Berufsorientierung mal anders: „Wir haben uns entschlossen, die Berufsorientierung neu zu denken“, so Nicole Sattler, Rektorin der Berkenschule. Der veränderte Ansatz: Ab der achten Klasse sollen die Werkrealschülerinnen und -schüler durch direkte Kooperationen mit Betrieben verstärkte Einblicke in die Berufswelt bekommen.
Nachdem die Initiative in diesem Schuljahr gestartet ist, zogen Kollegiumsmitglieder, Verantwortliche aus Betrieben sowie teilnehmende Schülerinnen und Schüler am Donnerstagabend bei einem Erfahrungsaustausch eine erste positive Zwischenbilanz. Für dieses Engagement, das über die in den Bildungsplänen geforderten Standards hinausgeht, wird die Berkenschule in dieser Woche mit „BoriS“, dem Berufswahl-Siegel Baden-Württemberg, ausgezeichnet.
Viele Lehrberufe sind schlicht nicht bekannt
Die Überarbeitung des Konzepts, das Lehrerin Marina Iakovou, die seit 2022 für die Berufsorientierung an der Berkenschule verantwortet, maßgeblich vorangetrieben hat, sei auf Basis einer Problemanalyse erfolgt, erläuterte Konrektor Marko Wernert. Die Ausgangsfrage: Warum wird es immer schwieriger, junge Absolventen der Werkrealschule in Ausbildungen zu bringen, obwohl es gleichzeitig immer weniger Auszubildende gibt?
Ein Faktor, so haben die Lehrerinnen und Lehrer beobachtet, ist die fehlende Bekanntheit vieler Lehrberufe: Friseur, Kosmetikerin und Kfz-Mechatroniker – das seien die klassischen Antworten ihrer Schülerinnen und Schüler auf die Frage, welchen Beruf sie nach dem Schulabschluss ergreifen möchten, berichtete Marko Wernert. Dadurch wüssten die jungen Leute auch nicht, für was sie eventuell Talent mitbringen würden. Hinzu käme, dass die Schülerinnen und Schüler „oft nicht mit guten Zeugnisnoten“ bei Bewerbungen auffallen, ergänzte Nicole Sattler. So würden diese im Auswahlranking der Betriebe häufig eher weiter unten landen.
Der Lösungsweg, den die Berkenschule für sich erschlossen hat, lautet: weniger Theorie in der Schule, dafür mehr Praxis in den Betrieben, um eine große Bandbreite an Berufsbildern kennenzulernen. Gleichzeitig sollen auf diese Weise Firmeninhaber und Ausbildungsverantwortliche möglichst früh mit potenziellen Auszubildenden zusammenzusammenkommen, unter anderem, damit die Schülerinnen und Schüler im direkten Kontakt mit den in der Schule vermittelten sozialen Kompetenzen punkten können. Ein Beispiel dafür sind die mehr als zehn Schülerinnen, die sich in der von Miriam Steinhilber geleiteten Schulsanitäts-AG engagieren. Diese bekamen im Rahmen des Meinungsaustauschs von Nicole Sattler eine Urkunde für ihr Engagement überreicht.
Mit mehr als 15 Unternehmen aus Holzgerlingen und Böblingen hat die Berkenschule eine Kooperation vereinbart, um im Rahmen von Betriebsbesichtigungen. Workshops und Projekten praktische Einblicke zu bekommen. Für diese Form der Berufsorientierung ist der Dienstagnachmittag für Acht-, Neunt- und Zehntklässler fest geblockt. Kita- oder Pflegefachkraft, Landschaftsgärtner, Kfz-Mechatroniker, Bau- oder Landmaschinenmechaniker, Bäcker, Konditor, Anlagen- oder Industriemechaniker, Schreiner, Raumausstatter, Maler und Drogist – die Liste der Berufsbilder, die die Berkenschüler im vergangenen Schuljahr durch Unternehmen kennenlernen konnten, ist lang. Ergänzende Besuche bei der Industrie- und Handelskammer, um Einblicke in weitere Berufe zu bekommen, und Bildungstrucks, die an der Schule vorfuhren, komplettierten das Programm.
Firmenchefs äußern sich lebend über die Schüler
„Überaus lobenswert, dass die Praxis in den Vordergrund gerückt wird“, findet Edeltraud Stribick, bei der im Heizungsbaubetrieb ihres Mannes Klaus die Fäden in Büro zusammenlaufen. Die Jugendlichen kennenzulernen und ihnen gleichzeitig zu ermöglichen, vor Ort in den Betrieben in mehrfacher Hinsicht Dinge zu begreifen, erachtet sie als positiv. Jakob Berner von Berner Raum und Farbe, der Schülergruppen die Berufsbilder Raumausstatter, Maler und Lackierer nähergebracht hatte, freute sich, dass Interesse an den Berufen bekundet wurde. „Sie sind motiviert, begabt und haben Lust“, so war sein Eindruck, den er von den Jugendlichen gewonnen hat. „Wir fanden es sehr interessant“, meinten auch Tamara und Mia. Die 13-jährigen Achtklässlerinnen haben zwar beide einen konkreten Berufswunsch, aber falls es damit nichts wird, hätten sie beide durch die Berufsorientierung einen „Plan B“.