Bertha-Benz-Jubiläumsfeier in Stuttgart Die Pforzheimreise bleibt im Dunkel

Von joe 

Auch 125 Jahre nach dem Ereignis ist die Fahrt von Bertha Benz und ihren Söhnen von Mannheim nach Pforzheim kaum belegt. Mit drei „Bertha-Benz-Tagen“ erinnert das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart an das historische Ereignis.

So könnte es gewesen sein: Bertha Benz und ihre beiden Söhne beim Tankstopp in der Apotheke. Foto: Daimler
So könnte es gewesen sein: Bertha Benz und ihre beiden Söhne beim Tankstopp in der Apotheke. Foto: Daimler

Mannheim - Mit drei „Bertha-Benz-Tagen“ erinnert das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart an das Unternehmen der Erfindergattin und ihrer zwei Söhne, das als „erste große Fernfahrt“ in die Automobilgeschichte eingegangen ist. Vor 125 Jahren, „an einem schönen Morgen im August 1888“, so hat es später Carl Benz berichtet, haben sich seine Frau und die beiden Söhne Eugen (15) und Richard (13) heimlich aus dem Staub bemacht. In aller Frühe „während der Vater noch schlief“, haben sie seinen Patent-Motorwagen aus der Mannheimer Garage geschoben und sind „in höchster Glorie davongeknattert“.

Ziel war Pforzheim, wo Berthas Verwandtschaft daheim war. „Bergauf und bergab sollte der entführte Wagen zeigen, was er konnte und nicht konnte, auf einer Strecke von 180 Kilometern“, gab Carl Benz Jahrzehnte später im Alter von 80 in dem Buch „Lebensfahrt eines deutschen Erfinders“ zu Protokoll. Er hat die Reise damals, ebenso wie später sein Sohn Eugen in seinen Erinnerungen, eher anekdotisch abgehandelt. Nicht einmal das genaue Datum haben beide vermerkt.

Bertha wurde schnell zur „Pionierin des Automobils“

Erst ab 1988, mit dem hundertjährigen Jubiläum, rückte die Fahrt verstärkt in der Blickpunkt: Bertha Benz wurde in der Werbung und unter Oldtimer-Fans zur gefeierten „Pionierin des Automobils“ und zur „ersten Frau am Steuer“. Längst haben ihre Anhänger eine Bertha-Benz-Memorial-Route ausgeschildert, es gibt regelmäßig Gedächtnisfahrten von Mannheim nach Pforzheim. Die nächste steht vom 9. bis 11. August an. Doch auch 125 Jahre nach der ersten „neumodischen Ferienreise“ wie sie Carl später etwas spöttisch nannte, gibt es offenbar noch immer keine zeitgenössischen Quellen, die die Fahrt hieb- und stichfest belegen könnten.

„Nach wie vor stehen sich zwei Positionen, gegenüber; die einen sagen: Toll, sie war die erste Frau am Steuer eines Autos. Die anderen sind der Auffassung, dass sie nicht gefahren ist“, erläutert Kurt Möser, Historiker am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Verfasser eines umfangreichen Werks zur Geschichte der Mobilität zwischen 1880 und 1930. „Für die gesamte Fahrt gibt es – außer dem weit später erschienen Buch von Carl Benz – kaum Belege“, sagt der Wissenschaftler. „Das ist erstaunlich. Viele frühere Fahrten von Benz und seinen Mitarbeitern in Mannheim und Umgebung sind fotografiert und dokumentiert worden; nur diese nicht“.

Von überfahrenen Hühnern ist nirgends die Rede

Auch entlang der Fahrtroute gibt es keine historischen Zeugnisse von dem vermutlich aufsehenerregenden Ereignis: keine Zeitungsartikel, keine Briefe, keine Beschwerden wegen scheuender Pferde, überfahrener Hühner. „Es kann ja sein, dass immer noch etwas auftaucht“, hatte Wolfgang Rabus, der Archivar des Konzerns, 2011 im „Jahr des Automobils“ auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung erklärt. Inzwischen haben etliche Forscher ihr Glück bei dem spannenden Thema versucht. „Auch die Kollegen in unserem Archiv haben gesucht“, berichtet Malte Dringenberg, Pressesprecher von Mercedes-Benz Classic. „Wir wären natürlich sehr an Belegen interessiert“, gesteht er. „Aber bisher haben wir nichts gefunden“. Man könne nur mutmaßen, wie die Route verlaufen ist. „Wie es im Endeffekt wirklich war, ist nicht gewiss“. Auch um den Nimbus von Bertha als erster Frau am Steuer ist es nicht allzu gut bestellt. „Ich bin weiterhin der festen Überzeugung, dass sie nicht gefahren ist“, erklärt Kurt Möser. In den Erinnerungen von Carl und Eugen Benz finden sich dafür jedenfalls keine Beweise.

Im Gegenteil: „Eugen saß am Steuer, die Mutter neben ihm und Richard auf dem kleinen Rücksitz“, hatte Carl Benz einst geschildert. Wenn es bergauf ging, habe der jüngere Bruder gesteuert, er und die Mutter hätten als die Stärkeren „schieben dürfen“, hatte Eugen Benz 1956 im Gespräch mit dem früheren Mercedes-Archiv-Chef Friedrich Schildberger erklärt. „Unsere Mutter konnte ja gar nicht fahren“, hatte er noch hinzugefügt. Gleichwohl seien deren Verdienste unbestritten, sagt Möser. „Bis zum ersten Weltkrieg war Beifahrer zu sein richtig harte Arbeit“, versichert er. Klar sei auch: „Sie war die Geschäftsfrau, die wollte, dass ihr Mann seine Erfindung herausbringt und sein Wagen marktfähig wird. Sie hat ihn geschoben und getreten“, sagt der Wissenschaftler. „Deshalb ist es gut möglich dass sie Pforzheimfahrt mitorganisiert hat. Ich wäre der erste, der sich freuen würde, wenn es dafür auch Belege gäbe.“

Mercedes-Benz-Museum erinnert an Bertha

Ungeachtet der weiter offenen Fragen um die große Fernfahrt von Bertha Benz und ihren Söhnen Eugen und Richard von Mannheim nach Pforzheim vor 125 Jahren erinnert das Mercedes-Benz-Museum vom 2. bis 4. August an Bertha Benz. Drei Tage lang steht die Ehrfrau des Erfinders Carl Benz als „Pionierin des Automobils“ im Mittelpunkt. Am Sonntag ist der Eintritt ins Museum frei. Von Freitag bis Sonntag können Kinder (jeweils 11 Uhr) und Erwachsene (14 und 16 Uhr), bei Kostümführungen Interessantes aus dem Leben von Bertha Benz erfahren. Am Samstag und Sonntag gibt es – auch auf Englisch – Antworten auf Fragen rund um das Thema „Frauen und Autos“. Kinder können bei einer Mitmachausstellung ihr Traumauto entwerfen. Am Sonntag berichtet Jutta Benz, die Urenkelin von Carl und Bertha von ihren Urgroßeltern. Um 11.30 und 15 Uhr auf Deutsch, um 13 Uhr auf Englisch. Dazu gibt es Möglichkeiten zu Mitfahrten auf einem Nachbau des historischen dreirädrigen Patent-Motorwagens.