Ungewöhnliche Geschäftsidee 70-jähriger Böblinger betreibt Touristen-Camp in Kirgisistan

„Hausherr“ Jürgen Flamm Foto: Flamm/

Vor sieben Jahren war Jürgen Flamm aus Böblingen zum ersten Mal in Kirgisistan – mit dem Fahrrad. Der 70-Jährige hat dort ein Jurten-Camp für Touristen aufgebaut. Keine einfache Sache.

Am 1. April geht mal wieder der Flieger. Wie so oft bringt der Jet Jürgen Flamm nach Bischkek. Dennoch ist dieses Mal nicht alles so wie in den vielen Jahren zuvor. Der Böblinger wird die Hauptstadt Kirgisistans auf Krücken betreten. Für den 70-Jährigen kein Grund, seine Mission nicht fortzusetzen. Diese besteht aus fünf Jurten. Die Zelte, die in Zentralasien von Nomaden genutzt werden, stehen im Nordosten Kirgisistans in 2100 Metern Höhe, 350 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und warten auf Kundschaft.

 

Den Traum vom sanften Tourismus verwirklicht

Dort oben, fernab der Zivilisation, hat sich Jürgen Flamm den Traum vom sanften Tourismus verwirklicht. Im Tal, ein paar hundert Meter tiefer, hat er längst Freunde gefunden. In Griegorievka , einem 4000-Einwohner-Dorf, kennen ihn alle. Sie sprechen von „Ata“, dem „Opa“, wenn sie den einzigen Deutschen meinen, der das Örtchen zu seiner Wahlheimat erhoben hat.

2015 zum ersten Mal mit Kirgisistan Bekanntschaft gemacht

Es war im Jahr 2015 als Jürgen Flamm zum ersten Mal dort am Rande des riesigen Issyk-Kul-Sees – ein Gewässer 15 Mal so groß wie der Bodensee – vorbeikam. Damals befand sich der gelernte Schriftsetzer auf seiner Ruhestands-Reise: Böblingen – China mit dem Fahrrad. Das war der Plan, den er sich für sein Rentner-Dasein vorgenommen hatte. Die Route sah vor, auch Kirgisistan zu durchqueren, eines der weiten zentralasiatischen Steppenländer im Westen Chinas. Bei der Familie von Ruslan, einem 40-jährigen Hirten, fand der Fremde aus dem Schwabenland ein Dach über dem Kopf. Aus der Gastfreundschaft wurde echte Freundschaft und Jürgen Flamm beschloss, wieder zu kommen. Längst hat sich neben der Freundschaft auch eine Geschäftsidee entwickelt. Denn 500 Meter über Griegorievka, hoch oben in den Bergen, findet sich ein wunderschönes Hochtal: Natur pur, zauberhafter Blick auf den See. Ein perfektes Revier für Wanderer und Naturfreaks. Zusammen mit seinem kirgisischen Freund hat Jürgen Flamm beschlossen, dort ein Camp mit fünf traditionellen Nomadenzelten für Touristen zu bauen. Nicht für diejenigen, die die Komfortzone gleich mitbuchen möchten, sondern für all jene, die mit Worten wie Entschleunigung, Naturverbundenheit und W-Lan-Pause etwas anfangen können. Für Leute, die Open-Air-Küche und Plumps-Klo genauso schätzen wie Solardusche und Katzenwäsche.

2019: Erste, vielversprechende Saison für das Touristen-Camp im Bergland

Die erste Saison im Jahr 2019 begann vielversprechend: Europäer auf dem Zentralasien-Trip, einheimische Guides mit Amerikanern im Schlepptau und Backpacker aus der ganzen Welt, Menschen von der Mosel, aus Wiesbaden und Höfingen schauten bei Jürgen Flamm vorbei. Die wollten sich die Naturschönheiten dieses Zipfels Erde und das damit verbundene Stück Abenteuer auch nicht von einer vier Kilometer langen und steilen Bergpiste streitig machen lassen, die nach einem Regenguss regelmäßig unpassierbar ist.

Corona macht einen Strich durch die Rechnung

Ein Jahr später war der verheißungsvolle Auftakt auch schon wieder vorbei: Statt der Touristen kamen Corona und die Flaute auf den Berg. Ein deutscher Botschafter, der mit seiner Familie Abgeschiedenheit suchte, war so ziemlich der einzige Gast im vergangenen Jahr. Zwar kamen immer mal wieder einheimische Städter mit Ruhebedürfnis vorbei. Aber mehr als Barbecue vor der Riesenkulisse, die die Natur auftischte, war nicht. „Die Leute hier“, weiß Jürgen Flamm, „haben lange genug in Jurten gelegen.“ An schwarze Zahlen war nicht zu denken. Bei Jürgen Flamm war da bereits die Gewissheit gereift, dass sich hinter der Geschäftsidee mehr Idee als Geschäft verbirgt. „Ich hab’ meine ganze Rente dort verbraten“, sagt er. Das klingt jedoch nicht bitter. Im Gegenteil. Längst ist Jürgen Flamm Kirgisistan ans Herz gewachsen und das aufgeräumte Böblingen einen Tick zu langweilig. „Die Liebe zu den Leuten und zu dem Land“ erzählt er, lasse ihn über viele Dinge hinweg sehen, die einem Mitteleuropäer das Leben in Zentralasien bisweilen erschweren. Doch man spürt es: Korruption, Clanwirtschaft, politische Instabilität und eine Mentalität, die von großer Unbekümmertheit geprägt ist – das sind Bedingungen, die auch einen Jürgen Flamm, der mit ausgeprägtem Lockerheits-Gen ausgestattet ist, ab und an zu schaffen machen.

Das Tourismus-Projekt wächst durch „gegenseitige Lernprozesse“

Der Mann aus dem Ordnungsland Schwaben trägt’s mit Humor. „Was hat denn der Deutsche nun schon wieder“, diesen Satz, sagt Jürgen Flamm grinsend, höre er regelmäßig. Dann nimmt er zähneknirschend hin, dass seine Leute die Plastikflaschen um das Camp herum verstreuen, statt sie in die dafür vorgesehenen Säcken zu werfen, die Pferde irgendwo sind, nur nicht für den von den Gästen gebuchten Ritt zur Verfügung stehen, oder der Saisonstart im Camp verschoben wird, weil im Tal der Schafstall noch nicht ausgemistet ist. Erfahrungen, die er schon mal als „gegenseitige Lernprozesse“ deklariert und sie unter das dicke Fell packt, das sein Gemüt ihm hat wachsen lassen.

Eines Tages soll das Camp Ruslans Familie ernähren

„Es war nicht mein Herzenswunsch, meinen Lebensabend in Kirgisistan zu verbringen“, gesteht Jürgen Flamm. Mittlerweile ist das so. Zumindest über das Sommerhalbjahr. Weil da eben auch Ruslan und seine Familie sind. Drei Jahre lang sollte die schwäbische Aufbauhilfe in der kirgisischen Provinz dauern. Dann wollte Jürgen Flamm wieder in die Heimat. Die Zelte und das Auto sollten bei seinem Freund bleiben. Nun befindet sich Flamm schon geraume Zeit in der Verlängerung. Der Freund braucht „Ata“ Jürgen weiterhin, bis das Camp vielleicht einmal so viele Besucher zählt, dass es eine kirgisische Familie ernährt. „Ich halte durch“, versichert Jürgen Flamm.

Nach einem schweren Verkehrsunfall ist das Knie kaputt

Im vergangenen Herbst wäre es fast vorbei gewesen mit der Freundschaft. Als Jürgen Flamm mit einem Moped durch den Ort tuckert, nimmt ihm ein Auto die Vorfahrt. Ein 14-Jähriger am Steuer fährt den 70-Jährigen über den Haufen. Das Knie ist kaputt. Weder die Ärzte in Kirgisien noch die in Böblingen erkannten zunächst, dass der junge Mann ganze Arbeit geleistet hatte. Erst nach mehreren Untersuchungen war klar: Der Schienbeinkopf ist hin, ein neues Knie fällig. Für eine erfolgreiche Heilung war es da schon zu spät. Seither humpelt „Ata“ Jürgen mit den Krücken durch Böblingen.

Abends am Lagerfeuer: Jürgen Flamm als Geschichtenerzähler und Mundschenk

Kein Grund für den Weltenbummler, die schwäbische Komfortzone nicht wieder für ein halbes Jahr zu verlassen. Wenn der Flieger Jürgen Flamm in Kirgisistan abgesetzt hat und er das Camp mit seinen Helfern in den kommenden Wochen für die neue Saison flott macht, wird der Mann aus Deutschland jedoch nicht mehr wie bisher Holz hacken und die Weidezäune reparieren. Er muss, auf Krücken gestützt, versuchen den Überblick zu wahren und die Arbeiten koordinieren. Aber an der Erledigung eines Jobs sollen ihn die Gehstöcke nicht hindern, da besteht Jürgen Flamm drauf: „Ich bin derjenige, der am abends am Feuer Geschichten erzählt und den Wodka ausschenkt“, versichert er.

Ein Gast wird sicher in den Genuss dieses Angebots kommen: Die bisher einzige Buchung für das Camp kommt aus Böblingen.

Jurtencamp im zentralasiatischen Bergland

Kirgisistan
Der zentralasiatische Staat grenzt im Norden an Kasachstan, im Osten an China, im Süden an Tadschikistan und im Westen an Usbekistan. In dem Land wohnen rund 6,5 Millionen Menschen. Mit knapp 200 000 Quadratkilometern Fläche ist es etwas mehr als halb so groß wie Deutschland. Kirgisistan war bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 Teil der Sowjetunion und ist eine vorwiegend islamisch geprägt. Auch das Schamanentum hat einen großen spirituellen Einfluss. Laut Verfassung ist das Land eine Präsidialdemokratie.

Camp
Das Camp von Jürgen Flamm heißt Besh-Karagai und liegt im Nordosten in den Ausläufern des bis zu 4000 Meter hohen Grenzgebirges zu Kasachstan nur wenige Kilometer vom Issyk-Kul-See, einem der größten Binnengewässer Asiens entfernt. In den fünf Jurten finden bis zu 16 Personen Platz – vom 2-Personen-Zelt mit Doppelbett bis hin zum traditionellen Massenlager. Saison ist von Mai bis September. Dann ist Winter und „da haben nur die Wölfe Spaß“ heißt es auf der Internetseite.

Internet
www.besh-karagai.com

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