Besser essen, länger leben „Wir verbieten wenig – wir haben es einfach nicht im Haus“
Der Kardiologe Patrick Bode über Zucker, Kinderernährung und warum gemeinsames Essen wichtiger ist als jede Diät.
Der Kardiologe Patrick Bode über Zucker, Kinderernährung und warum gemeinsames Essen wichtiger ist als jede Diät.
Patrick Bode ist Kardiologe und erklärt auf Instagram als Kardiobode den Menschen, wie man gesund alt werden kann, wenn man auf die Ernährung achtet. Aber geht das auch mit Genuss?
Herr Bode, was haben Sie heute schon gegessen?
Noch gar nichts. Ich frühstücke nicht klassisch. Ich mache seit Jahren Time-Restricted Eating. Das heißt: Ich esse in einem begrenzten Zeitfenster. Für viele Menschen ist es leichter, morgens nichts zu essen. Ich trinke zwei Cappuccino mit Hafermilch und esse gegen elf Uhr meine erste Mahlzeit.
Und was gibt es dann?
Ich bin pragmatisch. Entweder ein Saaten-Porridge mit Hanf-, Chia- und Leinsamen, Buchweizen, Beeren und Nüssen. Oder ein sehr herzhaftes Frühstück mit Avocado, Salat, Tomaten, viel Olivenöl sowie Essig dazu Vollkornbrot mit Butter und zwei Eier. Viele Pflanzen, Proteine und Fett, aber weniger Kohlenhydrate. Ich will meinen Blutzucker flach halten.
Wann wurde Ihnen als Kardiologe klar, dass Ernährung fürs Herz entscheidender ist als Bewegung?
Während meiner Jahre im Herzkatheterlabor. Ich habe immer wieder Patienten gesehen, die perfekt medikamentös eingestellt waren – und trotzdem mit neuen Gefäßverschlüssen zurückkamen. Da habe ich gemerkt: Wir reparieren, aber wir verhindern nicht. In der klassischen Medizin lernen wir erschreckend wenig über Ernährung. Dabei ist sie der stärkste modifizierbare Faktor für Lebensdauer und Lebensqualität.
+++ Hier anmelden für unsere Veranstaltung Family Business (25.2.2026)! +++
Was heißt „richtig essen“?
Michael Pollan bringt es perfekt auf den Punkt: Eat food. Not too much. Mostly plants. Die mediterrane Ernährung ist am besten, das ist wissenschaftlich belegt. Viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl, Fisch, wenig Fleisch. Es ist eigentlich simpel. Unser Problem ist nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Umsetzung.
Ist heute zu viel Essen die größere Gefahr als zu wenig?
Ganz klar. Evolutiv sind wir darauf programmiert, Energie zu speichern. Früher war Hunger die Bedrohung. Heute ist Überfluss das Problem. Und nicht nur die Menge, sondern die Geschwindigkeit. Wer schnell isst, bekommt höhere Blutzuckerspitzen. Processed Food ist so verarbeitet, dass es uns überflutet. Das Insulin schießt hoch – und das fördert Fettaufbau und Gefäßschäden.
Gesund essen klingt oft nach Verzicht. Wo bleibt da der Genuss?
Das ist ein Missverständnis. Gesunde Küche kann opulent sein. Farbenreiches Gemüse, Gewürze, gute Fette und Proteine wir Tempeh, Tofu, Bohnen und dazu Vollkorn-Reis oder Kartoffeln.– das ist sinnlich. Das Problem ist, dass wir Genuss mit Zucker und Weißmehl gleichsetzen. Genuss kann auch ein perfekt gewürztes Gemüsegericht sein. Es geht um Qualität, nicht um Askese.
Sie haben fünf Kinder. Wie funktioniert gesunde Ernährung in einer Familie?
Wir verbieten wenig – wir haben es einfach nicht im Haus. Keine Säfte, keine Süßigkeiten, keine Frühstückscerealien. Wenn die Versuchung nicht da ist, muss niemand kämpfen. Kinder lernen über Vorbilder. Bei uns gibt es immer Gemüse wie Karotte und Kohlrabi, oft schon vor dem eigentlichen Essen. Und die Regel lautet: Alles wird einmal probiert.
Aber draußen lauern Donuts, Chips, Kantinenessen.
Natürlich kann ich die Welt nicht kontrollieren. Aber ich kann ein Bewusstsein schaffen. Mein Sohn hat irgendwann selbst angefangen, Softdrinks abzulehnen, weil er verstanden hat, was sie im Körper anrichten. Das Ziel ist nicht Kontrolle, sondern Selbstwirksamkeit. Kinder müssen lernen, Entscheidungen zu treffen.
Sie sehen Obst kritisch – das irritiert.
Obst ist kein Feind, aber auch kein Freifahrtschein. Manche Früchte sind extrem fruktosereich. Große Mengen treiben Triglyceride, Fettleber und Bauchfett an. Ein Apfel ist kein Problem. Aber zwei Bananen, Trauben und Mango täglich summieren sich.
Was ist mit Säften?
Wasser trinken, Kaffee, Tee – das reicht. Flüssiger Zucker ist metabolisch Gift.
Wie stehen Sie zu Abnehmspritzen?
Differenziert. Sie werden missbraucht, aber sie sind ein medizinischer Fortschritt. Für Menschen mit schwerer Adipositas können sie ein Werkzeug sein – wenn gleichzeitig Lebensstil, Bewegung und psychologische Aspekte bearbeitet werden. Die Spritze allein ist keine Lösung.
Und Nahrungsergänzungsmittel?
Ich war früher skeptisch. Heute sehe ich täglich Mängel: Vitamin D, Magnesium, Zink, B-Vitamine.. Ergänzung kann sinnvoll sein – aber sie ersetzt keinen gesunden Lebensstil. Schlaf, Bewegung, Ernährung und soziale Bindungen sind die Basis.
Sie sprechen oft von „Mindset“ und „Ikigai“. Warum gehört das zur Ernährung?
Weil Essen sozial ist. Gemeinschaft verlängert Leben. Bei uns wird gemeinsam gegessen. Selbst mit pubertierenden Kindern. Einsamkeit ist ein Risikofaktor wie Rauchen. Ernährung ist Kultur, nicht nur Biochemie.
Brauchen wir politische Eingriffe wie Zuckersteuer oder Werbeverbote?
Ja. Angebot steuert Verhalten. Wir haben Supermärkte voller Ultra-Processed Food. Kinder werden von Werbung überflutet. Individuelle Verantwortung reicht nicht. Öffentliche Kantinen, Schulen, Kitas – dort entscheidet sich die Gesundheit einer Gesellschaft. Gute Ernährung ist eine politische Aufgabe.
Ihr wichtigster Rat in einem Satz?
Kochen. Zusammen essen. Viele Pflanzen. Langsam kauen. Und Essen wieder als Kultur begreifen, nicht als Nebenbei-Konsum.
Patrick Bode,
geboren 1973 in München, ist Facharzt für Kardiologie und hat eine eigene Praxis in Seefeld-Hechendorf. Seine Spezialgebiete sind präventive Medizin und Psycho-Kardiologie. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder.