Lernten sich in Frankreich kennen und lieben und verwirklichen nun ihren Traum der gehobenen Küche in Hohenlohe: Constanza Piccolo und Heiner Bohnet. Foto: Goldene Sonne/Julia Marie Werner
Was hier in Neuenstein aufgetischt wird, begeistert Gourmets allerorten. Der Koch hat nicht nur im Mirazur gearbeitet. Und es gibt ein Wiedersehen mit einem Stuttgarter Sommelier.
In unserer Serie „Besser Essen“ stellen wir die besten Restaurants in Baden-Württemberg vor. Wir besuchen außergewöhnliche Gaststätten, bodenständige Landgasthöfe und renommierte Sternerestaurants. Heute im Test: die Goldene Sonne in Neuenstein.
Das Haus
Wer zum ersten Mal nach Neuenstein in Hohenlohe fährt, ist erst einmal bass erstaunt, wie hübsch es hier ist: Es gibt ein schönes Schlösschen, ein schmuckes Rathaus und mit der Goldenen Sonne ein adrettes Fachwerkhaus. Und was sich hinter der Fassade verbirgt, ist kein 0815-Restaurant, sondern ein Lokal, das man locker in die Fine-Dining-Schublade stecken kann. Es werden hier aber keine Schäumchen geschlagen, keine Buttermilch-Dashi-Hamachi-Kreationen serviert, sondern es wird eine absolute Frischeküche geboten, die ihresgleichen sucht. Denn jede Woche wechselt das Menü.
Der Gastraum Foto: Goldene Sonne
Es ist ein schönes Haus mit Historie; 1786 wurde es von Johann Caspar Nagel gebaut. Holz-, Glas- und Steinarbeiten des Bildhauers Hermann Koziol sind bis heute Teil des denkmalgeschützten Inventars. Wie gut, dass das alles so erhalten wurde.
Die Betreiber
Heiner Bohnet ist ein wahrer Produktfetischist: Viele Zutaten erntet er selbst bei der Solidarischen Landwirtschaft oder bezieht sie von lokalen Erzeugern. Mehr als 70 Kräuter und Blüten gedeihen in eigenen Beeten, und ganze Tiere werden von naheliegenden Produzenten erworben, selbst zerlegt und verarbeitet.
Der Koch als Gärtner Foto: Goldene Sonne
Sein Werdegang ist außerordentlich: Nach einem abgeschlossenen Studium zum Wirtschaftsingenieur in Stuttgart wollte er doch lieber kochen – und wurde im Restaurant Tafelberg an der Stuttgarter Dobelstraße (die Älteren erinnern sich) ausgebildet. Es folgte das Hotel am Schlossgarten, dort schaffte er es zum Patissier. Dann verschlug es ihn an die Nordsee ins Sylter Fährhaus (zwei Sterne), nach Berlin zu Daniel Achilles ins Reinstoff, bevor er dann nach Frankreich zog. Im Mirazur waren es die Arbeitsbedingungen, die ihn nicht lange dort hielten, aber im Restaurant Bras, wo er alle Stationen durchlief, fand er seine Bestimmung. Er war schon auf dem Absprung, für die Familie Bras als Küchendirektor nach Japan zu gehen, doch dann kam Corona.
Ein Glück für uns Gäste in Neuenstein: Hier hat er mit seiner Frau Constanza Piccolo, einer gebürtigen Argentinierin und Sommelière, ein wahres Paradies für Feinschmecker geschaffen. Neu im Team seit Sommer 2025 ist Dirk Romann als Sommelier, der viele Jahre im Stuttgarter Restaurant 5 tätig war.
Das Essen
Seit wir hier zu Besuch waren, wird ein Mal die Woche auf die Webseite gespickelt. Heiner Bohnet ist so wahnsinnig, das Menü wöchentlich zu wechseln. Seit der Eröffnung im Frühjahr 2022 hat sich keine Speisenabfolge wiederholt. Bohnet kocht mit dem, was nicht nur Saison hat, sondern topaktuell blüht, reift und eben exakt passt. Das ist etwas, das man – ehrlich gesagt – kaum irgendwo erlebt. Er lässt sich stets von der Ernte der aktuellen Woche inspirieren
Auch die Getränke sind außerordentlich: es gibt einen Apfelsaft von der eigenen Streuobstwiese, Champagner, einen alkoholfreien Aperitif, der eine Art Negroni ist, dem aber der Wumms nicht fehlt. Dazu immer Wasser als Flatrate, also im Preis inklusive so viel man möchte. Das ist ein scheinbar kleines Zugeständnis, das sie mit der Mehrwertsteuersenkung eingeführt haben. Wenn man aber an die Flaschenwasserpreise anderswo denkt, ist das etwas, das sich als Gast durchaus spürbar bemerkbar macht.
Es gibt zwar ein Menü, es ist aber auch alles à la carte orderbar. Alles mit Käse und Dessert kommt auf 135 Euro. Wenn jetzt das Schwabenherz eine erhöhte Frequenz anzeigt, dann muss man natürlich wissen, dass es natürlich noch einiges obendrauf gibt. Erst einmal kommt das Brot, das sind zwei selbstgebackene Sorten (Bauernbrot und Bärlauchbrot), dazu gibt es Orangenbutter mit Kartoffel, Topinamburtartelette mit Fichtennadeln, ein Rote-Bete-Mousse mit Minze. Wie immer gilt hier die Vorsichtsregel, sich nicht an der Butter satt zu essen. Dem nicht genug, kommt als erster kleiner Gang das Amuse: ein herrlich leichtes Karottentatar, gepickelter Butternut, Sonnenblumenkerne, Stängelbrokkoli, Curryschaum und Bohnenkraut.
Die Tomate Foto: nja
Dann aber der erste Gang: die wunderschöne Schönenberger Ochsenherztomate, eine Hommage an Bohnets Station im Restaurant Bras, mit Olivencreme, Salzzitronenvinaigrette und Kräuterbouquet aus dem eigenen Garten. Es geht überraschend und wahnsinnig fein weiter mit einem Bretonischen Adlerfisch, der mit Kräuterseitling und Molchschwanz kombiniert wird und Spargel aus Kehlheim, zubereitet in Gänseschmalz für die Nicht-Vegetarier, sowie Chimichurri und Bärlauch. Absoluter Höhepunkt ist der Hauptgang: erstens, weil sich in der Fine-Dining-Blase kaum jemand traut, Schweinefleisch zu servieren, und weil es absolut en point ist: zu dem schönen saftigen Stück vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein aus Laßbach serviert Bohnet zart schmelzende Aubergine, gepickelten Rettich, eingelegte Rosinen (!) und Haselnussmiso. Es ist etwas, das nah dran ist am perfekten Gang, weil kein Element zu viel, keines zu wenig ist, jede Komponente in sich stimmig. Dass das Schwein im Ganzen in Bioqualität beim Bauer Schullerus gekauft und dann vor Ort nachgereift, selbst zerlegt und alles verwendet wird, komplettiert das Gesamterlebnis.
Der Hauptgang Foto: nja
So sitzt man hier und genießt, freut sich, dass es einen schönen Käsegang gibt, der als kleine, goldene Sonne angerichtet ist, dazu ein hausgemachtes Sauerteigbaguette. Dann zum süßen Schluss: Erdbeersorbet mit Zartbitterschokoladen-Crumble, Sauerampfercreme und Mandelkrokant sowie Orangensorbet, Tagetescreme und Sonnenblumenbiskuit. Ein ganz wunderbarer Abschluss eines sensationellen Menüs.