Besonderes Projekt in Korntal-Münchingen Kita und Demenz-WG unter einem Dach

Eine Premiere für beide: Simon, fünf Jahre alt, füllt mit dem scheidenden Korntal-Münchinger Bürgermeister Joachim Wolf eine Zeitkapsel für den Grundstein. Der Architekt des städtischen Gebäudes mit Kita und Wohnen, Günter Hermann, begleitet die Zeremonie. Foto: Jürgen Bach

Korntal-Münchingen bekommt unter dem Dach des städtischen Gebäudes mit Kita und Wohnen im Baugebiet Korntal-West etwas, das nicht viele Kommunen haben.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Gerungen wurde lange um den Bau des städtischen Gebäudes im Neubaugebiet Korntal-West, unter dessen Dach eine Kita für 130 Kinder, eine Demenz-WG, geförderter Wohnraum und ein Gemeinschaftsraum kommen – nicht zuletzt, weil sich die Kosten auf 16,5 Millionen Euro verdoppelt haben. Nun fand im Rohbau mit der Grundsteinlegung ein besonderes Ritual statt – weil das Projekt „ein ganz besonderes Bauprojekt der Stadt“ ist, begründet der Bürgermeister Joachim Wolf (parteilos) dies.

 

Vierte Demenz-WG im Strohgäu

„Ein Projekt mit einer derart vielfältigen und generationenübergreifenden Nutzungsvielfalt ist ein großer Zugewinn für den Stadtteil und ganz Korntal-Münchingen“, meint der Rathauschef. Auch diesem Neubau seien „leider die teils dramatischen und überregional grassierenden Kostensteigerungen“ nicht erspart geblieben. „Umso dankbarer bin ich dem Gemeinderat, dass er diesen vielfältigen Wert des Bauwerks nie aus dem Blick verloren und daher dessen Realisierung zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich infrage gestellt hat.“

Sonst könnte sich die Stadt womöglich nicht damit brüsten, etwas zu haben, das sich langsam verbreitet: eine Demenz-WG. Laut dem Landratsamt in Ludwigsburg haben bisher nur Gerlingen (zehn Plätze im Annemarie-Griesinger-Haus) und Ditzingen (zwei Mal acht Plätze im Wilfried-Börgerling-Haus in Heimerdingen) solche Einrichtungen. Alle Plätze sind belegt. „Die Nachfrage ist sicher auch deshalb groß, weil die Nachfrage nach Plätzen in allen Angeboten groß ist“, sagt Michael Brenner.

Er ist der Geschäftsführer der Heidehof-Stiftung in Stuttgart, die Trägerin der Demenz-WG für acht Personen in Korntal. Tochterfirmen der Stiftung betreiben die WGs in Ditzingen und Gerlingen. In Kirchheim/Neckar wird derzeit eine ambulante Wohngemeinschaft fertiggestellt – für Menschen mit und ohne Demenz. Im Kreis Böblingen gibt es keine Demenz-WGs. Pläne in Leonberg-Warmbronn scheiterten einst, unter anderem an der Finanzierung.

„Wichtige alternative Wohnformen“

„Eine Alternative zu dem Angebot der Dauerpflegeplätze“ nennt der Ludwigsburger Sprecher des Landratsamts, Andreas Fritz, Pflege- oder Demenz-WGs. Sie seien wichtige alternative Wohnformen, wenn die häusliche Pflege des Familienmitglieds mit Demenz im eigenen Zuhause nicht mehr bewältigt werden könne oder der Wunsch des Menschen mit Demenz bestehe, in eine WG zu ziehen. „Dann bietet die Wohngemeinschaft die Möglichkeit, weiterhin ein selbstbestimmtes Leben in einer familiären Atmosphäre zu führen.“ Die kleine Gruppengröße von maximal zwölf Plätzen ermögliche die individuelle Gestaltung des Wohnraums sowie die individuelle Betreuung des Menschen mit Demenz, Sicherheit und das Gefühl von Häuslichkeit.

Der Geschäftsführer der Heidehof-Stiftung sagt, Demenz-WGs funktionieren wie gewöhnliche Wohngemeinschaften. Mit dem Unterschied, dass für Demenzpatienten am Tag zwei Betreuer vor Ort sind, in der Nacht ist es eine Kraft. Und es kommt ein Pflegedienst. Abgesehen davon gilt: Jeder hat sein eigenes Zimmer. Einkaufen, kochen, backen, waschen – die Bewohnerinnen und Bewohner machen nach Möglichkeit alles selbst, sagt Michael Brenner.

So erleben sie vertraute Wohnstrukturen mit gewohnten Tagesabläufen und zugleich Gemeinschaft. „Der Alltag hält einen am Leben“, sagt Michael Brenner. Freilich würden die erkrankten Menschen nicht genesen, nur weil sie in einer WG leben. „Aber es herrscht eine andere Atmosphäre als im Pflegeheim. Es ist ein anderes Leben – deutlich näher am früheren Alltag.“ Das Leben in der WG gestalten die Angehörigen mit.

Kinder ohne Berührungsängste

Ebenfalls werden die Kitakinder Teil des Alltags in Korntal sein – wie das auch in Heimen weder ungewöhnlich noch neu sei, sagt Michael Brenner. „Das sollte man tun, bewusst und vorsichtig, um niemanden zu überfordern.“ Die Stadtverwaltung findet „eine solche Kooperation auf jeden Fall erstrebenswert“, sagt die Rathaussprecherin Angela Hammer. „Wir würden uns das als Stadt auch wünschen.“ Michael Brenner sagt, Kinder hätten keine Berührungsängste. Sie singen mit den Bewohnern oder spielen Brettspiele – wie es Enkel mit ihren Großeltern tun. Das regt den Geist an und weckt Erinnerungen sowie positive Gefühle, zeigen Beobachtungen. Brenner: „Die Bewohner sind nach einem Besuch fröhlicher.“

Wie Heime kämpfen auch Demenz-WGs um Personal. In Heimerdingen öffnete die zweite WG mangels Kräfte ein Jahr später als geplant. „In Korntal wird es ähnlich sein“, fürchtet Michael Brenner. Obwohl ihm zufolge die Vorgaben für Wohngemeinschaften weniger streng sind – eine Kraft müsse nicht zwingend Pflegefachkraft sein –, weshalb das Suchfeld größer sei. „Erfahrungen wären gut, und die Bereitschaft ist wichtig, sich fort- und weiterzubilden, gerade wenn man fachfremd ist“, so Brenner. Gleichwohl würden auch Fachkräfte benötigt.

Der Kreis packt finanziell mit an

Finanziell jedenfalls hilft der Kreis Ludwigsburg: Er bezuschusst den Aufbau von ambulanten Pflege-Wohngemeinschaften mit je 50 000 Euro. Die Altenhilfe-Fachberatung gibt Initiatoren und Kommunen weitere Informationen und Unterstützung. Das viergeschossige Haus in Korntal mit zudem nachhaltiger Architektur mit Holz und einer Energieversorgung mit Erdkollektoren und Wärmepumpe ist wohl im Mai 2025 fertig.

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