Berufsausbildung in Baden-Württemberg Corona verschärft Mangel an Azubis

Mechatroniker ist bei jungen Männern ein gefragter Ausbildungsberuf –  etwa in der E-Bike-Branche. Foto: dpa/Nicolas Armer
Mechatroniker ist bei jungen Männern ein gefragter Ausbildungsberuf – etwa in der E-Bike-Branche. Foto: dpa/Nicolas Armer

Es gibt noch Ausbildungsplätze im Südwesten. Corona hat auch in diesem Jahr dazu beigetragen, dass die Industrie- und Handelskammern weniger Verträge abgeschlossen haben. Das Handwerk kann sich dagegen über ein leichtes Plus freuen.

Wirtschaft: Inge Nowak (ino)
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Stuttgart - Jugendliche, die noch kurzfristig eine Ausbildungsstelle für dieses Jahr suchen, haben gute Chancen. Mehr als 10 000 freie Ausbildungsstellen in Baden-Württemberg – und damit mehr als im vergangenen Jahr – sind der Bundesagentur für Arbeit derzeit gemeldet. „Wir müssen deutlich machen, wie interessant und vielfältig die Ausbildungsberufe sind“, wirbt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Azubi-Plätze gibt es vor allem noch in den Bereichen Einzelhandel, Gastronomie und Bürokaufleute. Am Montag hat sich die CDU-Politikerin mit Vertretern der Wirtschaft, der Bundesagentur für Arbeit und der Gewerkschaft zum Spitzengespräch zum Thema Ausbildung getroffen.

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Die Ausbildungszahlen können die Beteiligten nicht zufriedenstellen. Auch in diesem Jahr – Start der Ausbildung war am 1. September – konnten viele Unternehmen ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen. Schlimmer noch: Die Zahl der Ausbildungsstellen und die Bewerberzahlen driften weiter auseinander. So wurden insgesamt 73 268 Ausbildungsstellen gemeldet, das waren 5,7 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber sank allerdings deutlich stärker um 12,5 Prozent auf 52 296. Wie schon im vergangenen Jahr dürfte auch 2021 das Handwerk zufriedener mit der Entwicklung sein als die Industrie- und Handelskammern.

Unversorgt geblieben sind 1118 Bewerber

Denn bei Berufen der Industrie- und Handelskammern (IHK) wurden in diesem Jahr 3,9 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen; im Handwerk dagegen ist die Zahl der Neuverträge leicht um 0,4 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr haben sowohl die IHKs als auch das Handwerk teils deutlich weniger Auszubildende anlocken können. Zum 30. September 2021 suchten noch 7646 Jugendliche und junge Erwachsene einen Ausbildungsplatz. Unversorgt geblieben sind 1118 Personen, 11,6 Prozent weniger als im Vorjahr.

„Die Ausbildungsbereitschaft der jungen Menschen ist nicht plötzlich eingebrochen, aber ihr Eintritt in eine duale Ausbildung verzögert sich“, beurteilt Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Südwesten im zweiten Coronajahr.

Die Praktika fehlen

Sandra Boser, Staatssekretärin des Kultusministeriums, weist darauf hin, dass die berufliche Orientierung der Jugendlichen durch Corona „eine Delle“ bekommen habe. Man habe zwar digitale Angebote bereitgestellt, „doch die Erfahrung, die man durch das Handanlegen vor Ort macht, können sie nicht ersetzen“, sagt Boser mit Blick auf ausgefallene Praktika. Aber offensichtlich gibt es Gespräche, um dieses Manko auszubügelen. Hoffmeister-Kraut sprach davon, dass man derzeit „neue Formate“ erarbeite, die vom Frühsommer an, wenn die Infektionszahlen vermutlich wieder sinken, angeboten werden könnten.

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Auch die Mobilität von Auszubildenden muss weiter gestärkt werden, fordert Rainer Reichhold, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT). Er verwies auf die Aussagen im Koalitionsvertrag von Baden-Württemberg, wonach es eine „schnelle und flächendeckende Einführung eines landesweiten Azubi-Tickets und die Schaffung kostengünstigen Wohnraums für Auszubildende“ geben solle. Nun müssten „zügig Taten folgen“, so Reichhold.

Der Fachkräftemangel ist programmiert

Sehr bedenklich ist nach Ansicht von Julia Friedrich, Bezirksgeschäftsführerin DGB Baden-Württemberg, die Entwicklung. Zur Wahrheit gehöre aber auch, sagt sie, dass insbesondere in Bereichen wie der Metall- und Elektrobranche zuletzt massiv Ausbildungsplätze abgebaut wurden. „Der Fachkräftemangel von morgen ist damit hausgemacht und programmiert“, so Friedrich. Um den jungen Menschen eine Perspektive zu bieten und den Fachkräftebedarf zu decken, müssten jetzt die Weichen gestellt werden, „allen Interessierten einen Ausbildungsplatz zu garantieren“. Mit Verweis auf die unbesetzten Ausbildungsplätze sieht Hoffmeister-Kraut derzeit keinen Grund für eine Ausbildungsplatzgarantie.

Angesichts der erwarteten künftigen Azubi-Zahl und des hohen Fachkräftebedarfs fordert Rauch derweil die Unternehmen auf, ihre Bereitschaft zur Ausbildung beizubehalten. Und die Jugendlichen sollten handeln. Rauch: „Es lohnt sich nicht, die Berufswahl vor sich herzuschieben, auch wenn die Entscheidung durch Corona objektiv schwieriger geworden ist.“

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