In Marbach (Kreis Ludwigsburg) ist ein Altstadt-Anwesen mit mehreren Besonderheiten auf den Markt gekommen. Zum Beispiel gibt es ein Extra-Gebäude, das zum Tiny House werden könnte.
Christian Kempf
02.06.2026 - 11:45 Uhr
Es liegt in der Natur der Sache, dass Häuser in einer Altstadt vor Geschichte strotzen. In der Hinsicht unterscheidet sich das Anwesen in der Marbacher Niklastorstraße 35, das seit etwa zwei Monaten zum Verkauf steht, nicht von anderen Immobilien in dem Quartier. Zusätzlich hat das Gebäude aber eine Besonderheit, die selbst in historischen Vierteln nicht alltäglich ist. In dem schmucken Fachwerkhaus kann man Geschichte gewissermaßen sogar fühlen. „Mitten durch das Gebäude zieht sich die Stadtmauer“, sagt Lars Brockstedt, der bei dem Ludwigsburger Unternehmen Weitblick Immobilien die Vermarktung des Anwesens verantwortet.
Man kann also durch das Wohnzimmer mit der offenen Küche spazieren und dabei die Steine anfassen, mit denen einst ein Schutzring um Marbach gezogen wurde. Errichtet wurde das Fachwerkhaus laut Landesdenkmalamt im Jahr 1823. Und dabei seien Reste der inneren Stadtmauer und eines Zwingerturms aus dem äußeren Wall integriert worden, erläutert der Marbacher Stadtarchivar Albrecht Gühring. Sogar deutlich älter ist offenbar der Gewölbekeller, der sich unter der Einliegerwohnung befindet, die zu dem Ensemble gehört und derzeit an die Stadt Marbach vermietet ist. Der Keller sei im 17. Jahrhundert entstanden, erklärt Makler Lars Brockstedt.
Jahrhundertealter Gewölbekeller unter der Einliegerwohnung
Der Gewölbekeller hält Lebensmittel auch im Sommer schön kühl. Foto: Simon Granville
Wer auch immer das Anwesen erwirbt, könne die Wohnung auch mit dem dreigeschossigen Haupthaus vereinen, betont Brockstedt. Schon jetzt gibt es eine Tür, die die beiden Einheiten verbindet. Der schmucke Gewölbekeller, der aus zwei Kammern besteht, ist über eine steile Treppe erschlossen und wunderbar kühl.
Bezaubernd ist zudem der Garten, der sich über verschiedene Ebenen erstreckt. Von der Niklastorstraße aus ist diese kleine Oase nur zu erahnen, die wie ein Schlauch um das Haus herum zur Terrasse führt. Die Idylle hier hat einst sogar ein prominenter Bewohner genossen. In dem Haus habe der frühere Marbacher Bürgermeister Wilhelm Schenk gewohnt, sagt Eberhard Hubrig, ehemaliger Wirt des Goldenen Löwen in der Niklastorstraße und Kenner der Marbacher Lokalgeschichte. Schenk wurde 1879 geboren und bestimmte nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1948 die Geschicke der Stadt. Er starb im Jahr 1953.
„Mitten durch das Gebäude zieht sich die Stadtmauer.“
Lars Brockstedt, Immobilienmakler
Wilhelm Schenk hat aber nicht nur als Bürgermeister in Marbach Spuren hinterlassen. Er betrieb einst auf dem Grundstück ein Geschäft, in dem Tabakwaren feilgeboten wurden. Und zwar in dem vorgelagerten solitären Häuschen in der Niklastorstraße 37, das die meisten Marbacher vom Vorbeispazieren kennen dürften. Nach der Ära Schenk seien dort unter anderem ein Stoffladen und eine Buchhandlung angesiedelt gewesen, sagt Eberhard Hubrig. Zuletzt wurde das zu dem Anwesen gehörende Gebäude als Werkstatt genutzt. Wie der Makler Lars Brockstedt hervorhebt, könnte daraus aber wieder ein echtes Schmankerl entstehen, wenn auch mit anderer Funktion als in der Vergangenheit: ein Tiny House.
Eine Architektin habe hierfür im Jahr 2013 sogar einen Entwurf erstellen lassen. „Daraus lässt sich ablesen, was man hier alles draus machen kann“, sagt Lars Brockstedt. Die künftigen Besitzer könnten beispielsweise auch das obere Geschoss des kleinen Gebäudes ausbauen, womit man eine Gesamtwohnfläche von rund 40 Quadratmetern erreichen würde. Weitere Kapazitäten könnten mit einem seitlichen Anbau zur Terrasse hin geschaffen werden. „Anschlüsse für Strom und Wasser sind schon vorhanden, eine Heizung ebenfalls“, betont der Makler. Die Voraussetzungen für eine Wohnnutzung seien somit gegeben.
Ferienwohnung für Touristen auch eine Möglichkeit
Rund um das Haus schlängelt sich ein idyllischer Garten. Foto: Simon Granville
Denkbar sei es auch, das Tiny House nicht dauerhaft zu vermieten, sondern an Touristen als Ferienunterkunft. Gerade in einer viel besuchten Kommune wie Marbach könne sich das anbieten. Die Lage in der Altstadt und doch eher ruhig am Rande sei dafür ideal. Brockstedt schätzt, dass man grob zwischen 80.000 und 100.000 Euro in die Hand nehmen müsste, um die Werkstatt in ein Tiny House umzuwandeln.
Doch dazu muss man das Anwesen zunächst erwerben. Aufgerufen werden für das gesamte Ensemble 710.000 Euro. Dabei sei auch ein Stellplatz für ein Auto inkludiert, sagt Brockstedt. Das Grundstück ist 435 Quadratmeter groß. Die Wohnfläche beträgt insgesamt 224 Quadratmeter, wobei sich das Haupthaus über drei Geschosse erstreckt und ein Stockwerk über der Einliegerwohnung beginnt, die im Erdgeschoss liegt.
„Das Haus ist 2007/08 grundlegend saniert worden. Man könnte nach einem Kauf direkt einziehen“, sagt Lars Brockstedt - und sich damit gewissermaßen in die Fußstapfen eines Bürgermeisters begeben und zugleich das mittelalterliche Flair einer Stadtmauer hautnah erleben.