Berufliche Schulen in Stuttgart Berufliche Schulen leiden unter Lehrermangel

An der Wilhelm-Maybach-Schule in Bad Cannstatt dreht sich viel um Fahrzeugtechnik. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Insbesondere technische orientierte berufliche Schulen in Stuttgart sind bereits mit Lehrermangel ins neue Jahr gestartet. Das sind die Hintergründe und Auswirkungen.

Stuttgart - An der Wilhelm-Maybach-Schule, einer beruflichen Schule in Bad Cannstatt, dreht sich viel um Fahrzeugtechnik. Doch just dieses Fach gehört zu den Mangelfächern – „da fehlen uns Lehrer – an Referendare kommen wir gar nicht mehr“, sagt Schulleiter Hans Pommersberger. Die Maybachschule ist in Stuttgart kein Einzelfall. Auch andere technisch orientierte berufliche Schulen tun sich schwer damit, technisch versierte Pädagogen für den Unterricht zu gewinnen. Nicht etwa, weil das Land gern sparen und Stellen einsparen würde, sondern weil es nicht gelingt, die ausgeschriebenen Stellen zu besetzen.

 

Zu den Mangelfächern an den beruflichen Schulen gehören laut Regierungspräsidium (RP) Energie- und Automatisierungstechnik, Fertigungs-, Fahrzeug-, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie System- und Informationstechnik, Physik und Informatik. „Die volle Unterrichtsversorgung ist gewährleistet bis auf nicht besetzte Stellen in Mangelfächern“, so hierzu RP-Sprecherin Lisa Schlager. Kompensieren könnten dies die Schulen unter anderem durch schulorganisatorische Maßnahmen. Pommersberger regelt dies an seiner Schule zum einen durch weniger Unterricht, zum anderen durch Überstunden, die die Kollegen schultern.

Rektor: Im Kfz-Bereich rennen uns die Schüler die Bude ein

„Ich hätte gut und gern drei Stellen besetzen können“, sagt Pommersberger. Aber auf die Ausschreibung habe sich niemand gemeldet. „Dabei rennen uns die Schüler im Kfz-Bereich die Bude ein.“ Vor allem Kfz-System- und Hochvolttechniker wollten viele werden – der Elektrobereich boome. „Wir sind dran, unsere Kfz-Werkstätten umzustrukturieren“, so der Schulleiter. Dafür habe man inzwischen eine „tolle, junge Truppe“ gewonnen, viele davon ehemalige Schüler. „Aber uns fehlen Theoriekollegen.“

Auch die Werner-Siemens-Schule im Stuttgarter Norden muss sich strecken. „Wir haben weiterhin einen deutlichen Mangel an Fachlehrern“, sagt Schulleiter Rainer Klaus – insbesondere für Energie- und Automatisierungstechnik sowie für Informatik fehlten Kollegen. Insgesamt sei die Unterrichtsversorgung aber besser geworden – „durch interne Umschichtungen und weil die Kollegen Überstunden machen“, räumt Klaus ein. Aber diese „in den letzten Jahren angesammelten Mehrarbeitsstunden in den berufsbezogenen Mangelfächern“ müssten auch abgebaut werden. Danach sieht es im Moment nicht aus.

IT-Schule kompensiert den Mangel mit größeren Klassen

Improvisiert werden muss auch an der IT-Schule in Stuttgart-Möhringen. „Im IT-Bereich fehlen uns vier Lehrer – da kann man keine Deutschlehrer dafür nehmen“, erklärt Vizeschulleiter Oliver Schwahlen. „Das Problem ist, Lehrer zu finden.“ Und zwar Lehrer, die den Stoff beherrschen. „Wir bilden hier Profis aus, der Lehrer muss wirklich in dem Bereich gearbeitet haben“, so Schwahlen. Wie die Schule diesen Mangel ausgleicht? „Wir schwitzen’s raus“, so Schwahlen. Konkret bilde man Klassen mit bis zu 33 Schülern – obgleich bei 30 normalerweise Schluss ist. Das sei dem Unterrichtserfolg „nicht unbedingt zuträglich“, bedauert Schwahlen. Eine weitere Maßnahme sei, dass man Gruppen beim gerätegestützten Unterricht in IT-Fächern nicht mehr teile. Das sei sonst bei mehr als 16 Schülern möglich. Auch Teamteaching falle flach. Dabei sei das bei der Software-Programmierung nützlich – „denn da haben die Schüler natürlich Fragen“. Als weitere Maßnahme kürze man den Unterricht. Statt fünf gebe es nur noch 4,5 Stunden pro Woche.

Grund für den Mangel sei die Konkurrenz der freien Wirtschaft, sagt Felix Winkler, der geschäftsführende Leiter der gewerblichen Schulen in Stuttgart. Es werde immer schwieriger, Fachleute in den Schuldienst zu locken. Schwahlen ergänzt: „Die Industrie kann an Schrauben drehen, wenn sie IT-ler brauchen – über das Gehalt oder Sozialleistungen. Das können wir nicht.“ Dabei stiegen die Schülerzahlen an der IT-Schule stetig, vor allem in der Berufsschule – „jedes Jahr um zehn Prozent“.

Das RP schlägt unter anderem vor, Direkteinsteiger – also Leute mit Studienabschluss und mehrjähriger einschlägiger Berufserfahrung – durch frühzeitige Stellenausschreibungen für Mangelfächer zu gewinnen. Ein weiterer Vorschlag des RP: „Mehrarbeit von Bestandslehrkräften“. Zudem könne nach Pensionären gesucht werden.

Lehrerverband und IHK fordern rasche, pragmatische Lösungen

Vor dem Hintergrund, dass laut Vollerhebung des Kultusministeriums landesweit an den beruflichen Schulen 6,4 Prozent Unterricht ausfällt, fordert der Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg: „Die Konzepte zur Lehrergewinnung müssen deutlich schneller umgesetzt werden“, so dessen Vorsitzender Herbert Huber. Auch die IHK Region Stuttgart kritisiert den Unterrichtsausfall an den beruflichen Schulen. Andrea Bosch, Geschäftsführerin Beruf und Qualifikation, schlägt vor: „In berufspraktischen Fächern könnten zum Beispiel kurzfristig Experten aus Unternehmen auf Honorarbasis die Lücken füllen.“ Dies ist laut Kultusministerium bereits möglich. Seit diesem Schuljahr steht das Kontaktstudium Informatik als Lehrerfortbildung für Nichtinformatiker auch Lehrern an beruflichen Schulen offen.

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