Als Antje von Dewitz im Jahr 2009 die Geschäftsführung beim Tettnanger Outdoor-Spezialisten Vaude übernahm, machte sie sich zum Versuchskaninchen in eigener Sache. Neben dem Job hatte sie bereits vier Kinder im Alter von eins bis neun Jahren – das jüngste brachte sie anfangs im Wickeltuch mit zur Arbeit. „Für mich stand fest, dass ich es für mich und andere Frauen so organisieren muss, dass es möglich ist, gute Mütter und Mitarbeiterinnen zu sein“, berichtet sie.
Die heute 49-Jährige Chefin führte Vertrauensarbeitszeit ein und sorgte dafür, dass Flexibilität, mobiles Arbeiten und das Führen in Teilzeit gezielt gefördert wird. Schon zuvor hatte sie in Kooperation mit der Stadt Tettnang eine eigene Kinderbetreuung initiiert. Manchmal spielten beim Wandel zum familienfreundlichen Unternehmen, für das Vaude im Land als ein Aushängeschild gilt, auch Kleinigkeiten eine große Rolle – etwa, dass Besprechungen möglichst bis 17 Uhr enden.
Wer nicht Beruf und Privatleben vereinbaren kann, ist schlecht motiviert
Die negativen Erfahrungen, die sie einst als Angestellte machte, bevor sie zu Vaude kam, sind von Dewitz noch immer eine Mahnung. „Wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben nicht im Fokus steht, untergräbt das die Motivation – und damit auch den Erfolg eines Unternehmens.“
Dieses Credo haben mittlerweile viele Unternehmer in Baden-Württemberg verinnerlicht. Die familien- und mittelständischen Firmen gehen mit voran. Aus Einsicht oder weil hier besonders viele Facharbeiter fehlen. Denn für viele spiele „die Vereinbarkeit oft eine genauso große Rolle wie das Gehalt“, wie Larissa Roy-Chowdhury vom Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ betont. „Die Möglichkeiten und Angebote für die Beschäftigten wachsen.“
„Erfolgsfaktor Familie“ unterstützt vor allem kleinere Betriebe
Über 8000 Unternehmen gehören „Erfolgsfaktor Familie“ an, das als deutschlandweit größte Plattform zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt und vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag sowie dem Bundesfamilienministerium gefördert wird. Es unterstützt vor allem kleine und mittlere Betriebe dabei, gute Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf zu schaffen. Mit dem „Fortschrittsindex Vereinbarkeit“ können Firmen ihre Unternehmenskultur auf Familienorientierung überprüfen und sich mit anderen vergleichen.
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Zwölf Kennziffern listet der Index auf: Es geht um den Anteil der Beschäftigten mit flexiblen, mitgestaltbaren Arbeitszeitregelungen oder im Homeoffice. Es geht um den Anteil der Beschäftigten, die freiwillig in Teilzeit arbeiten und vom Betrieb bei der Pflege oder Kinderbetreuung unterstützt werden. Und es geht auch darum, wie lange Väter und wie lange Mütter Elternzeit nehmen. Vor allem die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort, die in der Forschung mit als wichtigstes Mittel für die Vereinbarkeit gilt, hat von der Homeoffice-Pflicht während der Coronapandemie profitiert. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) spricht hier vom „größten Innovationsschub seit Langem“. Die hauseigenen Studien zeigen, dass vor allem zu Beginn der Pandemie insbesondere berufstätige Mütter flexibler arbeiten konnten und etwa die häuslichen Arbeitsschichten auf den Abend verlegten. Jedes fünfte Unternehmen wollte im Sommer 2021 die Möglichkeiten für mobiles Arbeiten längerfristig ausbauen.
Die Homeoffice-Pflicht hat die Kinderbetreuung erleichtert
Auch wenn das Gros der Unternehmen die Homeoffice-Regelungen auf den Stand vor der Pandemie zurückschrauben will, sei das Homeoffice-Modell bereits Teil der DNA vieler Firmen geworden, betont IAB-Personalpolitik-Expertin Stefanie Wolter. „Möglicherweise kann das dazu beitragen, die Rollenverhältnisse in Familien neu auszuhandeln.“
„Bei Männern geht der Trend zu längeren Elternzeiten“
Schon jetzt ermuntern immer mehr Personalabteilungen Männer, in Elternzeit zu gehen, sagt Corinna Schwedhelm vom Netzwerkbüro. „Der Trend geht zu längeren Elternzeiten. Hier sind Vorbilder extrem wichtig. Dass Männer auch mal sagen, dass sie statt zwei auch mal sechs Monate Elternzeit nehmen“, erklärt Schwedhelm.
Noch stärker hat aber die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege an Bedeutung gewonnen. Vor allem die größeren baden-württembergischen Unternehmen informieren ihre Beschäftigten zunehmend aktiv über die gesetzlichen Ansprüche – auch, um besser mit Auszeiten planen zu können. Den aktuellsten Zahlen des Statistischen Landesamts zufolge waren Ende 2019 im Südwesten rund 470 000 der rund elf Millionen Einwohner im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes pflegebedürftig – innerhalb weniger Jahre ist die Zahl um mehr als ein Fünftel gestiegen. Mehr als die Hälfte wird von Angehörigen gepflegt, von denen wiederum zwei Drittel einer Arbeit nachgehen.
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Immer mehr Unternehmen lassen deshalb Mitarbeiter zu Pflegelotsen schulen. Beim größten Anbieter im Südwesten, dem Dienstleister Family-Net, hat man seit 2015 landesweit rund 830 Pflegelotsen für Unternehmen, Verwaltungen und Behörden ausgebildet. Während kleinere Firmen erstmals einen Pflegelotsen fördern, seien es bei größeren Unternehmen mittlerweile oft schon zwei, sagt Silke Jäger-Warnecke. „In der Coronazeit ist die Bereitschaft, die Beschäftigten zu entlasten, weiter gestiegen.“
Auch im Gastgewerbe und im Handel sind flexiblere Arbeitszeiten möglich
Was ist aber mit jenen Branchen, in denen die Beschäftigten seit vielen Jahren vergeblich mehr Flexibilität verlangen, vor allem weil die Arbeit vor Ort geleistet wird? Auch hier haben die Pandemie und vor allem der eklatante Fachkräftemangel als Katalysator gewirkt, sagt Roy-Chowdhury. Zunehmend spielten etwa im Gastgewerbe, Handel oder der Produktion Wunschdienstpläne und Wunscharbeitszeiten eine größere Rolle.
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Dazu bauten Firmen verstärkt Springer auf, also einen festen Pool von Beschäftigten, die kurzfristig Aufgaben anderer kompensieren können. Zudem nutzten Firmen digitale Möglichkeiten. Auch Baustellenleiter, Pflegende oder Lageristen könnten Berichte jetzt auch von zu Hause aus schreiben, betont Roy-Chowdhury.
Einige Pflegeeinrichtungen arbeiteten etwa mit einer App, mit der sich Arbeitsschichten sechs Wochen im Voraus verlässlicher planen lassen. „Ebendiese Verlässlichkeit ist und bleibt für Unternehmen und Beschäftigte am wichtigsten, um Beruf und Familie zu vereinbaren.“
Am Ende kommt es auf die Unternehmenskultur an
Am Ende sei so viel möglich, wie viel ein Unternehmen in Absprache mit den Beschäftigten auch ermöglichen wolle, sagt Vaude-Geschäftsführerin von Dewitz. „Es sollte selbstverständlich sein, dass Menschen im Beruf auch ihre privaten Themen einbringen dürfen, um beides miteinander vereinbaren zu können.“ Es brauche eine Unternehmenskultur, die auf Augenhöhe, auf Vertrauen und einem guten Menschenbild basiere. „Am wichtigsten für die Vereinbarkeit ist also die Unternehmenskultur selbst.“
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Ein halbes Jahr bezahlter Elternurlaub – das bieten Firmen an Extras
HPE
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie genießt vor allem bei jüngeren Beschäftigten höchste Priorität. Unternehmen gehen dabei, um Fachkräfte zu gewinnen, teils weit über die gesetzlichen Regelungen hinaus. Der Böblinger IT-Konzern HPE hat 2019 einen halbjährigen, bezahlten Elternurlaub eingeführt, der sich auch splitten lässt. „Das ist ein Riesenerfolg, praktisch jede und jeder, der dazu berechtigt ist, nutzt ihn auch – Väter allerdings überwiegend auf zwei Zeiträume verteilt“, sagt ein Sprecher.
Mercedes-Benz
Die Mercedes-Benz Group bietet Mitarbeitern die Möglichkeit, nach der gesetzlichen Elternzeit ihre Tätigkeit für bis zu drei Jahre zu unterbrechen. Die sogenannte Familienzeit muss innerhalb der ersten acht Lebensjahre des Kindes genommen werden. Lohn wird aber nicht gezahlt.
Vodafone
Beim Netzbetreiber Vodafone können Mütter oder Väter für sechs Monate ihre Arbeitszeit um 25 Prozent kürzen, erhalten aber weiter das volle Gehalt. Außerdem bietet das Unternehmen Müttern oder Vätern an, über die gesetzlichen drei Jahre hinaus ein Extrajahr Elternzeit zu nehmen – also bis zu vier Jahre.