Besonderes Jagd-Denkmal im Böblinger Wald Exklusive Pirsch im Sperrgebiet

Mannshohe Tunnel mitten im militärischen Sperrgebiet: Pirschgänge als jagdhistorisches Denkmal im Böblinger Wald Foto: Stefanie Schlecht

Geheimnisvoll und fast einmalig: Die Pirschgänge im Böblinger Wald sind saniert und konnten nun besichtigt werden. Das Interesse war riesig – weil es eine solche Gelegenheit nur ganz selten gibt.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Das Tor in die verbotene Welt öffnet sich per Chipkarte. Im Besitz einer solchen ist als einer der wenigen Bundesförster Andreas Ganz, der am Sonntag einer Schar von 30 Interessierten ausnahmsweise Zugang gewährte. Als Begleitprogramm der aktuellen Schau „Die wilde Jagd“ im Fleischermuseum ging es in den Böblinger Wald. Allerdings nicht in den für jedermann zugänglichen Teil, sondern zu einem besonders gut geschützten Böblinger Kulturdenkmal: den Pirschgängen. Diese befinden sich mitten im militärischen Sperrgebiet der US Army östlich des Musberger Sträßles.

 

Sonst üben die Amerikaner hier Manöver

Dort, wo sonst die Spezialeinheiten der Amerikaner ihre Manöver üben, herrscht am Sonntag eine unerwartete Idylle. Durch eine scheinbar unberührte Wald- und Heidelandschaft führt Ganz die Wandergruppe zum eigentlichen Ziel des Ausflugs. Die Pirschgänge, von denen nur noch der längste Gang in Teilen erhalten ist – ursprünglich bestand die Anlage aus drei Gängen. Beginnend an einem Waldrand erstreckt sich der 276 Meter lange Tunnel flach abfallend bis an den Rand einer breiten Schlucht.

„Als die Tunnel um das Jahr 1737 erbaut wurden, trafen die Gewehre längst nicht so genau auf große Distanz wie heute“, sagt Ganz. Auf weite Entfernung war vor allem der Wind ein erheblicher Faktor, die Flugbahn der Kugel zu stören. So entstand der Versuch, sich über unterirdische Gänge näher ans Wild heranzupirschen, ohne dass dieses aufgescheucht wurde.

Der Hauch der Geschichte

Andreas Ganz räumte auch gleich mit dem verbreiteten Irrglaube auf, dass die Pirschgänge vergleichbar seien mit Schützengräben, an deren Rändern die Jäger längsseits ihre Flinten anlegten. Ursprünglich waren diese nach oben hin komplett geschlossen. „Tatsächlich konnte man nur von den jeweiligen Tunnelenden aus das Wild ins Visier nehmen.“ Auch die Öffnungsluken etwa auf Kopfhöhe dienten keineswegs als Schießscharten, sondern vielmehr als Licht- und Lufteinlässe.

Durch den eher unscheinbaren Torbogen aus grob behauenen Steinen, der am Waldrand hervorlugt, darf die Gruppe dann endlich die Gänge betreten. Im Inneren hauchen die Sandsteinmauern den kühlen Hauch der Geschichte. Obwohl die rund zwei Meter hohen Tunneldecken etwa auf der Hälfte der Länge fehlen, lässt sich erahnen, wie die Waidmänner hier einst auf der Pirsch waren. Auch die Lage der Tunnel leuchtet noch heute ein: Am unteren Ende liegt dem Beobachter eine breite Schlucht zu Füßen mit einem Bachlauf in der Mitte. Gut vorstellbar, dass das Wild hier in der Dämmerung seinen Durst stillte. Am oberen Ende ergibt sich ein guter Überblick über die dortige Lichtung.

Geschossen wurde nur am Tunnelende

Wenngleich die Vorzüge der Anlage kaum zum Tragen kamen: „Die Pirschgänge wurden jagdlich kaum genutzt“, sagt Andreas Ganz. Den Auftrag gab der württembergische Herzog Karl Alexander in den 1730er Jahren, nachdem er etwas Vergleichbares in Ungarn kennengelernt hatte. Doch dem Herzog war kein langes Leben und damit auch keine lange Regentschaft gegönnt: 1737 – dem Jahr der Fertigstellung – starb er überraschend an einem Lungenödem. Ob und wie häufig er selbst die Anlage genutzt hat, lässt sich nur schwer sagen. Als gesichert gilt heute nur, dass sie weit und breit fast einmalig ist. Ein ähnliches Tunnelsystem im Wald existiert heute nur noch auf dem Rieseneck bei Hummelshain in der Nähe von Jena. Doch in Böblingen ist man froh, die Pirschgänge erhalten zu haben.

Der Herzog hatte nicht viel davon

„Wir hatten über 300 Anmeldungen auf die 30 Plätze“, sagt Christian Baudisch, der Leiter des Fleischermuseums, der schon 2019 die Idee hatte, die Führung als Begleitprogramm in die aktuelle Schau aufzunehmen. Damals wurde auch die jüngste Sanierung angestoßen: 168 000 Euro flossen in die Erhaltung des alten Gemäuers. Die Fertigstellung im Mai 2020 fiel voll in die Coronazeit, weshalb eine öffentliche Besichtigung nicht möglich war. Auch jetzt ist ungewiss, wie die aufwendig sanierten Pirschgänge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können – immerhin liegen sie inmitten des US-Trainingsgeländes. Und dieses wird bald durch einen weiteren hohen Zaun gesichert.

Übungsplatz seit 1994 in amerikanischer Hand

„Bis 1994 wurde der Truppenübungsplatz von der Bundeswehr genutzt, danach ging er an die Amerikaner über“, sagt Andreas Ganz. Die US Army habe ihn vom Bundesforst gepachtet, einer Abteilung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die viele der ehemaligen Bundeswehr-Übungsplätze verwaltet. Ganz: „Wir verfolgen eine ganz andere Waldpolitik als etwa die Landesforste.“ Da das Gebiet verpachtet und nicht öffentlich zugänglich sei, sei der Wald seit 1947 mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Das verleihe ihm seinen besonderen, unberührten Charakter. Ein klassischer Mischwald mit viel altem Baumbestand hat sich hier gebildet, in den der Mensch nur wenig eingreife. Monokulturen oder Plantagen mit viel Holzeinschlag, wie sie sonst weit verbreitet sind und den Wäldern zusetzen, gebe es hier oben nicht, sagt Ganz. Allzu weit ist es mit der Unberührtheit trotzdem nicht her. Die Präsenz der US-amerikanischen Streitkräfte ist unübersehbar. Sei es durch die vielen Warnschilder oder eine Siedlung aus Rohbauten im Wald – hier trainieren Spezialeinheiten den Häuserkampf.

Herzog Karl Alexander von Württemberg

Geboren
wurde Karl Alexander am 1684 in Stuttgart, von 1733 bis 1737 war er der elfte regierende Herzog von Württemberg.

Regentschaft
In seiner nur vierjährigen Amtszeit versuchte Karl Alexander, die ausufernden Finanzen des Hofstaats mithilfe des Bankiers Joseph Süß Oppenheimer neu zu ordnen. Das brachte dem Katholiken einen Konflikt mit der überwiegend protestantischen Landbevölkerung ein.

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