Berufliches Doppelleben Landwirt und Stuntfahrer

Von Peter Ilg 

Seine Eltern wollten, dass Rainer Schwarz den Hof fortführt. Dann machte er das Motorradfahren zum Zweitjob. Heute ist er Stuntfahrer für Harley-Davidson und betreibt eine Biogasanlage.

Ungewöhnliche Kombination: Rainer Schwarz beherrscht den Traktor genauso wie die Motorräder. Foto: Ilg
Ungewöhnliche Kombination: Rainer Schwarz beherrscht den Traktor genauso wie die Motorräder. Foto: Ilg

Rainer Schwarz braucht freie Bahn. Sein Bauernhof ist picobello aufgeräumt. Mist auf den Fahrwegen, rostendes Gerümpel in der Ecke, das gibt es bei ihm nicht. 'Ich bin nicht pingelig, aber sehr ordentlich', sagt Bauer Schwarz. Unordnung, Dreck, das kann er nicht leiden. 'Ordnung und Sauberkeit sind für mich Lebensqualität.' Bei ihm hat alles seinen Platz. Nichts liegt im Weg, über das man stolpern könnte.

Das kommt von seinem zweiten Beruf. Der 43-jährige Bauer ist professioneller Stuntfahrer für Harley-Davidson. In dem Job reicht schon ein Stein oder eine Schraube auf der Piste und Schwarz steigt schmerzhaft ab. Wie damals, 2003. Acht Rippen, beide Schlüsselbeine und das rechte Handgelenk hat er gebrochen. Schuld war eine Bodenwelle, an der sein Beifahrer hängen blieb. Der saß nicht hintendrauf, wie das bei einem Sozius so üblich ist.

Bei Schwarz hängen Beifahrer rückwärts kopfüber vor dem Lenker. Er bremst die Maschine dann gefühlvoll gerade so stark ab, dass sie auf dem Vorderrad weiterrollt und ihr Heck fast senkrecht Richtung Himmel streckt. 'Dann kam die Welle und es hat uns überschlagen.' Das war sein letzter Unfall, seitdem ist nichts mehr passiert. 'Ich habe mehr Erfahrung, bin reifer geworden.' Aber eigentlich will er nicht über Unfälle reden. Das könnte ein schlechtes Omen bedeuten. Und er braucht doch heile Knochen, um seine Landwirtschaft zu betreiben.

"Ich bin kein Akrobat auf zwei Rädern"

Seit 18 Jahren führt Schwarz ein beruf­liches Doppelleben: Montag bis Donnerstag ist er Bauer, an den Wochenenden Hardcore-Biker. Fährt so gekonnt auf dem Vorder- oder Hinterrad wie andere auf beiden. Wenn man ihn nicht sieht, dann hört man quietschende Reifen bei seinen Drifts. Oder man riecht verbrannten Gummi von Burn-outs. 'Ich bin kein Akrobat auf zwei Rädern.' Seine Kunst ist, am Limit zu fahren. Bei ihm muss es schnell gehen. Je schneller, umso besser. Materialschonend ist das Gegenteil. Das ist die eine Seite des Rainer Schwarz. Die andere ist der ruhige, besonnene Typ.

Er denkt nach, bevor er etwas sagt. Sein Bauernhof liegt inmitten von Herbishofen. Straßennamen braucht es in dem 100-Seelen-Weiler nicht, Hausnummern reichen. Das Dorf ist im Unterallgäu, nur fünf Kilometer von Memmingen entfernt. 'Ich wurde dazu erzogen, das elterliche Anwesen zu übernehmen.' Begeisterung klingt anders. Schwarz erzählt weiter, und man könnte meinen, er hatte Angst davor, als Bauer zu versauern. Als junger Kerl frisiert er sein Mofa, fährt schon mit dem Moped kilometerweit auf dem Hinterrad und fängt mit 23 Jahren an, Autoslalom in einem Kadett C zu fahren.

Einige Jahre später steigt er auf zwei Räder um und tritt mit einer Suzuki GSX R 1100 bei Motorsportveranstaltungen auf. Harley-Davidson wird auf ihn aufmerksam, stellt ihm ein Testfahrzeug bereit und ihn 2000 als Stuntfahrer an. Die schweren und gutmütigen Harleys sind dafür gar nicht geeignet. Im Vergleich zu einem Supersportler haben sie wenig Leistung, aber viel Gewicht. Der Rundlauf im unteren Drehzahlbereich ist unruhig, der Tiefpunkt schwer. 'Um eine solche Maschine aufs Hinterrad zu bekommen, da muss schon alles passen.' Schwarz beschleunigt das Motorrad, macht abrupt den Gashahn zu, so dass die Gabel vollständig eintaucht.

Nur die Mutter hat Angst

Zugleich beugt er sich nach vorn, zieht den Gashahn auf und nützt den Schwung der sich wieder ausdehnenden Gabelfedern und reißt das Motorrad mit dem Oberkörper nach oben. 'Dieser Bewegungsablauf ist eine Kombination aus Körpereinsatz und Technik.' Schwarz beherrscht sie harmonisch perfekt. Von Mai bis September zeigt er an 15 bis 20 Wochenenden seine Show. Zweimal täglich, jeweils 20 Minuten. Zwischen vier und sechs Maschinen kommen zum Einsatz. Schwarz fährt allein und zu zweit. 'Nur meine Mutter hat immer noch Angst, wenn ich gehe.' Etwa zehn eigene, ganz unterschiedliche Harleys hat Schwarz.

Darunter eine leichte Sportster und eine schwere Night Rod Special. Neben den amerikanischen stehen in seiner geräumigen Werkstatt einige japanische Supersportler, eine Geländemaschine von KTM und gleich drei Suzuki 1100 GSX aus den 1980ern. Die Kumpels aus Mofazeiten haben die Gruppe 'alte 11er' gegründet. Gemeinsam heizen sie auf ihren Kisten durchs Allgäu. Schnell fahren, das ist sein Leben. 'Bei mir muss es ziemlich zügig vorangehen.' Am Rasenmäher hat er die Begrenzung vom Gaszug entfernt, 'damit der Motor höher dreht und dadurch schneller mäht'. Die neueren Traktoren sind Chip-getunt. Am älteren, einem IHC 1455, hat er einen Ladeluftkühler, einen größeren Turbolader und eine andere Einspritzpumpe eingebaut. 'Das ist eine echt emotionale Maschine.'

Die über 200 PS hört man dem Motor an, er röhrt wie eine Rennmaschine. 2007 verkaufte Schwarz seine Kühe, gab die Milchwirtschaft auf und baute eine Biogasanlage. 'Biogas und Stunt harmonieren besser als Kühe und Stunt.' Die Anlage betreibt er mit Gras und Mais. Schwarz ist verheiratet, hat zwei Kinder. Sein Sohn ist 15 und hilft fleißig bei der Ernte mit. Nach den Kühen dachte er daran, die Landwirtschaft ganz aufzugeben.

Dass er es nicht gemacht und sich für die Biogasanlage entschieden hat, verdankt er dem Stunt­fahren. 'Es hat mein Leben komplett ver­ändert. Ich bin weltoffener, mutiger geworden.' Jetzt produziert er Strom statt Milch. Als Bauernbub waren seine Chancen regional eng begrenzt. Sein anderer Beruf hat ihm die halbe Welt gezeigt. 'Ich bin in ganz Europa herumgekommen, war in Asien und Afrika, habe dort andere Kulturen und interessante Leute kennengelernt und meinen Horizont deutlich erweitert.'