Elisabeth Stiller (links) und Maria Wehrle machen eine Ausbildung zur Instrumentenbauerin. Das geschlossene Wohnheim stellt nicht nur sie vor große Herausforderungen. Foto: Werner Kuhnle
Die Oscar-Walcker-Schule besuchen Auszubildende aus ganz Deutschland. Während der Unterrichtsphasen benötigen sie in Ludwigsburg eine Unterkunft. Das ist zum echten Problem geworden.
Kathrin Klette
10.12.2025 - 09:05 Uhr
Das hatte sich Elisabeth Stiller anders vorgestellt. Nachdem die junge Frau aus Zwickau einen Ausbildungsplatz zur Orgelbauerin bekommen hat, meldet sie sich an der Berufsschule am Römerhügel in Ludwigsburg an. Doch die Sache hat einen Haken: Das Wohnheim der Oscar-Walcker-Schule existiert nicht mehr, die Schülerinnen und Schüler müssen sich nach eigenen Unterkünften umschauen. Das ist aufwendig und sehr kostspielig – und bedeutete für einzelne schon den Abschied von ihrem Berufswunsch. Denn die Walcker-Schule ist die einzige deutschlandweit, die eine Ausbildung in Orgel- und Klavierbau anbietet.
Die 20-jährige Stiller konnte zunächst aufatmen. Obwohl sie erst recht kurzfristig von der Situation erfahren hatte, fand sie noch rechtzeitig einen Platz in einer Wohngemeinschaft. Andere haben weniger Glück: „Ich kenne drei Leute, die teilen sich ein 17-Quadratmeter-Zimmer und zahlen trotzdem 500 Euro pro Person. Und im Sommer haben schon welche im Wohnwagen übernachtet.“ Und bald geht die Suche von Neuem los, wenn der nächste Unterrichtsblock ansteht.
Eine Situation, die sich die Schulleiterin Sabine Haveneth bis vor wenigen Jahren nicht hätte träumen lassen: Über Jahrzehnte hinweg betrieb der Internationale Bund Asperg als freier Träger das Wohnheim für die Berufsschule, in einem angemieteten Gebäude in Ludwigsburg-Eglosheim. Brandschutz und weitere Mängel machten eine Sanierung notwendig. „Bis 2022 waren wir noch fest davon ausgegangen, dass die Sanierung kommt“, erzählt Haveneth. Doch dann hieß es plötzlich: Der Investor ist abgesprungen, das Wohnheim muss schließen – bereits zum Ende des nächsten Schuljahrs.
Die Schulleiterin Sabine Haveneth ringt um Lösungen Foto: Werner Kuhnle
„Seither habe ich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um eine Lösung zu finden“, sagt sie. „Aber man hat das Gefühl, man läuft gegen eine Wand. Es ist einfach niemand zuständig.“ Weder der Landkreis noch Land oder Bund. Auch kein Förderprogramm greift in diesem speziellen Fall. Aus Sicht der Schulleiterin ein Unding: „Das duale System ist in Deutschland fest verankert, also muss es doch klare Zuständigkeiten hierfür geben.“
Die Crux: Musikinstrumentenbau ist eine sehr seltene Ausbildung und zudem immer dual. Der Besuch einer Berufsschule ist also zwingend notwendig. „Für Klavier- und Orgelbau sind wir sogar Bundesfachschule“, erklärt Haveneth. „Das heißt, wer das machen möchte, muss zu uns kommen, es gibt keine andere Möglichkeit.“ Für die Fachbereiche Holz- und Blechblasinstrumente sei man Landesfachschule mit Bundesöffnung, „davon gibt es nur drei deutschlandweit“.
Die Auszubildenden kommen pro Halbjahr jeweils für sechs Wochen zu Unterrichtsblöcken nach Ludwigsburg – bei einer Ausbildung über drei Jahre also sechsmal. Sie sind darauf angewiesen, in dieser Zeit irgendwo unterzukommen.
Einzelne mussten ihren Traum aufgeben
„Daran hängt also nicht nur ein persönlicher Berufswunsch, sondern die Frage, ob es diese Berufe in Zukunft noch geben wird“, betont Sabine Haveneth. Bisher seien ihr zwar nur Einzelfälle bekannt, „aber wir hatten durchaus schon junge Leute, die sich aus diesem Grund gegen die Ausbildung entschieden haben“. Denn für die Dauer von lediglich sechs Wochen eine bezahlbare Unterkunft in der Umgebung zu finden, ist eine Herkulesaufgabe.
Private Wohnungen speziell für Berufsschüler sind schnell vergeben, Wohngemeinschaften sind wegen des kurzen Aufenthalts selten eine Option. „Im Prinzip muss man am Ende seines Blocks schon nach Wohnungen für den nächsten suchen, und selbst dann braucht man richtig Glück“, sagt Elisabeth Stiller, die mittlerweile im zweiten Ausbildungsjahr ist.
Immerhin: Das Kolpinghaus in Stuttgart steht jedem zur Verfügung. „Aber das ist extrem teuer, man zahlt 60 Euro pro Nacht“, bemängelt Stillers Mitschülerin Maria Wehrle. Die Hobbyklarinettistin macht derzeit eine Ausbildung zur Holzblasinstrumentenbauerin in Freiburg. „Man kann auf AirBnB zurückgreifen, aber auch das kostet zum Teil 650 Euro pro Monat, und die Wohnungen sind manchmal unter aller Sau.“
Auszubildende zahlen doppelt Miete
Was die Lage so erschwert, ist, dass die meisten der Betroffenen bereits für ihren Ausbildungsplatz umziehen müssen. Schließlich sind die Ausbildungsbetriebe ebenfalls rar gesät. Sie zahlen während der Zeit in Ludwigsburg also doppelt Miete. „Es ist nicht schwer, sich auszurechnen, dass das bei einem Ausbildungsgehalt von 680 Euro nicht zu stemmen ist“, sagt Maria Wehrle. „Jedenfalls nicht, wenn man nicht vorher schon Geld verdient hat oder von zu Hause Unterstützung bekommt.“
Die Schulleiterin ist derweil mit unterschiedlichen Institutionen im Gespräch, um irgendwie eine Lösung zu erreichen, wenn schon von den Behörden keine Hilfe kommt. Nicht mehr gebrauchte Liegenschaften der Kirche seien eine Option. Ein zusätzlicher Silberstreif ist eine neu gegründete Stiftung, bei der entsprechende Spenden zusammenlaufen sollen. „Es gibt einige Schritte in die richtige Richtung“, sagt Sabine Haveneth. Der bevorstehende Weg sei allerdings weit – und der Ausgang leider noch ungewiss.