Besonderes Kennenlernen Drei Gänge und ein neuer Freund – Begegnungen in der Esslinger Vesperkirche

Dieter Rösel und Christine Tinneberg sind in der Vesperkirche Freunde geworden. Foto: Roberto Bulgrin

200 Essen täglich, offene Türen für alle. Nach zwei Wochen schließt am Sonntag die Esslinger Vesperkirche. Für die Freunde Christine Tinneberg und Dieter Rösel ein Abschied auf Zeit.

Volontäre: Lena Fux (fux)

Als er Christine Tinneberg zum ersten Mal entdeckte, die alleine an einem der Tische saß, war noch nicht viel los. „Da habe ich mich zu ihr gesetzt“, erzählt Dieter Rösel grinsend. „Wir haben uns dann sehr nett unterhalten.“ Zum Schluss sagte sie nur: „Ja, morgen kommst du wieder.“ Das ist nun drei Jahre her. Drei Jahre, in denen sich die beiden jeden Tag in der Vesperkirche in Esslingen getroffen haben und die besondere Freundschaft anhält. In den übrigen Monaten des Jahres treffen sie sich nicht.

 

An den langen Tafeln im Blarer Gemeindehaus sind um kurz vor zwölf Uhr mittags noch viele Sitzplätze frei. In wenigen Minuten beginnt die Essenszeit. Die Tische sind eingedeckt mit Blumen und Teelichtern. Bevor es losgeht, wird gemeinsam gebetet. Die meisten blicken dabei zu Boden, säuseln leise mit, halten kurz inne. Eine Kerze wird entzündet. Ein gemeinsames „Amen“ durchflutet den großen Raum.

Dann beginnt das Treiben: Rund 30 ehrenamtliche Mitarbeitende schenken täglich Getränke und Kaffee aus, servieren etwa 200 warme Mittagessen – vegetarisch oder mit Fleisch, dazu Suppe und Salat. Für den süßen Zahn gibt es im Anschluss Kuchen. Seit dem 18. Januar 2026 sind wieder alle willkommen, die sich auf ein gemeinsames Mittagessen und angenehme Gespräche freuen. Am 1. Februar schließen sich die Türen nun wieder.

Rund 30 Mitarbeitende kümmern sich täglich um die Gäste. Foto: Roberto Bulgrin

Dieter Rösel erfuhr vor drei Jahren bei einem Gottesdienst von der Vesperkirche. Der Esslinger beschloss, ihr direkt am nächsten Tag einen Besuch abzustatten. Seitdem kommt er in der Vesperkirchenzeit jeden Tag ins Gemeindehaus.

Die Vesperkirche: Ein Ort für ein warmes Essen und gute Unterhaltung

Damit dort alles reibungslos abläuft, behält Bernd Schwemm den Überblick. Seit 2013 organisiert er die Aktion, die meisten Gäste kennt der Projektleiter persönlich. Ein paar bleiben für sich, die meisten setzen sich an einen Tisch dazu und kommen ins Gespräch. Schubladendenken gibt es in der Vesperkirche nicht. Man täusche sich doch immer, so Schwemm.

Alle sind willkommen und zahlen, was der Geldbeutel zulässt. Wer kein Geld hat, darf umsonst essen. Zum Aufessen ist niemand gezwungen. „Manche Gäste sind es gar nicht gewohnt gescheit zu essen“, so Schwemm. Im Einkauf kostet ein Menü sechs Euro, ansonsten finanziert sich das Projekt durch Spenden. Zwischendurch könne es in der Vesperkirche auch mal laut werden. „Wer das ganze Leben zu kurz kommt, der ist natürlich nicht so entspannt wie alle anderen“, beschreibt er. Oft gehe es auf der Straße um das blanke Überleben. Genau deshalb sei es wichtig, einen Ort zu schaffen, der sich ein bisschen wie Urlaub anfühlt.

Die Vesperkirche schließt nach zwei Wochen wieder. Täglich wurden 200 Essen ausgegeben. Foto: Roberto Bulgrin

Das sieht auch Dieter Rösel so. „Es ist so toll, dass auch Menschen mit kleinem Geldbeutel wie ein König behandelt werden“, fasst der 63-Jährige zusammen. Gegenüber von ihm sitzt Christine Tinneberg, vor ihr steht noch ein Teller mit den letzten Resten Königsberger Klopse. Die 86-Jährige ist dankbar, keinen Haushalt mehr führen zu müssen. Sie sei früher keine gute Hausfrau gewesen, sagt die Mettingerin schmunzelnd. Nebenbei habe sie bei der Post gearbeitet. Seit 28 Jahren genießt sie nun ihre Rente. „Es ist so schön für mich, nicht mehr kochen zu müssen. Nicht mal die Kaffeemaschine mache ich an“, erzählt sie. Fürs Essen kommt sie in die Vesperkirche. Dort trinkt sie dann auch ihren ersten Kaffee.

Das Essen habe sich im Vergleich zum Vorjahr verbessert, finden die Freunde Tinneberg und Rösel. Foto: Roberto Bulgrin

Die Freunde sind sich einig, dass sich das Essen im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich verbessert hat. Dieter Rösel, der beruflich Comics über das Internet verkauft, freut sich neben dem Essen vor allem auf die Unterhaltung und das nette Personal.

Die Vesperkirche in Esslingen tischt auf

Suppe, Salat, Hauptgang, Kaffee und Kuchen gibt es in der Vesperkirche, das Essen bezieht die Kirche von „Dienste für Menschen“ aus Kennenburg. Die Ehrenamtlichen arbeiten an der Essensausgabe oder bedienen die Gäste. Pro Tag sind 17 Kuchen einkalkuliert, die von Freiwilligen gespendet werden. Was übrig bleibt, geht an Tafeln oder wird Gästen mitgegeben.

Über die vergangenen Jahre sei die Nachfrage nach Plätzen in der Vesperkirche gestiegen. „Das liegt aber nicht an der Not. Die ist immer da“, meint Bernd Schwemm – sondern an Corona. Damals sei ein Großteil des Angebots eingebrochen und das Essen zum Mitnehmen angeboten worden. Dass die Vesperkirche nun physisch zurück ist, sei wieder mehr in den Köpfen der Menschen. „Für mich ist es immer am schönsten, wenn jeder einen Platz hat und jeder etwas zum Essen kriegt.“ Er ist zuversichtlich, dass die Vesperkirche auch in den kommenden Jahren stattfinden kann. „Das Schönste ist, wenn Begegnung möglich ist.“

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