Besonderes Bauwerk in Backnang Ein Juwel aus Schichtbeton

Im Hauptraum des Cafés TOM wird Kunst ausgestellt. Foto: Gottfried /toppel

Der Bildhauer Nobert Kempf hat in Backnang ein Gebäude aus Beton erschaffen, um Kunst und Kulinarik zu vereinen. Doch sein Traum muss pausieren.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

„Das ist kein Haus, das ganze Gebäude ist ein Kunstwerk“, entfährt es einer Besucherin, als sie das Café TOM zum ersten Mal betritt. Der eindrucksvolle Betonbau am Ortsausgang von Backnang an der ehemaligen Haltestelle Spinnerei fällt nicht nur von außen durch seine besonders strukturierte Fassade ins Auge, vor allem im Innern kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Das Bauwerk besteht komplett aus gegossenem Beton: die Wände, die Theke, die Leuchten, Treppenstufen samt Handläufen und selbst das Waschbecken in der Toilette. Dazu entdeckt man überall liebevoll gearbeitete Details, Ornamente und Verzierungen; hier Schnecken, da Kreise, dort Spiralen.

 

Am Ort von Spinne, Onkel Tom’s Hütte und Café Fidel

Erschaffen hat das Haus der Backnanger Bildhauer und Steinmetz Norbert Kempf. Es steht am Bahnübergang vis-à-vis seiner Werkstatt und seinem Wohnhaus, dem ehemaligen Bahnwärterhäuschen aus dem Jahre 1878 und der 1940 gebauten Wartehalle. Diese beiden Gebäude hat Kempf 2001 in marodem Zustand gekauft und aufwendig renoviert.

Das Grundstück gegenüber, wo nun der Betonbau steht, hatte er seinerzeit ebenfalls erworben. „Für mich gehörte das kleine Häuschen immer zum gesamten Ensemble“, sagt Kempf. Es dürfte vielen Backnangern aus früheren Tagen bekannt sein, befanden sich dort über Jahrzehnte Kneipen mit klangvollen Namen wie Café Kläff, Spinne oder Onkel Tom’s Hütte. Und als er es 2001 mit dem Hanggrundstück dem damaligen Eigentümer abgekauft hat, wurde es noch einige Jahre als Café Fidel weitergeführt. Weil sich der Biergarten jedoch auf Flächen von Bahn und Stadt befand und diese ihre Grundstücke 2012 beanspruchten, war damit das Ende des Cafés Fidel besiegelt.

Bau ist voll auf Gastronomie ausgelegt

Kempf entschied sich für einen Abriss und einen Neubau. „Wir haben zwei Jahre geplant und vier Jahre am Rohbau gearbeitet“, berichtet der Bildhauer. Wie viele Schubkarren er und seine zwei bis drei Helfer befüllt und in die Schalungen gekippt haben, kann er nicht sagen. Es waren viele Hunderte. Allein die sechs Betonblöcke, auf denen der Bau fußt, wiegen hundert Tonnen. Das Haus selbst wurde schichtweise gegossen – wechselweise mit Muschelkalk und mit Jurakalk, wodurch sich unterschiedliche Farbnuancen bei jeder Schicht ergeben. „Jede 18 Zentimeter hoch, rund 60 Schichten in der Summe, immer eine pro Woche“, berichtet Kempf. „Wie ein Monolith wuchs der Bau in die Höhe.“ Exterieur und Interieur sind quasi aus einem Guss. Die Oberflächen wurden von Kempf aufwendig per Hand mit dem Zahnmeißel bearbeitet.

Trotz Kunst am Bau: „Das Gebäude ist voll gastronomietauglich“, berichtet Kempf. „Für mich war immer klar, dass hier wieder ein Restaurant oder Café hingehört. Wir haben im Untergeschoss Anlagen für eine Profiküche samt Kühlraum, es existiert sogar ein Schacht für den Speiseaufzug“, so der Bauherr. Es gibt einen großen Gastraum mit Bar und Theke, Wand und Fußbodenheizung, eine Lounge und zwei Terrassen. Auch an eine Dusche für Personal hat Kempf gedacht. Fehlte nur der richtige Pächter.

Alles fertig, dann kam Corona

„Als alles so gut wie fertig war, haben wir das Gebäude beworben, damit sich ein Koch meldet“, erzählt Kempf. Doch statt eines Kochs kam Corona. „Und auch danach kein ernst zu nehmender Interessent“, bedauert der 59-Jährige. „2021 haben wir dann tageweise das Café TOM eröffnet und das Haus der Öffentlichkeit beim Backnanger Kultursommer zugänglich gemacht.“ Seit Mai 2022 finden Ausstellungen in Zusammenarbeit mit der Galerie der Stadt Backnang statt. Geöffnet an Sonntagen, 14 bis 16 Uhr, mit Kunst, Kaffee und Kuchen. Doch damit wird Ende dieses Monats Schluss sein: Weil sich der Traum vom Restaurant bisher nicht verwirklichen ließ und auch die Stadt Backnang nicht einsteigen wollte, verpachtet Kempf den Bau ab September an ein Marketingunternehmen. Er hofft, dass der Traum vom Restaurant nur pausiert und nicht endet. Das Restaurant selbst zu betreiben, komme für ihn nicht infrage: „Ich bin Bildhauer, kein Gastronom!“

Programm

Veranstaltungen
 Die vorläufig letzten Veranstaltungen im Café TOM, Spinnerei 2, sind: am Sonntag, 13. August, 14 bis 16 Uhr, die Finissage der Künstlerin Caroline von Grone. Am Freitag, 18. August, 19 bis 23 Uhr, die Vernissage von Fabian Baur mit Musik. Am Sonntag, 20. August, 14 bis 16 Uhr, Musik mit Pia Sophie Stahl und Julian Tegeder (Horn, Gitarre). Am Sonntag, 27. August, 14 bis 22 Uhr, gibt’s Musik mit Jonas Heck, Schlagwerk, und Barnabas Herrmann mit einer akustischen Performance.

Kontakt
 Wer Kontakt mit dem Bildhauer und Künstler Norbert Kempf aufnehmen möchte, erreicht ihn telefonisch unter der Nummer 015 20 / 4 93 46 75.  

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