Besenwirtschaften im Rems-Murr-Kreis 9 Besen im Kreis, die es in sich haben

An verschiedenen Orten im Rems-Murr-Kreis wird die Besentradition ganz besonders gepflegt Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Der älteste Besen im Rems-Murr-Kreis schenkt in Hanweiler aus. In Mannshaupten gibt es einen Brasilianer zum Probieren. Und mitten in Winnenden steht eine alte Wohnstube parat.

Gut 50 Besenwirtschaften gibt es im Rems-Murr-Kreis, die meisten im Bereich des Remstals, das sich weingebietstechnisch bis Winnenden ausstreckt. Wir haben uns in einigen Besen umgeschaut, die auf besondere Art jene Tradition aufrechterhalten, welche auf einen Erlass samt Ausschankerlaubnis für Weinbauern von Karl dem Großen im Jahr 800 zurückgeht.

 

Hanweiler Besen – der Älteste

Im Hanweiler Besen wird seit 60 Jahren ausgeschenkt. Foto: Gottfried Stoppel

Anno 1963 ist dort im Winnender Teilort zum ersten Mal ausgeschenkt worden – Wein vom vier Ar Wengert zunächst und die gesamten rustikalen Schmankerl aus eigener Hausschlachtung und heimischem Backofen. Mit einem Feuerwehrausflug hat einst die Besentradition in Hanweiler begonnen. In der ältesten noch bestehenden Besenwirtschaft im Bereich Remstal ist die Familie Lorenz stolz drauf, im gemütlichen Stubenambiente die Tradition auch nach 60 Jahren aufrechtzuerhalten – mit hausgemachten Produkten. Der aktuelle Herbstbesen im Hanweiler Besen ist bereits geschlossen.

Thön Mannshaupten – der Exotische

Jochen (links) und Lauro Thön bauen die brasilianische Sorte Foto: Eva Herschmann

Aus der ehemaligen Bauernstube in Mannshaupten, in der der Vorbesitzer Wein, Bier und Vesper kredenzte, haben die Thöns einen urigen Besen gemacht. Die rustikalen Tische aus Eichenholz hat Lauro Thön selbst geschreinert. Dieses Handwerk hat er sich in Brasilien angeeignet. Drinnen – und im Sommer auch im Garten – bewirten Lauro und Jochen Thön ganzjährig an jedem Wochenende von Freitag bis Sonntag ihre Gäste. Und die bekommen neben hiesigen Weinen auch den Niagara-Rosé eingeschenkt. Für die brasilianische Rebsorte haben sie die An- und Ausbauerlaubnis bekommen. Der Südamerikaner überzeugt durch seine fruchtige Frische und hat längst eine große, stetig wachsende Fangemeinde. Und der in Brasilien aufgewachsene Besenwirt mit familiären Wurzeln in der Gegend fühlt sich am Rand des Schwäbischen Waldes wohl. „In Brasilien kann es auch ganz schön kalt werden“, sagt Lauro Thön.

Häfner Geradstetten – das Sündikat

Im Sündikat für Wein und Genuss von Sylvie Häfner spielt sich viel im Freien ab. Foto: Eva Herschmann

Klar, der Clou beim Weingut Häfner am Remstalradweg in Geradstetten ist das auch im Winter für manchen genussreichen Adventszauber genutzte Besengärtle. Dahinter steckt Sylvie Häfner. Württembergs Winzerin des Jahres 2019 und 2020 hat das Weingut anno 2014 von Vater Wolfgang übernommen. Im Sommer bewirtet sie mit ihrem Team im Besagärtle, umgeben von Weinreben, Apfelbäumen und Palmen. Im Winter wird in der mit viel hellem Holz eingerichteten Besakammer aufgetischt. Im „Sündikat für Wein und Genuss“ ist als Nächstes erst einmal Lagerverkauf am 11. November.

Rienth Fellbach – Viertele oder 0,1

Neben dem rustikalen Weintreff verfügt das Weingut Rienth auch über eine moderne Probierstube. Foto: Weingut Rienth/Stefan Wiemker

Die Wengertertradition im Hause Rienth im Fellbach lässt sich bis ins Jahr 1530 zurückverfolgen, der Weinbau wird inzwischen in der 14. Generation betrieben. Im Weintreff mit der vielversprechenden Adresse Im Hasentanz geht es gemütlich rustikal zu. Wintergarten und Terrassen bieten zusammen mit Hauptraum und Nebenzimmer ausreichend Platz für größere Gruppen. Geboten sind zünftige Vesper, typische Besengerichte, aber auch saisonale Schmankerl. Alle Weine werden auch im Zehnteles-Stielglas ausgeschenkt. Die nächste Besenperiode im Hasentanz startet am 8. November.

Eißele Stetten – Wengerter mit Wirt

Jochen Eißele hat die Verantwortung im Besen an den Burgstübleswirt abgegeben. Foto: Gottfried Stoppel

In der seit einigen Jahrzehnten etablierten Besenwirtschaft Eißele im Kernener Außenbereich zwischen Stetten und Rommelshausen hält seit Kurzem nicht der Wengerter das Zepter in der Hand, sondern ein Wirt. Achillefs Mantelis, Chef im Stettener Burgstüble, schmeißt den Gutsausschank im Outback mit seinem Team zusätzlich zum Restaurant am Stettener Sportplatz. „Burgstüble trifft Besen“ lautete das Motto zu Beginn der Kooperation zwischen Weingut und Gastwirtschaft. Und der gebürtige Grieche hat das Gefühl, dass er mit seinem Team hervorragend in der traditionellen schwäbischen Besenwirtschaft angekommen ist. Die Speisekarte entspricht dem, was ein Besen gemeinhin zu bieten hat. Dass die Sache mit der Kooperation zwischen Wengerter und Wirt hervorragend laufe, bestätigt auch Jochen Eißele. Die jüngste Besenperiode lief bis 28. Oktober. Als Nächstes steht am 25. und 26. November das Adventsmärktle an.

Schwegler Weinstadt – Käppelesbesen

Zu den ältesten Besen im Remstal gehört der Käppelesbesen am Ortsrand von Endersbach. Der Aussiedlerhof samt Weingut und im Parterre untergebrachter Besenstube besteht seit gut 50 Jahren und hat seinen Namen von der nahe gelegenen Kapelle. „Im November, im Januar und im März sowie im Sommer öffnen wir die Pforten unserer Besenwirtschaft“, schreibt Jörg Schwegler auf der Internetseite des Besens. Geboten wird traditionelle Besenkost. „In unserer gemütlichen Besenwirtschaft und im Sommer im Hof herrschen Weingenuss, Weinseligkeit und Weinfreude pur“, versprechen die Schweglers. Die aktuelle Besenzeit im Käppelesbesen, Weinbergstraße 82, dauert noch bis zum 26. November.

Luckert Winnenden – die Wohnstube

Hartmut (links hinten) und Anja Luckert (rechts) mit Gästen in ihrer Besenstube. Foto: Eva Herschmann

Es riecht nach Sauerkraut, Schlachtplatte und es schmeckt irgendwie nach Nostalgie. Wer die Besenwirtschaft Luckert in der Bachstraße 4 in Winnenden betritt, fühlt sich versetzt in die 1950er Jahre. Alles scheint wie früher zu sein, als zur Besenzeit die Wohnung geräumt und der neue Fasswein ausgeschenkt wurde. Der Wengerter-Stammbaum der Luckerts reicht bis ins Jahr 1611 zurück. Doch erst mit dem Jahrgang 1994 wagte die Familie den Sprung zur Selbstvermarktung und gründete das Weingut Luckert. Die Besenwirtschaft im alten Wohnhaus der Eltern von Hartmut Luckert wurde im Januar 1995 das erste Mal aufgemacht. Seitdem sitzen die Gäste zweimal im Jahr – im Januar und im November – wie früher im Wohn- und Schlafzimmer der Großeltern. Die nächste Besenzeit in den Luckertschen Stuben ist vom 10. bis zum 25. November.

Beck Stetten – uriges Original

Reinhard Beck in seiner Besenstube mit 1970er-Flair. Foto: Eva Herschmann/Eva Herschmann

Auch im Besen, den Reinhard Beck seit 1976 am Fuße der Stettener Weinberge betreibt, hat der Gast das Gefühl, dass die Zeit stehengeblieben ist. Hier hocken die Gäste wie früher üblich in einer kleinen Stube, die einmal ein Wohnzimmer war. Der Besen hängt gut sichtbar am Haus unterhalb des Friedhofs am Ortsausgang Richtung Esslingen. Ein von Hand geschriebener Zettel, von innen ans Fenster gelehnt, verkündet Besuchern, wann sie bei Reinhard Beck einkehren können. Der 70-Jährige hält es mit der Tradition. Bei ihm wird an Resopaltischen echte Besentradition gelebt. „Die Einrichtung ist noch die gleiche wie am Anfang.“ Der Besen ist ab Mitte November wieder offen.

Escher Schwaikheim – Alt und Jung

Im Travertinhaus war einst der Escherbesen in Schwaikheim untergebracht. Foto: Eva Herschmann

„Genießt den Winter in unserem gemütlichen Besen“, so steht es im Internet in der Einladung des Schwaikheimer Weinguts Escher zum Winterbesen vom 24. November bis zum 10. Dezember. Dass der Escher-Besen mit seinen rund 50 Jahren ebenfalls zu den ältesten seiner Art in der gesamten Umgebung gehört, mag man angesichts des modernen Ambiente im einstigen Stall kaum glauben. Die Anekdote zum ursprünglichen Besen: Jedes Mal wenn Opa Escher nach Stuttgart gefahren sei, um Gemüse und Obst zu verkaufen, habe er auf dem Rückweg den Anhänger mit Travertinsteinen beladen und damit das Travertinhaus gebaut, in dem viele Jahre auch der Besen untergebracht war. Im Wohnzimmer wurden kurzerhand ein paar Möbel und der Fernseher zur Seite geräumt, damit die Gäste Platz hatten.

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