Besondere WG in Stuttgart-West Ein Glücksfall – auch für die Pflegekräfte

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Jens Schoenknecht muss rund um die Uhr betreut und nachts beatmet werden. In einer WG in der Bebelstraße kann er trotz der Intensivpflege Normalität erleben.

In der Wohngemeinschaft an der Bebelstraße herrscht eine fröhliche Atmosphäre. Unser Bild zeigt von links Peter-Jürgen Schoenknecht, Magdalena Altmann, Jens Schoenknecht, Sophie Willrett, Pflegerin Agnes Dajka und Leandra Rothweiler. Foto: Sabine Schwieder
In der Wohngemeinschaft an der Bebelstraße herrscht eine fröhliche Atmosphäre. Unser Bild zeigt von links Peter-Jürgen Schoenknecht, Magdalena Altmann, Jens Schoenknecht, Sophie Willrett, Pflegerin Agnes Dajka und Leandra Rothweiler. Foto: Sabine Schwieder

Vaihingen/Stuttgart-West - Jens Schoenknecht ist ein fröhlicher, offener Mensch. Doch der 45-Jährige kann nicht gut mit anderen kommunizieren, seitdem ihm in seiner Kindheit der Zugang vom Rachen zur Luftröhre operativ verschlossen wurde. Er muss nachts an eine Beatmungsmaschine angeschlossen werden und braucht intensive Betreuung rund um die Uhr. Dafür sorgt ein Team von Pflegekräften. Anders als die meisten Betroffenen in einer solchen Situation kann Jens Schoenknecht aber in einer Wohngemeinschaft mit anderen zusammenleben. Dafür hat sich sein Vater, der Vaihinger Peter-Jürgen Schoenknecht, vehement eingesetzt. Seit dem Herbst wohnen in einer WG an der Bebelstraße im Stuttgarter Westen drei junge Frauen mit dem Behinderten zusammen, die den ganz normalen Alltag in die Wohnung bringen, nach dem sich Vater und Sohn lange gesehnt haben.

Jens Schoenknecht kam mit einem Hydrozephalus, im Volksmund Wasserkopf genannt, zur Welt. Ein Ventil ermöglichte ihm anfangs eine nahezu normale Entwicklung mit Kindergarten und Schule. Mit elf Jahren gab es plötzlich Probleme, Ärzte schätzten Symptome falsch ein und es folgten Jahre auf Intensivstationen und mehrere Operationen. Mittlerweile atmet der 45-Jährige, der deutlich jünger wirkt, tagsüber durch ein Loch im Hals. Er ist kognitiv eingeschränkt, hat aber gelernt, sich mit der sogenannten Ruktus-Stimme zu äußern, die ähnlich klingt wie Rülpsen.

Er mag es, wenn Leben in der Bude ist

Dem Gespräch am Küchentisch folgt Jens Schoenknecht aufmerksam. „Er braucht viele Reize“, sagt Sophie Willrett vom Intensivpflegedienst HLC. Die Teamleiterin kennt die Familie Schoenknecht seit drei Jahren und ist voller Bewunderung für das Engagement, mit dem nach ungewöhnlichen Wegen des Zusammenlebens gesucht wurde. „Jens ist einer, der geht nicht in den stillen Park, der will auf die Königsstraße“, beschreibt Sophie Willrett ihren Schützling. Durch das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft sei es besser möglich, seine Fähigkeiten zu erhalten.

Nach schlechten Erfahrungen in einer Münchner WG mit anderen Pflegebedürftigen holte Vater Schoenknecht seinen Sohn wieder zurück ins Elternhaus nach Vaihingen. Nach dem Tod der Mutter war er alleine verantwortlich – keine leichte Situation. Im Februar 2015 zog Jens Schoenknecht in die Viereinhalb-Zimmer-Wohnung an der Bebelstraße, in der zunächst ausländische Pflegekräfte abwechselnd die Betreuung übernahmen. „Das war wie in einer Jugendherberge“, kommentiert Vater Schoenknecht. Mittlerweile sind er und sein Sohn Ralf die Hauptmieter und organisieren die Betreuung mit Hilfe von zwei Einrichtungen. Tagsüber geht Jens Schoenknecht in die Tagesförderstätte der Lebenshilfe. Nachts und an den Wochenenden sind die Frauen vom Intensivpflegedienst HLC (Hermann-Link-Care, ein inhabergeführter Pflegedienst) Teil der WG.

Drei junge Frauen bringen den Alltag in die WG

„Das hat sich schon gut eingeschnuckelt“, meint Teamleiterin Sophie Willrett anerkennend: Neben dem regulären Wohngemeinschaftsbereich gibt es ein „Separee“ für Jens Schoenknecht und seine Betreuer, eine große Terrasse lockt nach draußen. In den untervermieteten Zimmern leben drei junge Frauen im Alter von 20 bis 22 Jahren, von denen zwei beim heutigen Gespräch dabei sind: Magdalena Altmann aus Lörrach studiert seit Oktober an der Dualen Hochschule Gesundheitsmanagement. Die Chinesin Yuhan Shi arbeitet bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Leandra Rothweiler studiert an der Dualen Hochschule Soziale Arbeit. Wenn sie nach drei Monaten für ihre weitere Ausbildung Stuttgart verlassen muss, wird eine Kommilitonin in ihr Zimmer einziehen.

„Ich fand die Idee sofort gut“, sagt Magdalena Altmann, und Mitbewohnerin Leandra Rothweiler ergänzt: „Die Anzeige war so sympathisch. Und außerdem ist die Wohnung wirklich schön.“ Beide fühlten sich schnell wohl, man habe schon gemeinsam mit Jens gekocht. Auch die hohe Fluktuation durch die Pflegekräfte störe nicht. Die beiden jungen Frauen mögen es, wenn Leben in der Bude ist, wenn eine der Pflegerinnen Lieder aus der Heimat singt oder wenn ihr Mitbewohner Jens Schlager hört. „Das Zusammenleben hat sich frei und ohne Regelwerk entwickelt“, lobt auch Sophie Willrett. „Es war von Anfang an alles offen und ehrlich kommuniziert“, erklärt Leandra Rothweiler, warum die Gemeinschaft gut zu funktionieren scheint. Die Kommunikation geht deutlich über ein freundliches „Guten Morgen“ hinaus. Und Jens Schoenknecht selbst? Auf die Frage, wie die neue Situation für ihn sei, kommt ein entschiedenes „Besser“.

Enger Kontakt zu den Fachleuten

Für Betroffene in einer ähnlichen Situation, die intensiv gepflegt werden müssen, gibt es bisher wenig Möglichkeiten. Viele werden im Elternhaus betreut, bis es nicht mehr geht. Peter-Jürgen Schoenknecht hat anderes im Sinn: Sein Sohn ist erwachsen und braucht mehr Erwachsene um sich als nur die Pflegekräfte. „Und ich möchte, dass es den Betreuern genauso gut geht wie meinem Sohn“, erklärt der pensionierte Architekt, warum er privat initiativ geworden ist. In der Wohngemeinschaft an der Bebelstraße ist der Kontakt zu den Fachleuten deutlich enger als anderswo. „Die Pflegedienste möchten oft mit den Angehörigen möglichst wenig zu tun haben“, ist Schoenknechts Erfahrung. „Angehörige werden manchmal als anstrengend empfunden“, gibt auch Sophie Willrett zu. „Es ist nicht leicht, Pflegekräfte zu finden, die damit gelassen umgehen können. Aber der Wille zur Kommunikation ist wichtig für alle Beteiligten.“

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