Die Zurückhaltung der Unternehmen, neues Personal einzustellen, trifft vor allem die Berufseinsteiger. Foto: epd/dpa
Milan Walz sucht monatelang einen Job. Der 28-Jährige aus dem Kreis Ludwigsburg hat erlebt, was viele derzeit bemerken: Der Arbeitsmarkt ist schwierig. Auch mit einem guten Abschluss.
Milan Walz, der eigentlich anders heißt, wäre nach der Abgabe seiner Masterarbeit gerne in den Urlaub gefahren. Eine Belohnung für die monatelange Arbeit, eine Pause vor dem nächsten Lebensabschnitt. Aber er hatte sich eine Regel aufgestellt: Reisen ist erst drin, wenn ein Arbeitsvertrag unterschrieben ist. Damals ahnte er noch nicht, dass er fast ein Jahr lang keinen Job finden würde.
Milan Walz kommt aus dem Landkreis Ludwigsburg. Genauer soll es nicht werden, eine lange Jobsuche ist keine Info, mit der er in der Zeitung stehen möchte. Der 28-Jährige hat einen Bachelor- und Masterabschluss in Wirtschaftsingenieurwesen. Abschlussnote: 1,3. „Die Professoren haben uns immer gesagt, wir müssen uns keine Sorgen machen, einen Job zu finden, bei dem man gut Geld bekommt“, sagt er.
Junge Akademiker besonders betroffen
Ein Blick in die Statistik bestätigt den Eindruck, dass es Berufseinsteiger gerade besonders schwer haben. 301 Menschen aus dem Landkreis Ludwigsburg unter 30 Jahren und mit einem akademischen Abschluss waren im September 2025 arbeitslos gemeldet. Das sind 36 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Vergleicht man die Zahl mit der allgemeinen Arbeitslosenzahl, wird klar: Junge Akademiker sind überdurchschnittlich betroffen.
Als Student arbeitete Milan Walz bei einem großen Automobilhersteller. Sein Ziel war es, danach einen unbefristeten Vertrag bei einer Zeitarbeitsfirma zu bekommen. „So kann man Erfahrung bei verschiedenen Konzernen sammeln“, sagt Walz. Bei dem Modell der Arbeitnehmerüberlassung stellt ein Personaldienstleister eine Arbeitskraft ein und „verleiht“ sie gegen Entgelt an ein Kundenunternehmen, beispielsweise Mercedes oder Bosch.
Ursprünglich als kurzfristige Lösung für Auftragsspitzen gedacht, ist es heute fester Bestandteil in der deutschen Industrie. Seit 2017 hat die Branche rund ein Drittel ihrer Zeitarbeitskräfte verloren – unter anderem infolge wirtschaftlicher Stagnation und steigender Arbeitskosten. „Als ich fertig war mit dem Studium, war der Arbeitsmarkt in der Region überschwemmt“, sagt Walz.
Dabei ist es längst nicht nur ein Problem in der bekanntlich schwächelnden Autoindustrie. Auch in anderen Branchen berichten junge Menschen mit Hochschulabschluss von einer zermürbenden Stellensuche. Die Frage: Wie passt der häufig skandierte Fachkräftemangel damit zusammen?
„Unser Arbeitsmarkt ist zweigeteilt“, sagt der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Ludwigsburg, Martin Scheel. „Während das verarbeitende Gewerbe gerade in einem Ausmaß Stellen abbaut, wie wir es lange oder noch nie hatten, gibt es auch Bereiche, die Stellen aufbauen. Beispielsweise im Gesundheitsbereich, in der Pflege oder im Handwerk.“
Martin Scheel, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, rät bei der Jobsuche unter anderem zu Flexibilität und Optimismus. Foto: Benjamin Stollenberg
Anfangs habe sich Milan Walz keine Gedanken gemacht und darauf vertraut, dass sich die Situation wieder ändere. Doch mit der Zeit stieg der Druck. Walz beschreibt sich als Generalist, durch sein Studium sei er breit aufgestellt. Ein Umstand, der ihm anfangs in die Quere kam, sich aber schlussendlich zum Vorteil entwickelte. „Ich habe mich schnell von der Branche entkoppelt“, sagt er.
Obwohl er in seiner Heimat bleiben möchte, fing er an, bundesweit und europaweit nach Stellen zu suchen. Und er verabschiedet sich von seiner Gehaltsvorstellung. „Das ist für viele Branchen einfach unrealistisch, was im Automobilbereich gezahlt wird.“
Warten zehrt psychisch an den Nerven
Was psychisch an ihm zehrte, ist das Warten. Viele Bewerbungsprozesse ziehen sich über Monate hin. Wenn die Bewerbungsunterlagen abgeschickt sind oder das Bewerbungsgespräch beendet ist, „hängt man in der Schwebe und kann nichts tun“, sagt der Ingenieur. Währenddessen versuchte er, so wenig Geld wie möglich auszugeben. Auf Ausflüge mit Freunden verzichtete er, genauso wie auf Abende in Restaurants, Bars und Clubs.
Martin Scheel von der Agentur für Arbeit sieht, wie gehemmt die Unternehmen bei Neueinstellungen sind – und was das mit Berufseinsteigern macht. „Das ist schon tragisch, wenn man jetzt als gut qualifizierte Fachkraft durchstarten möchte und in so eine wirtschaftlich angespannte Situation gerät.“ Gleichzeitig versucht er zu beruhigen: Wenn man eine gute Ausbildung habe, finde man auch in der Umbruchphase eine Beschäftigung – es dauere nur länger. „Wir haben seit drei Jahren eine wirtschaftlich schwierige Situation, aber die wird vorübergehen“, sagt er. Wenn die Babyboomer in Rente gehen, gebe es perspektivisch wieder einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften.
Milan Walz hat nach nach elf Monaten einen Job gefunden. Fahrzeit: 45 bis 60 Minuten mit dem Auto. „Andere würden wegziehen, aber ich bin stark verwurzelt zu Hause“, sagt er. Anderen Jobsuchenden gibt er den Tipp, sich bewusst zu überlegen, was man kann, um die Stärken im Bewerbungsgespräch herausstellen zu können.
„Auch mal unkonventionelle Wege gehen und häufiger beim Unternehmen anrufen“, ergänzt er. Und bei all den Erwartungen, die man herunterschraubt, zwei bis drei Ansprüche behalten. Martin Scheel ergänzt: Optimismus, Flexibilität, „sich über Zukunftsbranchen informieren und Unterstützung suchen, insbesondere bei den Beratungsfachkräften der Agentur für Arbeit.“