Berthold Seliger im Interview „Das reiche Stuttgart muss sich mehr leisten“

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Seit Jahrzehnten organisiert Berthold Seliger Konzerte. Derzeit ist er mit einem Buch auf Lesereise, in dem er das Musikbusiness scharf kritisiert. Im Interview redet er über die Werbedeals von Cro – und erklärt, warum Stuttgart so selten auf den Tourplänen steht.

Wenn Werbedeals wichtiger sind als die Musik: Berthold Seliger findet am Musikgeschäft neuer Schule vieles nicht gut. Hier im Bild: der Stuttgarter Rapper Cro. Foto: dpa
Wenn Werbedeals wichtiger sind als die Musik: Berthold Seliger findet am Musikgeschäft neuer Schule vieles nicht gut. Hier im Bild: der Stuttgarter Rapper Cro. Foto: dpa

Stuttgart - Seit Jahrzehnten organisiert Berthold Seliger Konzerte und Tourneen in Deutschland. In dieser Zeit hat sich vieles in der Branche zum Schlechteren gewandelt. Darüber hat er nun ein erfolgreiches Buch geschrieben, in dem er hinter die Kulissen des Business schaut: „Das Geschäft mit der Musik“. Am Donnerstag stellt er es in der Rätsche in Geislingen vor.

Herr Seliger, von Ihrem Buch ist bereits die vierte Auflage im Handel. Überrascht Sie der Erfolg?
Er freut mich ungemein, das war so nicht unbedingt zu erwarten. Die Materie ist zunächst ja etwas kompliziert. Aber ich habe schon länger Vorträge zu dem Thema gehalten und auch Texte darüber geschrieben. Das haben die Leute regelrecht aufgesogen. Viele interessieren sich eben für Musik – aber kaum einer weiß, wie das Business funktioniert. Die Leute sind aber neugierig darauf.
Sie nehmen eine sehr kritische Haltung ein, und das auch im Wortsinn – Sie zitieren Adorno. Ist das ein Kaufargument?
Die Leute spüren, dass ihnen oft nicht die Wahrheit präsentiert wird – nicht nur im Musikgeschäft. Mein Buch will Aufklärung leisten und die wahren Verhältnisse zeigen. Es gibt unter den Menschen viel kritisches Potenzial.
Berthold Seliger Foto: StZ
Sie benennen viele Kritikpunkte, von der für Musiker nachteiligen Rechteverwertung über die Rolle der Politik bis hin zum Musikjournalismus und der Verschmelzung von Management, Plattenfirmen, Konzertagenturen und Ticketanbietern. Welches dieser Probleme ist das drängendste?
Es ist ja alles miteinander verzahnt. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Sicht. Das Grundproblem ist, dass die einzelnen Player immer größer werden und Imperien aufbauen, die immer mehr mit Profit und immer weniger mit dem Eigentlichen, der Musik, zu tun haben. Konzerne haben nicht kulturelle Werte im Blick, sondern Geldwerte. Demgegenüber glaube ich, dass wir uns wieder mehr an der Qualität von Musik orientieren müssen.
Früher war alles besser?
Schon Adorno hat die Kulturindustrie kritisiert, und natürlich waren Plattenfirmen immer Investitionsapparate. Künstler mussten sich schon immer durchschlagen; schwarze Künstler noch mehr als weiße. Aber es gab bis in die neunziger Jahre auch auf der Mainstreamebene Leute, die für die Musik gebrannt haben. Die großen Konzertveranstalter zählten dazu, Marek Lieberberg, Karsten Jahnke, Fritz Rau. Die wollten eine bestimmte Musik auf die Bühne bringen und haben das auch gemacht. Heute gibt es in Deutschland CTS Eventim und weltweit Live Nation, das sind nur Konzerne mit Gewinninteresse.
Sie sind selbst Konzertveranstalter. Was machen Sie anders?
Ich möchte das am Beispiel der US-amerikanischen Band Lambchop illustrieren, für die ich von Anfang an in Europa die Tourneen organisiert habe. Da ging es darum, die Band langfristig aufzubauen. Was das heißt: Dass diese Band zu Beginn ihrer Karriere z.B. in Geislingen auftrat vor etwa 50 Leuten. Und dass man sie mit dem nächsten Album wieder auf Tour geschickt hat, dann vor vielleicht 70 Leuten. Irgendwann lief es mit Lambchop in England, so konnten wir die deutsche Tour querfinanzieren. Und inzwischen ist die Band in ganz Europa erfolgreich. Die meisten Plattenfirmen und Konzertveranstalter hätten die Band spätestens nach zwei erfolglosen Tourneen fallen gelassen. Aber wenn man sich für eine Band entscheidet, geht es darum, sie auf lange Sicht durchzusetzen – eben, weil man von der Qualität der Musik überzeugt ist. Das ist das entscheidende Kriterium.
Mit Großkonzerten hat das natürlich nichts zu tun. Aber es gibt doch die Mainstream-Acts, die große Hallen ausverkaufen und in den Medien Erfolge feiern.
Natürlich gibt es die, und es soll sie auch geben. Ich habe auch kein Problem damit, dass die ARD zur besten Sendezeit zweistündige Sendungen mit Helene Fischer und Andrea Berg bringt. Aber die Woche drauf sollen Beethoven und Bartok zur besten Sendezeit laufen und die Woche drauf Hip Hop und Indie-Rock. Nicht nur die Mainstreamkultur soll abgebildet werden, sondern die ganze Breite – das gilt auch für die Konzertbranche. Wenn Sie lange genug ein vielfältiges Programm anbieten – nicht nur Mainstream –, dann lernen auch mehr Leute die Nicht-Mainstream-Musik zu schätzen. Wenn Sie keine Alternative anbieten, ist doch klar, dass die Leute sich nur noch für Mainstream-Scheiß interessieren.