Berthold Leibinger wird 85 Von Trumpf beinahe besessen

Trumpf-Patriarch Berthold Leibinger weiß um die Bedeutung der Digitalisierung. Foto:  
Trumpf-Patriarch Berthold Leibinger weiß um die Bedeutung der Digitalisierung. Foto:  

Bertold Leibinger, der die Maschinenfabrik Trumpf groß gemacht und lange geführt hat, wird am 26. November 85 Jahre alt. Unternehmer mit einer solchen Nähe zum Betrieb sind selten geworden.

Wirtschaft: Michael Heller (mih)
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Stuttgart - Berthold Leibinger zuckt zusammen. Jäh ist er an diesem Morgen aus seinem Traum erwacht, in den er nach dem ersten Klingeln des Weckers noch mal geglitten war: „Ich muss ins Büro!“, fährt er hoch. Und genau da sitzt er ein paar Stunden später im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung, lacht über die Szene und schüttelt ein wenig den Kopf über sich selbst, denn er weiß genau, dass er eigentlich gar nichts mehr muss. Erstens wird der gebürtige Stuttgarter in wenigen Tagen, am 26. November, 85 Jahre alt, und zweitens hat er im Unternehmen, dem Maschinenbauer Trumpf in Ditzingen, gar keine offizielle Funktion mehr, die seine Präsenz erfordern würde.

Leibinger hält sich nicht für unentbehrlich und macht mit verschmitztem Gesichtsausdruck Witze über Männer seines Alters, die im eigenen Betrieb noch immer alle Fäden in der Hand behalten wollen. Aber obwohl der Mann, der Trumpf zum Unternehmen von Weltrang gemacht hat, auf Abstand gegangen ist, hat er doch einiges gemeinsam mit den geschmähten Patriarchen seiner Generation. So ist ihm keine Entscheidung so schwer gefallen wie der Generationswechsel vor zehn Jahren, mit dem er das Schicksal des führenden Herstellers von Lasern und Maschinen zur Blechbearbeitung in die Hände seiner Kinder gab. Immerhin war er da ja auch schon 75.

Sogar von einer „Liebesbeziehung“ hat er gesprochen

Aber Leibinger und Trumpf, das ist eine besondere Liaison. „Die Verbindung mit diesem Unternehmen ist eine ganz tiefe, bis heute“, sagt Leibinger. „Ich habe meinen Kindern gesagt: Ich verzichte auf jedes Amt, aber ihr könnt mir nicht verbieten, dass ich existenziell Anteil nehme am Weg dieses Unternehmens.“ Von einer „Liebesbeziehung“ zur Firma hat er bei anderer Gelegenheit sogar gesprochen.

Dass seine Meinung auch ohne ein offizielles Amt gehört wird, steht nach vielen Jahrzehnten an der Spitze nicht in Frage. Aber Tochter Nicola Leibinger-Kammüller als Chefin und ihr Bruder Peter sowie Nicolas Ehemann Matthias Kammüller entscheiden selbst, zum Beispiel beim Erwerb des chinesischen Herstellers Jiangsu Jinfangyuan vor zwei Jahren. „Die Unternehmensleitung geht einen Weg, den nachzuvollziehen ich zumindest zu Beginn große Mühe hatte“, räumt Leibinger ein. Der Grund: ihm gefiel die Produktpalette der Chinesen nicht, die erst eine Schweizer Abkantpresse (mit der Blech gebogen wird), dann eine japanische Maschine nachgebaut haben. Leibinger: „Damals habe ich zu meiner Tochter und dem Schwiegersohn, der das insbesondere betrieben hat, gesagt: Das Letzte, was ich tue, ist, dass wir uns an einem Kopisten von einem Japaner beteiligen. Aber sie lagen richtig.“ Beim letzten Satz klingt an, dass er sich zu dieser Einschätzung erst durchringen musste.

„Der Mensch möchte Eigentum bewahren“

Berthold Leibinger verkörpert Trumpf, obwohl er das Unternehmen gar nicht gegründet hat – oder gerade deswegen. „Es ist fast Besessenheit eines Menschen, mit diesem Unternehmen verbunden zu sein, es besitzen, führen und vererben zu wollen und danach das Leben auszurichten. Ich habe 40 Jahre gebraucht, das Unternehmen zu erwerben“, sagt er. Diese intensive Nähe ist in einer Zeit selten geworden, in der Neugründungen wie im amerikanischen Silicon Valley in Kalifornien nach den ersten Erfolgen schnell den Besitzer wechseln oder zumindest neue Gesellschafter aufnehmen.

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