Berühmtes Haus in Ludwigsburg Was wird aus dem Tiny House auf der B 27?
Beliebt, aber im Weg: Die Tage des berühmten Tiny House in Ludwigsburg sind gezählt. Es muss abgebaut werden. Was wird aus ihm?
Beliebt, aber im Weg: Die Tage des berühmten Tiny House in Ludwigsburg sind gezählt. Es muss abgebaut werden. Was wird aus ihm?
Ludwigsburg - Von außen ist das kleine Haus kaum wiederzuerkennen: Die grauen Platten, die es umhüllen, sind mit wilden Kritzeleien übersät. Ein paar Striche da, ein paar Schlangen dort. Auch ein paar obszöne Figuren sind, bei genauer Betrachtung, zu erkennen. Oder?
Kann das wirklich sein: Dass die Stadt Ludwigsburg ihr berühmtes Tiny House so verkommen lässt? Dieses Häuschen, das vor gut vier Jahren mitten auf der Sternkreuzung in der Innenstadt aufgebaut worden war und in dieser Zeit nachgerade Heerscharen an Schaulustigen und Wissbegierigen angezogen hat und mit Preisen überhäuft wurde. Um es vorwegzunehmen: Nein!
Die Kritzeleien sind gar keine Kritzeleien, sondern Teil eines irritierend-schönen Graffitos, also Kunst. Mit der Herrlichkeit des Häuschens ist es aber trotzdem bald vorbei. Seine Tage sind gezählt. Die Stadt Ludwigsburg wird die zentrale Verkehrsachse sanieren, zu der auch die Sternkreuzung gehört. In diesem Frühjahr sollen die Arbeiten an der Tunneldecke beginnen, auf der das Tiny House steht. „Es wird ernst“, sagt Alke Hollwedel, die Leiterin des städtischen Museums, wo die Idee dazu entstand, die nie auf Dauer ausgelegt war.
Errichtet wurde es zum 300. Geburtstag der Stadt Ludwigsburg, die ihren Bürgern damit eine Denkanregung schenkte: Wie könnte das Wohnen der Zukunft aussehen? Ursprünglich sollte es von März bis September 2018 die Kreuzung schmücken, also ein halbes Jahr. Aber weil das Gebäude so gut ankam, für Besichtigungen gebucht und mit Preisen überhäuft wurde, wurde das 20 000 Euro teure Experiment wieder und wieder verlängert. Unter anderem gab es eine Goldmedaille beim Wettbewerb für beispielhaftes Bauen im Kreis Ludwigsburg und eine Anerkennung beim Staatspreis Baukultur Baden-Württemberg.
Und dann waren da auch noch die vielen Anfragen von Einheimischen wie Auswärtigen, die zur Überraschung der Stadt in dem 7,3 Quadratmeter kleinen Gebäude übernachten wollten – und letztlich auch durften. Zumindest bis Corona kam. Dann hätte es nach jedem Aufenthalt noch gründlicher als gründlich geputzt werden müssen. Zu aufwendig – und auch zu riskant.
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Relativ geringe Baukosten, sparsamer Ressourceneinsatz und relative Flexibilität beim Umziehen – Tiny Houses schlagen perfekt im Puls der Zeit. Kommunen weisen zunehmend Parzellen für die kleinen Gebäude aus, sogar Tchibo hat inzwischen Minihäuser im Sortiment. „Dieses Haus ist zukunftweisend“, sagt Alke Hollwedel. Weil jenes Haus zusätzlich in eine besondere Zukunft weist, es an einer Stelle aufgebaut wurde, die unter anderen Umständen niemand jemals für den Aufbau eines Hauses in Betracht gezogen hätte.
Die Verkehrsinsel inmitten der Kreuzung ist umrauscht von Autos, Bussen, Lastern und durchkreuzt von Fußgängern und Radfahrern – kurz: nicht besonders attraktiv. Aber eben auch: öffentlich. Mit dem Häuschen jedoch wurde diese unattraktive öffentliche Fläche belebt. Aus einem Unort konnte ein Ort werden, ein attraktiver dazu.
Denn hinter der Hülle, die das Ludwigsburger Tiny House umgibt, verbirgt sich eine andere Welt. Ein Gärtchen inklusive Birnbaum ist dort angelegt, das den Wohncontainer um ein Vielfaches vergrößert. Wände aus Fichtenholz absorbieren fast alle Geräusche, die außerhalb dieser Wände entstehen. Das Ludwigsburger Tiny House heißt denn auch nur umgangssprachlich so, die korrekte Bezeichnung lautet Mikrohofhaus.
Momentan ist es allerdings ein Mikrohofhaus mit ungewisser Zukunft. Denn außer dass das nunmehr legendäre Geburtstagsgeschenk den Bauarbeiten an der B 27 im Weg ist, ist laut Alke Hollwedel nichts weiter bekannt. Wann genau das Häuschen wegkommt, ist ungewiss. Ebenso wohin – oder ob es überhaupt irgendwo hinkommt.
Einen passenden Standort zu finden ist komplexer, als man meinen könnte. Einfach abstellen ist nicht möglich – mussten die Architekten des Stuttgarter Ateliers Kaiser Shen, die das Mikrohofhaus erfunden haben, Interessenten immer wieder erklären. Außer entsprechenden Anschlüssen braucht es vor allem eine Baugenehmigung, weiß Alke Hollwedel. Auch in ihrem Museum sind schon Besucher vorstellig geworden, die das Ensemble von der Verkehrsinsel für ein Musterhaus hielten und nun bestellen wollten.
Selbst wenn sich aber noch ein geeigneter Standort findet, ist nicht gewiss, dass der Umzug tatsächlich möglich wäre. Weil nicht sicher ist, wie und ob das Häuschen auf einen Transporter kommt. Nicht ausgeschlossen ist deshalb auch, dass es zurückgebaut und recycelt wird. Glücklich wäre Alke Hollwedel darüber nicht. Aber selbst wenn es so weit käme, sagt sie, „hätten wir das Maximale rausgeholt“.
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