er noch gar kein Cineast, hat dafür Wittgenstein gelesen und Beckett. Aber Bernd Eichinger stürzt sich hinein in die Filmszene, freundet sich an mit den Kommilitonen Herman Weigel, der später für ihn Drehbücher schreibt, und Uli Edel, den er als Regisseur für „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (1989) und „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008) engagiert und der schon 1981 Eichingers ersten großen Erfolg inszeniert: „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Da hat sich der junge Produzent, der einen Film von der Idee bis zur Vermarktung formen will, schon in die Neue Constantin eingekauft und versucht nun, das Autorenkino mit dem Markt zu versöhnen. Der Film wird ein Kassenerfolg, aber in den Feuilletons kommt er schlecht weg. Die deutsche Kritik hat Eichingers Filmen, vom „Namen der Rose“ (1986) über „Das Geisterhaus“ (1993) bis hin zum „Parfum“ (2006), immer die Anerkennung versagt.

Ein Rastloser, dem es ums Kino geht

Es hat ihn getroffen, aber nicht umgeworfen. Bernd Eichinger steigt auf und wird – in Jeans und Turnschuhen! – selber „bigger than life“, also zur überlebensgroßen Filmfigur. Es geht ihm tatsächlich ums Kino und nicht ums Geld, wenn ein Projekt Erfolg hat, geht er sofort neue Risiken ein, ein rastloser Zocker, der so viel Leben in sich hineinschlingt, wie irgend möglich. Von Jugend an ist er ein begeisterter Puffgänger und bleibt es auch. An seinen Tischen in den Edellokalitäten hält er Hof, es sind, so Katja Eichinger, „seine festen Burgen, wo sich das Chaos kontrollieren ließ“. In diesen Nächten säuft er viel und – das Buch erwähnt es beiläufig – kokst auch, und irgendwann ist immer die Zeit gekommen fürs Gläserschmeißen. Nein, Alltag habe es mit Bernd Eichinger nie gegeben, sagt seine Witwe über ihren voller Widersprüche steckenden Mann, der 1979 Wim Wenders’ „Falsche Bewegung“ produziert und 1997 „Ballermann 6“.

„BE“ ist auch ein süffiges Tratschbuch, in dem allerdings ein Personenregister schmerzlich vermisst wird. Und ja, auch „seine“ Frauen kommen hier fast alle vor: Hannelore Elsner, Barbara Rudnik, Corinna Harfouch, Katja Flint und Uschi Obermaier. Die Autorin ist da auch nicht gehässig, sondern so großzügig wie ihr Mann, dem Eifersucht ein Gräuel war. „Let it B.E.“, so heißt der letzte Satz in diesem Buch.