Berufsverkehr im Rems-Murr-Kreis Wenn eine Weichenstörung alles ausbremst – und die Fahrgäste stranden

Wenn die S-Bahnen nicht fahren, geraten die Pendler meist in Schwierigkeiten. Foto: Eva Schäfer

Das Wort Weichenstörung löst Adrenalin bei Bahnkunden aus – sie bedeutet oft viel Zeitverlust und Unsicherheit, wie und wann man überhaupt ans Ziel kommt. Vor Kurzem war die Linie der S2 in Schorndorf betroffen. Was steckt dahinter?

Rems-Murr: Eva Schäfer (esc)

Für Pendler wirkt der Hinweis in der VVS-App wie ein rotes Tuch: Wenn dort auf Verzögerungen durch eine Weichenstörung hingewiesen wird, kann sich das ziemlich hinziehen, bis man ans Ziel gelangt. Aufgrund von einer Weichenstörung kommt es zu Verspätungen, die sich zuweilen massiv auch auf den gesamten S-Bahn-Verkehr auswirken.

 

An einem Dienstagabend in der Hauptverkehrszeit war es vor Kurzem in der S2 wieder der Fall: Die S-Bahnen endeten in Grunbach, für die Pendler hieß es: alle aussteigen. Am Bahnhof in Grunbach herrschte Chaos an diesem Abend. Viele Taxis steuerten gleichzeitig den kleinen Bahnhof an. Natürlich ließen sich auch viele Reisende von Familienmitgliedern oder Freunden mit dem Auto abholen, dementsprechend gab es ein hektisches Ein- und Ausparken rund um das Bahnhofsareal. Ein Schüler hatte eine Stunde lang gewartet und keine Chance auf einen Platz in dem Ersatzbus bekommen. Er habe in der Zeit nur einen Bus gesehen, sagte er – und der sei so voll gewesen, dass da nichts mehr zu machen gewesen sei. Der Schüler ließ sich von seinen Eltern abholen.

S-Bahn Stuttgart im Ausnahmezustand

„Ich glaube, dass es auf der Line S2 besonders viele Weichenstörungen gibt“, meinte eine Frau, die an dem Abend in der S2 saß. Ist das wirklich so? Wie ein Bahnsprecher auf Nachfrage berichtet, sei die Anzahl der Weichenstörungen in den vergangenen Jahren konstant gewesen. Es sei keine Zunahme festzustellen, anders als viele Fahrgäste vielleicht vermuten würden. Dabei seien die Auswirkungen unterschiedlich und nicht alle so stark wie diese am Abend des 10. Dezember in Schorndorf.

Allerdings liegt die Zahl der Weichenstörungen auf einem hohen Niveau. Insgesamt gebe es im ganzen S-Bahn-Netz rund 200 Weichenstörungen im Jahr, teilt der Bahnsprecher mit. Das ist ein ähnlich hohes Niveau, wie es im Münchner S-Bahn-Netz beklagt wurde. Dort gab es von 2010 bis 2019 insgesamt 1960 Weichenstörungen. Das entspricht durchschnittlich 196 Störungen pro Jahr, berichtete die Süddeutsche Zeitung. Das war die Antwort auf eine damalige Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Markus Rinderspacher.

Rund 200 Weichenstörungen pro Jahr im S-Bahn-Netz

Weichen sorgen dafür, dass Züge eine Richtung ändern können. Das bedeute auch, dass Weichen bewegliche Teile besitzen müssen, um die Schienenführung verändern zu können, führt der Sprecher aus. Was bewegliche Elemente besitze, habe eine Anfälligkeit, gestört zu werden. Die beweglichen Teile einer Weiche müssten an der Schiene anliegen. Wenn eine Weiche eine „finale Endlage“ erreicht habe, erst dann könne das Signal auf Grün geschaltet werden und Züge fahren.

An jenem Dienstagabend sei eine Weiche gestört gewesen, die die S-Bahnen an die vorgesehenen Bahnsteige eins und 14 am Schorndorfer Bahnhof leitet. Nur an diesen Bahnsteigen dürften die S-Bahnen halten, da die anderen Bahnsteige im Schorndorfer Bahnhof zu niedrig für den Ein- und Ausstieg der S-Bahn seien. Es sei auch nicht möglich gewesen, dass die S-Bahn bis nach Weiler/Rems rollt, da dort das Wenden der Züge nicht möglich sei. Daher endeten die Bahnen in Grunbach.

Das Wenden der S-Bahn-Züge ist in Weiler/Rems nicht möglich

Wie geht es bloß weiter? Vor Kurzem sind Fahrgäste der Linie S2 am Bahnhof in Grunbach wegen einer Weichenstörung gestrandet. Foto: Eva Schäfer

„Ad hoc konnten für die vielen Fahrgäste nicht genügend Ersatzbusse organisiert werden“, räumt der Bahnsprecher ein. Eine Möglichkeit wäre gewesen, mit der S-Bahn zurück nach Waiblingen zu fahren und dann in den Regionalzug zu steigen. Der sei dann bis Schorndorf durchgefahren. „Das bedeutet aber einen großen Zeitverlust“, sagt der Bahnsprecher. Gegen 18 Uhr seien die Techniker vor Ort gewesen – das habe aber alles Zeit gebraucht, da auch dort in der Hauptverkehrszeit viel los gewesen sei.

Am Abend in Grunbach zu stranden, das kommentierte eine Frau in der S2 nur achselzuckend mit „Katastrophe“. Ein anderer Fahrgast meinte, „hoffentlich fährt die Bahn morgen wieder“. Es ist das Vertrauen in die Bahn, das verloren geht, das zeigen die Äußerungen der betroffenen Fahrgäste. „Man sollte halt früher informiert und aufgeklärt werden, woran es liegt und wie es dann für einen weitergeht“, sagte ein anderer Fahrgast. Wie der Bahnsprecher gleichzeitig deutlich machte, sei in den vergangenen Jahren einiges investiert worden – und es stehen weitere Erneuerungen an.

„Man muss dranbleiben“, sagte Regionaldirektor Jürgen Wurmthaler vor Kurzem bei einem Vor-Ort-Termin in Rommelshausen in der aufgefrischten Unterführung. Dort wurde die Modernisierung des kleinen Bahnhofs, dessen Barrierefreiheit vor einem Jahr der größte Meilenstein war, von allen Anwesenden, darunter auch Nikolaus Hebding vom Bahnhofsmanagement Stuttgart und Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch gelobt. Als letzte Details hatte unter anderem die Unterführung mehr Licht und eine Fahrrad-Rinne erhalten. Die Unterführung soll alle zwei Wochen mit dem Hochdruckreiniger aufgefrischt werden – zusätzlich zur routinemäßigen täglichen Reinigung. Außerdem wurde die Unterführung mit einem neuen Boden versehen. Zudem wurden Dächer der Treppeneinhausungen begrünt und bepflanzte Hochbeete eingerichtet. Die bewachsenen Dächer sollen Regenwasser speichern und das Abwassersystem entlasten. Im Anschluss an den barrierefreien Ausbau im Jahr 2023 hat die DB den Bahnhof 2024 noch umfassender modernisiert. Und es soll mit Modernisierungen im Rems-Murr-Kreis weitergehen. Um ein barrierefreies Ein- und Aussteigen zu ermöglichen, sollen die Bahnsteige an den Stationen Stetten-Beinstein und Grunbach erhöht werden.

Doch im Alltag wird den Pendlern nach wie vor reichlich Geduld abverlangt. Die Investitionen bringen Bauarbeiten – und damit wieder Einschränkungen mit sich.

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