Ohne Sprachkurse und Alphabetisierungsmaßnahmen sind viele Flüchtlinge nicht auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Firmen fordern bessere Rahmenbedingungen – etwa die Garantie, dass Lehrlinge nach der Ausbildung in Deutschland bleiben dürfen.

Stuttgart - Der deutschen Wirtschaft fehlen Fachkräfte, während immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Kann die Zuwanderung das Problem lösen? Doch welche Chancen haben Flüchtlinge tatsächlich auf dem deutschen Arbeitsmarkt? Da sind Praktika – wenn überhaupt – eher die Regel, Festanstellungen die Ausnahme. Selbst bei einer Ausbildung überlegen Firmen, ob sich die Investition in einen Menschen lohnt, der eventuell nur für die Dauer der Ausbildung bleiben kann. Hinzu kommen Sprachbarrieren, Fragen der Unterbringung und eventuell die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung – gerade für Menschen, die vom Krieg traumatisiert sind.

 

Mit den Integrationskursen baut der Staat wichtige Sprachbarrieren ab. Allerdings reicht das bestehende Angebot nicht aus. Die rechtlichen Hürden, die lange den Zugang von Migranten zum deutschen Arbeitsmarkt erschwerten, sind dagegen schon deutlich geringer geworden. So hat die Bundesregierung das Arbeitsverbot für Asylbewerber seit November 2014 auf drei Monate reduziert. Entsprechend gibt es bereits Firmen, die Flüchtlinge einstellen. Der Werkzeugmaschinenbauer Trumpf hat Syrer und Iraker mit Arbeitserlaubnis angestellt. In Kooperation mit der Stadt Ditzingen bietet Trumpf diesen Mitarbeitern auch Deutschkurse an. Der Autobauer Daimler ist ebenfalls bestrebt, Flüchtlinge eine Chance zu geben. In den Werken in Neu-Ulm, Untertürkheim, Sindelfingen und Bremen werden Flüchtlinge ausgebildet. Zudem unterstützt Daimler auch die Stadt Stuttgart finanziell bei der Flüchtlingsarbeit.

Der Autohersteller Audi AG stellt seinen Mitarbeitern eine Million Euro für Flüchtlingshilfsprojekte zur Verfügung. Ab sofort könnten Mitarbeiter über die Initiative „Audi Ehrensache“ Projekte melden, die sie vor Ort in Kooperation mit gemeinnützigen Hilfsorganisationen umsetzen wollen, teilte das Unternehmen mit. Der Autozulieferer Continental plant, bestehende Förderprogramme für Flüchtlinge zu öffnen. Junge Menschen sollen etwa während eines bezahlten Praktikums ihren Schulabschluss nachholen und anschließend eine Ausbildung machen können. Noch müssen rechtliche Voraussetzungen dafür mit der Arbeitsagentur geklärt werden.

Einige Flüchtlinge sind Analphabeten

Trotz solcher Beispiele bleibt der Handlungsbedarf hoch. Nicht alle Flüchtlinge kommen als qualifizierte Fachkräfte. Einige sind auch in ihrer Muttersprache nicht des Schreibens oder Lesens mächtig. So belegten im Jahr 2013 etwa 16,2 Prozent der Teilnehmer der Integrationskurse einen Kurs mit dem Schwerpunkt Alphabetisierung. Dass die Politik dieses Problem erkannt hat und nun Menschen mit Lese- und Schreibschwächen gezielt fördern will, zeigt sich an der Alphabetisierungskampagne, die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka gestartet hat. Diese ziele vor allem auf den Bedarf von Flüchtlingen ab, so glaubt man in der Wirtschaft sicher, denn der Alphabetisierungsgrad in Deutschland liegt bei nahezu 100 Prozent. Auch das Bundesarbeitsministerium hat diverse Programme, welche die Chancen von Migranten verbessern sollen. „Integration durch Qualifizierung“ zielt beispielsweise darauf ab, Menschen, die im Ausland Berufsabschlüsse erworben haben, zu helfen, in Deutschland eine Beschäftigung finden, die ihren Qualifikationen entspricht.

Noch ist für viele Unternehmen schwierig abzuschätzen, welches Potenzial die derzeit ankommenden Flüchtlinge haben. Das liegt auch daran, dass fachliche Qualifikationen nicht immer erfasst werden. Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg will nun in Sigmaringen ein Pilotprojekt starten, um sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Sechs Flüchtlinge erhalten im dortigen Ausbildungszentrum die Chance, am Unterricht der Maurer und Stahlbetonbauer teilzunehmen. Sie erhalten einen Einblick in den deutschen Arbeitsalltag und die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen. Ziel ist, diesen Menschen Ausbildungsplätze zu vermitteln. Der Bedarf der Branche an Arbeitskräften ist groß. Allein in den nächsten acht Jahren gehen 80 000 Fachkräfte in den Ruhestand.

Dennoch muss jeder einzelne Betrieb wirtschaftlich abwägen, ob er einem Flüchtlinge eine Chance gibt. Viele Unternehmen sagen, sie würden das tun, wenn die Politik das sogenannte Drei-plus-zwei-Modell umsetze. Das heißt, dass Menschen mit einem Ausbildungsvertrag nicht nur für deren dreijährige Dauer bleiben dürfen, sondern mindestens zwei Jahre länger. Damit würde sich die Investition in die Ausbildung für die Firmen rechnen.