Dass das Fleischerhandwerk nicht zu den gefragten Berufszielen der jungen Menschen zählt, erfährt Alexander Kurz von der Schorndorfer Großmetzgerei Kurz fast jeden Tag. Fünf Auszubildende hat das 100-köpfige Team – fünf weitere Azubis sucht die Inhaberfamilie auf Berufsmessen oder in den sozialen Medien vergeblich. Die Folge: „Weil wir unseren langfristigen Bedarf nicht mit eigenen Fachkräften decken können, müssen wir viel improvisieren, aber auch Menschen durch Maschinen ersetzen – was bei in unserer Größe schwierig ist, weil wir noch sehr handwerklich geprägt sind.“
An den Lehrlingsgehältern kann es kaum liegen
Vielfach, meint er, stecke das Elternhaus hinter der Abneigung der Kinder gegen diesen Beruf, weil es in diesen lieber Akademiker sähe. „Das hören wir auch auf der einen oder anderen Messe: Ins Handwerk zu gehen, macht keinen Sinn – da verdient man kein Geld.“ An den Ausbildungsgehältern, so meint der Sohn des Geschäftsführers, könne es aber nicht liegen: Laut Tarifvertrag des Fleischerhandwerks würden im ersten Lehrjahr 920 Euro, im zweiten 1050 Euro und im dritten 1225 Euro gezahlt – das habe sich zuletzt „stark entwickelt“. Und: „Wir legen noch etwas drauf.“ Auch die Arbeitszeiten sieht er nicht als großes Problem an: Sie beginnen normalerweise zwischen vier und fünf Uhr am Morgen und enden zwischen 14 und 15 Uhr. Das sei doch „eigentlich attraktiv an der einen oder anderen Stelle“, meint er.
Vielmehr sei es schon über längere Zeit schwieriger geworden, junge Menschen anzulocken. Viele wünschten sich heute eher eine Viertagewoche bei gleichem Lohn und mehr Work-Life-Balance. „Viele vergessen, dass wir unseren Wohlstand erarbeitet und nicht mit Freizeit erwirtschaftet haben.“
Insofern zeigt auch der Datenreport 2023, den das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) ergänzend zum aktuellen Berufsbildungsbericht der Bundesregierung vorgelegt hat, ein sehr zwiespältiges Bild: „Positive Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auf ein massives Fachkräfteproblem zusteuern“, betonte BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. „Deshalb ist es unerlässlich, mehr Jugendliche für die duale Berufsbildung zu gewinnen, die durch ein höheres Maß an Flexibilität und Exzellenz attraktiver werden muss.“ Dafür brauche es mehr gesellschaftlichen Respekt der Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung sowie durchgängige Qualifizierungswege von der Ausbildung bis in die Selbstständigkeit.
Aus Sicht der Jugendlichen hat sich die Lage zwar entspannt – umgekehrt wird es für die Betriebe immer brisanter, Ausbildungsstellen zu besetzen. Die Zahl der Menschen in dualer Berufsausbildung ging im Vergleich zu 2021 um 5300 (minus 1,0 Prozent) auf 535 500 zurück. Gegenüber 2019 wird ein Rückgang um 63 200 (minus 10,6) verzeichnet. Damit erreichte die Nachfrage einen neuen Tiefststand seit 1992, als erstmals Daten für das wiedervereinigte Deutschland vorlagen.
Leichter Aufwärtstrend beim Ausbildungsangebot
Das Ausbildungsangebot entwickelte sich nach Rückgängen im ersten Jahr der Pandemie zum zweiten Mal in Folge positiv auf 544 000 Angebote (plus 1,4 Prozent zu 2021). Auch hier ist der Vor-Corona-Wert von 2019 jedoch noch nicht wieder erreicht.
Die Zahl der gemeldeten unbesetzten Berufsausbildungsstellen weist mit 68 900 einen neuen Negativ-Rekord aus (plus 9,0 Prozent zu 2021 und plus 29,6 Prozent zu 2019). Sie lag damit erstmals höher als die Zahl der Bewerber, die noch eine Ausbildungsstelle suchten (60 400). Stichtag ist jeweils der 30. September 2022. Noch heikler als bei der Metzgerei Kurz stellt sich die Ausbildungslage beim Göppinger Metallverarbeitungsunternehmen Klug Laser da: Der 80-köpfige Betrieb hat wiederholt gar keine Lehrlinge zu bieten, würde aber gerne sechs junge Menschen, also zwei pro Jahrgang, ausbilden. Gleich nebenan hat Klement Metallbau seinen Sitz, und auch Allgaier ist nicht weit – „die greifen die guten Bewerber ab“, sagt der Ausbildungsleiter Claudio Luisi. Seine Firma bekäme vielleicht diejenigen, die schon einige Absagen erhalten hätten, beschreibt er das „Gefälle“. Und wenn mal ein geeigneter Kandidat gefunden sei, springe dieser bald wieder ab, weil ihm noch was anderes geboten werde. Und um ständig in Schulen zu werben, dazu „sind die Ressourcen bei uns ein bisschen begrenzt“.
Nicht selten mangelt es an realistischen Vorstellungen der Bewerber, die sich vorab zu wenig über die Arbeitsabläufe für Konstruktionsmechaniker informieren. Dabei habe der Betrieb das formale Anforderungsniveau schon abgesenkt: „Inzwischen guckt man schon gar nicht mehr auf die Noten.“ Aber wenn junge Menschen noch nie im Leben eine Schraubzwinge in der Hand gehabt hätten, werde es beschwerlich für sie.
In der Folge des Nachwuchsmangels sei nur noch ein halbes Dutzend qualifizierter Konstruktionsmechaniker übrig – was es immer schwieriger mache, an Aufträge für Schlosserarbeiten zu kommen, die von großen Firmen ausgelagert werden. Mit Hilfsarbeitern sei dies nicht zu stemmen. „Und auf lange Sicht wollen wir uns eigentlich bessere Mitarbeiter heranziehen“, sagt Luisi.
Immer mehr Ungelernte ohne Berufsabschluss
Abschluss
Der Anteil junger Erwachsener von 20 bis 34 Jahren ohne Berufsabschluss ist von 15,5 Prozent im Jahr 2020 (2,33 Millionen) auf 17,8 Prozent im Jahr 2021 (2,64 Millionen) gestiegen – womit erstmals die 2,5 Millionen überschritten wurden. Bei den 20- bis 29-Jährigen sind es 1,58 Millionen.
Gründe
Ursachen könnten die schwächere Ausbildung in der Pandemie und ein unzureichendes Hilfsangebot beim Übergang zwischen Schule und Beruf sein.